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Warum Die Prinzen immer noch Erfolg haben

Tobias Künzel ist ein Frontmann der Leipziger Popband Die Prinzen. Er erzählt, wie man 30 Jahre lang erfolgreich bleibt und warum er immer Sachse sein wird.

Die Prinzen in ihrer aktuellen Besetzung von links nach rechts: Henri Schmidt, Alexander Zieme, Sebastian Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk und Jens Sembdner.
Die Prinzen in ihrer aktuellen Besetzung von links nach rechts: Henri Schmidt, Alexander Zieme, Sebastian Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk und Jens Sembdner. © Sebastian Willnow/dpa

Leipzig. Die als reine A-cappella-Band gestarteten Leipziger Prinzen sind Sachsens erfolgreichstes Pop-Unternehmen. Tobias Künzel (Jahrgang 1964) steht von Anfang an neben Sebastian Krumbiegel als Frontmann besonders im Fokus. Der Vater zweier Töchter, der die meisten Prinzen-Songs schrieb und sich auch als Musicalkomponist einen Namen machte, erzählt, wie es ihm im Lockdown erging, was ihn an London reizt und wie er zu Udo Lindenberg steht.

30 Jahre Die Prinzen und keine Feier möglich – wie hart ist das für Sie?

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Ach, ich überlebe das. Wir haben so viel gefeiert in den letzten Jahren, dass ich denke: Auf diese Feier kann man auch verzichten.

Die Fans hätten bestimmt gerne ein paar Jubiläumskonzerte gesehen.

Sicherlich. Aber wir werden ja nächstes Jahr auf Tour gehen, sofern das Virus und das, was nach Frau Merkel im Bundestag sitzt, es zulassen. Und dann holen wir das alles nach. Was uns persönlich betrifft, brauchen wir keine Band- oder Jubiläumsrituale, weil wir uns ja alle schon so lange kennen. Wir müssen uns nie gegenseitig versichern, wie toll wir sind oder wie lieb wir uns haben – das war immer klar.

Zum 30-jährigen Bandjubiläum der Prinzen kommt ihr Album "Krone der Schöpfung" auf den Markt.
Zum 30-jährigen Bandjubiläum der Prinzen kommt ihr Album "Krone der Schöpfung" auf den Markt. © Sebastian Willnow/dpa

Wie sehr hat der Band und Ihnen dennoch der Lockdown zugesetzt?

Mir persönlich sehr, emotional und psychisch. Ich hatte gedacht, 1989 ist es vorbei, dass mir irgendjemand was verbieten kann, aber wie man sieht … 1989 hat man uns auch gesagt, dass das Grundgesetz unantastbar ist und jetzt wird’s gefühlt aller fünf Minuten geändert. Das macht mir schon zu schaffen. Und mir macht vor allem zu schaffen, dass die Psyche der Kinder extrem beansprucht ist. Das sind nämlich auch Menschenleben, die hier nachhaltig verändert und beeinträchtigt werden. Das macht mir schon Sorgen.

Haben Ihnen die Auftritte gefehlt?

Dass wir jetzt ein Jahr nicht aufgetreten sind, ist für mich weniger relevant. Ich kann damit leben, auch mal ein Jahr nicht auf die Bühne zu gehen. Dann freue ich mich umso mehr, wenn es wieder so weit ist. Es ist nur ein komisches Gefühl, dass das jemand einfach so verbieten kann. Dass Clubkonzerte nicht stattfinden können, doch die Straßenbahnen voller Menschen sind. Aber ganz wichtig: Ich bin zweimal geimpft, ich bin kein Impfgegner, kein Querdenker und erst recht kein Verschwörungstheoretiker. Ich traue dieser Regierung, die hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, wirklich keine Verschwörung zu.

Prinzipiell scheint das Schlimmste ja auch überstanden zu sein, oder?

Ach, das war es letztes Jahr auch. Jetzt kommt erst einmal die Bundestagswahl und danach vielleicht die neue friesische Mutation Omega. Vor Kurzem habe ich diesen lustigen Spruch gelesen: Nur noch dreimal Lockdown, dann ist Weihnachten. In diesem Sinne lasse ich das alles auf mich zukommen und erwarte vorsichtshalber gar nix. Ich bin also relativ skeptisch.

