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Kirchliche Zwangsfusion landet vor Gericht

Die Leipziger Gemeinden der Thomas- und Nikolaikirche sollen aus Kostengründen zusammengelegt werden. Jetzt verklagen sie deshalb ihre eigene Landeskirche.

Von Sven Heitkamp
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So idyllisch, wie diese Aufnahme mit der Leipziger Thomaskirche aussieht, ist die Lage bei deren Gemeinde derzeit nicht.
So idyllisch, wie diese Aufnahme mit der Leipziger Thomaskirche aussieht, ist die Lage bei deren Gemeinde derzeit nicht. © dpa/Jan Woitas

Mit der Thomaskirche und der Nikolaikirche hat Leipzig zwei weltbekannte Attraktionen: St. Thomas als Wirkungs- und letzte Ruhestätte Johann Sebastian Bachs und Heimat des Thomanerchores. St. Nikolai als Ort der Friedensgebete, die 1989 Ausgangspunkt waren für die Montagsdemos der Friedlichen Revolution. Kaum ein Tourist kommt an diesen Gotteshäusern vorbei, zumal sie keine 500 Meter voneinander entfernt liegen.

Das Landeskirchenamt der evangelischen Kirche plant nun allerdings, die mehr als 800 Jahre alten Gemeinden enger zusammenzuführen, als ihnen lieb ist: Es will aus Kostengründen die Pfarrämter, Kirchenvorstände und die Organisation der beiden Gemeinden ab Januar unter dem Dach der Thomaskirche vereinen. Seither gehen viele Stoßgebete an den Allmächtigen, um den Dresdner Plänen noch Einhalt zu gebieten. „Die Kirchgemeinden müssen eigenständig und handlungsfähig bleiben, um ihre unterschiedlichen Aufgaben zu erfüllen und ihre Profile zu bewahren“, heißt es in einem öffentlichen Appell.

Dramatischer Mitgliederverlust

Und dabei bleibt es nicht. Die Gemeinden klagen jetzt beim Kirchlichen Verwaltungsgericht gegen den unverhofften Bescheid. Die Thomaskirchgemeinde hat die Klage bereits eingereicht, die Nikolaikirchgemeinde werde sich diese Woche anschließen, kündigte Pfarrer Bernhard Stief auf SZ-Anfrage an. Das Landeskirchenamt bestätigt auf Nachfrage den Eingang einer Klage.

Hintergrund des einmaligen Konflikts ist der dramatische Mitgliederverlust der evangelischen Landeskirche Sachsens durch Sterbefälle, Austritte und Abwanderung. Von 714.000 Menschen Ende 2015 gehörten ihr Ende 2020 nur noch 647.000 an – ein Minus von fast zehn Prozent. Seit 2016 läuft daher eine großangelegte Struktur- und Stellenreform der Landeskirche.

Die Nikolaikirche ist einer der bedeutenden Orte der friedlichen Revolution in der DDR.
Die Nikolaikirche ist einer der bedeutenden Orte der friedlichen Revolution in der DDR. © dpa/Jan Woitas

„Die Beschlüsse der Landessynode gelten für alle Kirchgemeinden der Landeskirche und werden seit 2019 umgesetzt“, sagt Sprecherin Tabea Köbsch. 95 Prozent der Kirchgemeinden hätten inzwischen neue Strukturen gebildet, darunter fast alle Gemeinden in Leipzig und auch die Innenstadt-Kirchen in Dresden. Dort war 2020 die Kreuzkirchgemeinde mit der Lukas- und der Johannisgemeinde fusioniert.

Der Beschluss der Landessynode legt fest, dass Kirchgemeinden in Städten mindestens 6000 Mitglieder haben sollten. Doch die Thomaskirchgemeinde bringt es nur auf etwa 4700, Nikolai auf weitere 2600 Glieder. Dennoch würden die beiden Leipziger Innenstadtgemeinden in einem Schwesternkirchverhältnis weiter ihre Selbständigkeit behalten, betont Köbsch. Keine der Gemeinden werde eine Pfarrstelle verlieren. Die prominenten Leipziger wollen dennoch eine Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen.

Urteil im nächsten Jahr

Sie seien eben nicht nur Seelsorger und Anlaufstation für ihre Gemeindeglieder vor Ort, betont Pfarrer Steif, sondern auch für viele Touristen und Gäste, für Taufen, Hochzeiten und prominent besetzte Veranstaltungen wie kürzlich das Friedensgebet mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko. Ohnehin sei die Gemeinde in den vergangenen zehn Jahren um etwa 1000 Glieder gewachsen und eben nicht geschrumpft. Zudem sei sie seit der Reformation durchgehend Sitz des Superintendenten. Dennoch solle St. Nikolai jetzt ihre Eigenständigkeit verlieren.

Das Gesetz zur Kirchenbezirksreform sieht tatsächlich eine Ausnahmebestimmung vor: „Das Landeskirchenamt kann in begründeten Fällen Ausnahmen von einzelnen Bestimmungen dieses Kirchengesetzes bewilligen.“ Steif sagt: „Diesen Ausnahme-Paragrafen mahnen wir mit unserer Klage an.“ Die Landeskirche wolle ohne jede Not und „auf Teufel komm raus“ Fakten schaffen, obwohl das Schwesternkirchverhältnis die Arbeit von St. Nikolai und St. Thomas mit ihrer eigenen Wirkungskraft mehr lähmen als fördern werde.

Die Thomaskirche von innen.
Die Thomaskirche von innen. © dpa/Sebastian Willnow

Für die Klage haben die Gemeinden nun Anwaltskanzleien eingeschaltet. Sie rechnen mit einer Entscheidung erst im Laufe des nächstens Jahres. Das kirchliche Verwaltungsgericht ist mit zwei Richtern und einem Pfarrer besetzt, die ehrenamtlich Recht sprechen. Gegen deren Urteil könnte noch Revision beim Gericht der Evangelischen Kirche Deutschlands eingelegt werden.

Unterstützung hat auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) signalisiert. „Wir sprechen von zwei Kirchen, die weit über Leipzig und Sachsen hinaus unser geistliches, kulturelles und gesellschaftliches Erbe geprägt haben“, so Jung. „Beide Gemeinden müssen in ihrer Eigenständigkeit erhalten bleiben.“ Bei allem Krach setzten die Beteiligten zugleich auf Gespräche.

Erst Schweigen, dann Eskalation

Landesbischof Tobias Bilz predigte am 18. Oktober eigens beim Friedensgebet in der Nikolaikirche. „Was wir hier gerade erleben, ist beispielhaft für viele andere Konflikte in Kirche und Gesellschaft“, sagte Bilz. „Oft wird zu lange geschwiegen oder nur mit Gleichgesinnten gesprochen und dann gibt es einen eruptiven Ausbruch von Gegensätzen.“

Es bestehe jedoch Einigkeit, dass es darum gehe, die Sachfragen zu klären und zugleich in Gesprächen die Beziehungen zu pflegen und zu stärken. Die Entscheidungen aber liegen nun bei den Gerichten.