2013 traten Sebastian Krumbiegel (l.) und Tobias Künzel mit den Prinzen zur zentralen Einheitsfeier in Stuttgart auf.
2013 traten Sebastian Krumbiegel (l.) und Tobias Künzel mit den Prinzen zur zentralen Einheitsfeier in Stuttgart auf. © dpa

Fakt hingegen ist: Zum Jubiläum gibt es ein neues Album. Warum haben Sie sich dafür sechs Jahre Zeit gelassen?

Ja, das stimmt. Wenn wir das Album vor ein, zwei Jahren herausgebracht hätten, hätten alle gesagt: Ach, die Prinzen haben ein neues Album, singen sie also immer noch. Das ist aber schön. Und jetzt: 30 Jahre! Mensch! Gibt’s euch schon so lange! Wie habt ihr das nur durchgehalten? Und ein neues Album gibt’s auch noch … So haben wir diesen Aufhänger und du kannst zum Geburtstag auch über das neue Album sprechen. Das macht’s uns leichter, Aufmerksamkeit zu erregen.

Zuletzt war es etwas ruhiger um euch. Woran lag das?

Ruhig würde ich das nicht nennen. Wir waren permanent unterwegs, wir hatten nur kein neues Produkt und demzufolge weniger Grund, die Fernsehsendungen zu besetzen. Damit wir jetzt, wenn ein neues Produkt da ist, eben nicht zu hören bekommen: Lasst mal, wir hatten euch doch gerade erst in der Sendung drin.

Also nur eine mediale Ruhephase?

Korrekt. Man muss nicht aller fünf Minuten aus dem Fernseher gucken oder sich permanent zurückmelden. Dann wird das irgendwann inflationär. Deshalb ist es gut, dass wir zwischendurch fast nur live gespielt haben für die Leute, die uns explizit sehen wollten. Und das waren zum Glück sehr viele.

Tobias Künzel 2007 beim Tourauftakt auf Schloss Wackerbarth in Radebeul.
Tobias Künzel 2007 beim Tourauftakt auf Schloss Wackerbarth in Radebeul. © dpa-Zentralbild

Dennoch wird mal wieder viel von einem Comeback geredet.

Ach ja; seit 20 Jahren höre ich ständig etwas von einem Comeback. Da war das Album „So viel Spaß für wenig Geld“ ein Comeback, dann wieder „Deutschland“ und immer so weiter. Egal; wenn du so lange in derselben Besetzung dabei bist, ist für manche wahrscheinlich jedes Album ein Comeback.

Aber warum haben Sie jetzt alte Hits mit diversen Gästen noch einmal neu aufgenommen?

Das war die Idee der Plattenfirma. Wir haben zwölf neue Songs drauf und hätten gern noch 15 neue Songs mehr veröffentlicht. Aber die Plattenfirma hat gesagt: Das ist jetzt ein Jubiläum und da kann man ruhig mal an die Hits erinnern, sollte diese jedoch nicht einfach neu aufnehmen, sondern Leute dazuholen, die ihre Sichtweise einbringen. Also haben andere Künstler im Prinzip Coverversionen von uns produziert und wir haben noch mal mitgesungen bei unseren eigenen Nummern. Das waren Rapper wie Ekofresh und Motrip, aber auch Jennifer Weist von Jennifer Rostock oder Deine Freunde und Die Doofen.

Wie kam diese Auswahl zustande?

Zum Teil kamen wir selbst drauf, zum Teil hat die Plattenfirma Ideen gehabt – und das ergänzte sich dann wunderbar.

Warum ist ausgerechnet euer alter Kumpel Udo Lindenberg nicht dabei?

Diese Verbindung Lindenberg – Die Prinzen wird von den Medien liebevoll gepflegt, weil viele ältere Journalisten selbst große Lindenberg-Fans sind. Wir kennen Udo sehr gut, auch privat. Doch diese enge künstlerisch-kreative Zusammenarbeit, die da oft reingedeutet wird, gibt es nicht. Er ist bei derselben Plattenfirma wie wir, da bietet es sich an, dass man sich unterstützt. Doch dass Udo unser großer Mäzen oder Einflussnehmer ist, das stimmt nicht. Wir sind allerdings schon gute Freunde ....

Hat sich unter dem Einfluss tatsächlicher Inspirationsquellen der Prinzen-Sound über die Jahre entwickelt?

Aber klar, er hat sich permanent verändert, wir haben uns ständig neu erfunden. Die erste Platte war reiner A-cappella-Pop mit Groove, dann war ein Instrument erlaubt, dann gab’s die „Schweine“-Platte, wo Techno-Elemente drin waren, dann „Alles mit dem Mund“ – dank Stefan Raab wurde es ein bisschen funky; „So viel Spaß für wenig Geld“ klang wieder sehr poppig. Schließlich folgte die Akustikphase, da waren wir ja auch die erste Band, die in der Semperoper spielen durfte. Danach kam die Tour mit riesengroßem Sinfonieorchester, wo sich der Sound noch mal völlig geändert hat. Und jetzt beim neuen Album kann man sagen, wir haben Mut zur Schlichtheit bewiesen. Das muss ja nichts Schlimmes sein, so eine gewisse musikalische und textliche Naivität, die viele Leute wieder ans erste Album erinnert.

Die Prinzen Henri Schmidt (von links), Tobias Künzel, Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk und Jens Sembdner 1993 vorm Leipziger Rathaus.
Die Prinzen Henri Schmidt (von links), Tobias Künzel, Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk und Jens Sembdner 1993 vorm Leipziger Rathaus. © Archiv

Apropos erstes Album: Wie hat sich die deutsche Pop-Szene entwickelt, wäre eine Erfolgsgeschichte wie die der Prinzen heute noch möglich?

Nee, die Zeiten haben sich extremst geändert. Diese Prophezeiung, dass durch das Internet alles möglich ist, jeder alles darf und jeder eine Plattform bekommt, hat sich bewahrheitet. Nun ist der Ausguss der Gießkanne wesentlich größer geworden. Bei uns war das Auswahlprinzip damals tatsächlich noch so: Wenn jemand durch Fernsehen und Radio bekannt wurde, kannten ihn tatsächlich alle. Und heute ist das nur noch szenemäßig eingeteilt: Dort Hip-Hop, dort Pop, dort Techno. Das alles berührt sich ab und zu, aber nie richtig. Ich glaube, dass es heute nicht mehr möglich ist, jemanden so bekannt zu machen, wie es die Prinzen sind. Es heißt, 82 Prozent der Deutschen kennen die Prinzen. Das ist ganz schön viel, oder?

Irgendwie schon. Doch ist es auch angenehm, die vielleicht massenkompatibelste Band des Landes zu sein?

Das ist ein Geschenk. Und das haben wir Annette Humpe zu verdanken, die unsere ersten vier Alben sowie die „Deutschland“-Platte produziert hat. Sie hat uns sehr geprägt und auf den Weg gebracht. Sie sagte immer, es muss charmant sein und feilschte wirklich um Worte – manchmal saßen wir einen Tag lang, um ein Wort zu finden, und haben dann den Song erst mal zurückgestellt, weil dieses eine Wort halt immer noch nicht passte.

Sie wollen also gar nicht polarisieren?

Wir können zum Glück gar nicht polarisieren. Wir sind sieben Individualisten und jeder hat wirklich einen anderen Geschmack, eine andere Meinung und ein anderes Weltbild. Wir werden gern von den Medien in einen Topf geworfen, dann wird die Gasflamme angeworfen, es köchelt, es wird umgerührt und dann haben wir alle diese eine Meinung. Doch das stimmt so eben nicht. Wir sind wirklich eine sehr bunte Mischung von Menschen. Und das macht auch den Zauber der Prinzen aus, dass wir ganz viele verschiedene Auffassungen und Lebenspläne mitbringen.

Gehen Sie sich nie wechselseitig mal so richtig auf die Nerven?

Es gibt hin und wieder natürlich Diskussionen, aber wir versuchen, die zu vermeiden, weil uns das als Band nicht weiterbringt. Wir wissen, welche Einstellung der andere hat, und wenn’s mal sehr ans Eingemachte geht, wird schon diskutiert, kommen Argumente auf den Tisch. Aber wenn wir jedes Mal alles ausdiskutieren würden, kämen wir nicht mehr zum Singen. Also wird Manches einfach ausgeblendet.

Wie erhält man dennoch, zumal Sie ja nicht alle in der gleichen Gegend leben, den Gemeinsinn?

In den Köpfen vieler Menschen hängen wir ja ständig zusammen rum. Die stellen sich wahrscheinlich vor, dass wir alle zusammen auf einem Bauernhof wohnen. So ist es aber nicht. Wir leben doch nicht in einer WG, wir haben alle unser eigenes Leben und treffen uns tatsächlich vor allem, um Musik zu machen und um die Prinzen zu sein – seit 30 Jahren in dieser Originalbesetzung. Das ist unser großer Vorteil, die originalen Typen von 1991 zu sein, die immer noch zusammen auf der Bühne stehen. Einmal wöchentlich treffen wir uns jetzt mit unserem Management zu einer Zoom-Konferenz. Jeden Dienstag um 13.30 Uhr sind wir alle zur Stelle und schauen uns dann gegenseitig zweidimensional auf dem Monitor an – im letzten Jahr haben sich die Prinzen wirklich nur zweidimensional gesehen. Wir tauschen Neuigkeiten aus, machen Pläne, takten Konzerte ein.

Als Ossis sind die Prinzen zuerst im Westen gestartet, dann bundesweit erfolgreich gewesen. Gibt es für Sie heute noch Ost-West-Unterscheidungen?

Für uns selbst nicht. Aber es spielt schon noch eine Rolle. Das merkt man sowohl im Osten, wenn es heißt: „Ihr seid ja von uns hier ...“ Und man merkt es im Westen: „Ich war zwar noch nie da drüben, aber ihr seid wirklich gut.“

Egal, für alle Sachsen werden Sie immer ein Sachse bleiben.

Logisch, einmal Sachse, immer Sachse. Und das ist auch gut so. Ich habe zwölf Jahre in London gelebt, bin aber nach wir vor einfach nur ein Sachse. Ich liebe diese Mentalität: Man ist gemütlich, hat aber immer was zu muddeln ... Seit Kurzem bin ich sogar wieder nur noch Sachse. Wegen Brexit und Corona habe ich den Wohnsitz in London aufgegeben. Allerdings bin ich schon wieder dabei, mich nach etwas Neuem umzusehen. Ich arbeite derzeit an einem Musical, das im Oktober in London uraufgeführt werden soll – eine Adaption von Charles Dickens’ „David Copperfield“.

Die Frisuren ändern sich, die Pose bleibt: Sebastian Krumbiegel (l.) und Tobias Künzel bei einem Live-Auftritt 1996.
Die Frisuren ändern sich, die Pose bleibt: Sebastian Krumbiegel (l.) und Tobias Künzel bei einem Live-Auftritt 1996. © Merle

Warum muss es gerade London sein und nicht lieber ein Ort, wo es immer schön warm ist?

London ist die Stadt, die mich immer fasziniert hat. Wenn, dann London. Da gibt’s die Musik, die ich liebe, den Humor, die Menschen, die ich cool finde. Ich habe es dann einfach durchgezogen. Ursprünglich sollte es nur für ein Jahr sein, dann sind es zwölf Jahre geworden. Und die Verbindung reißt ja nicht ab, ich habe da Freunde, eine Band, in der ich Schlagzeug spiele, und immer noch zu tun.

Beim letzten Eurovision Song Contest schnitt nur England noch schlechter als Deutschland ab – wie finden Sie das?

Wirklich? Davon habe ich gar nichts mitbekommen.

Eine ESC-Teilnahme wäre für Sie folglich keine Option?

Das war tatsächlich mal im Gespräch, doch das ist einfach nicht unsere Baustelle. Obwohl man ja nie nie sagen soll ... Wären wir alle ganz scharf drauf, dann hätten wir es sicher schon längst gemacht. Ich war selbst mal in der Jury dabei, in Moskau. Das ist wirklich eine ganz eigene Welt, völlig legitim, aber eher nichts für uns.

Was dann ist die nächste Herausforderung für die Prinzen?

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Das Interview führte Andy Dallmann.

Die Jubiläums-Konzerte der Prinzen in Sachsen:

  • 28.10.2022, Arena, Leipzig;
  • 26.3.2023, Stadthalle Chemnitz;
  • 10.6.2023, „Junge Garde“ Dresden

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