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Leipzig bekommt Agentur für Artenschutz

Das Zentrum soll der schwindenden Naturvielfalt auf den Grund gehen – und mit dem veralteten Datenchaos aufräumen.

Der Feldhamster zählt in Deutschland zu den bedrohten Tierarten.
Der Feldhamster zählt in Deutschland zu den bedrohten Tierarten. © dpa/Uwe Anspach (Symbolfoto)

Leipzig entwickelt sich zu einer Hochburg für den Artenschutz: Die Bundesregierung eröffnete am Freitag ein neues nationales Zentrum zur Beobachtung und Verfolgung der Artenvielfalt in Deutschland. Ein Stab von vorerst 20 Experten zieht derzeit in einen hellen Neubau auf dem Gelände der Alten Messe – in direkter Nachbarschaft zum Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung iDiv. „Mit dem Monitoringzentrum schaffen wir ein festes Fundament, um das gesamte Wissen zum Zustand der Arten und Lebensräume in Deutschland zusammenzuführen und zugänglich zu machen“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) während einer Online-Eröffnung.

Auch das Bundeslandwirtschafts- und das Bundesforschungsministerium sind an der Einrichtung beteiligt. Das Zentrum soll zum Start über einen zweistelligen Millionenbetrag verfügen. Dafür werden Gelder aus den Strukturfondsmitteln für die Kohleregionen eingesetzt. „Der Rückgang der biologischen Vielfalt ist dramatisch, weltweit und in Deutschland“, betonte Ministerin Schulze. Um den Artenschwund und den Verlust an Ökosystemen gezielter stoppen zu können, brauche es mehr verlässliche, detaillierte Daten. „Das Monitoringzentrum wird diese Lücke schließen, vorhandenes Wissen zusammenbringen und besser nutzbar machen.“

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Nach Schätzungen des Bundesamts für Naturschutz (BfN) gibt es mehr als 71.500 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen in Deutschland, darunter allein 104 Säugetierarten. Auch Programme zur Erfassung dieser Vielfalt gibt es mehrere: Ehrenamtliche Vogelkundler sammeln ebenso Informationen über Bestände wie die Bundesländer in europäischen Flora-Fauna-Habitat-Gebieten, auch die Bestände von Schmetterlingen und Meerestieren werden gut untersucht.

Ordnung ins Datenchaos

Große Wissenslücken vermuten die Experten allerdings vor allem bei Insekten und im Bodenleben, bei Spinnen, Käfern, Asseln, Schnecken und Fliegen etwa. „Wir haben jetzt die besondere Chance, die Dauerbeobachtung unserer biologischen Vielfalt weit nach vorne zu bringen“, sagt BfN-Präsidentin Beate Jessel. Das Bundesamt als Träger bringe seine langjährige Erfahrung ein und stelle Informationen aus Roten Listen sowie Kartierungen der Flora bereit. „Wir verfügen auch dank der Arbeit der vielen ehrenamtlichen Experten bereits über einen sehr großen Wissensschatz“, so Jessel.

Doch auch das bisher vorhandene Wissen ist nicht mehr als ein Flickenteppich, vieles liegt verstreut in Schubladen oder auf Datenbanken. Das Leipziger Monitoringzentrum soll nun Ordnung in das Datenchaos bringen und die Informationen sinnvoll zugänglich machen.

Als wichtige Aufgabe der Agentur gilt daher, Bundes- und Landesbehörden, Fachgesellschaften, Wissenschaftler, Vereine und Verbände einzubinden und dafür zu begeistern, ihre Beobachtungen bereitzustellen. Auch ein Konzept zum bundesweiten Biodiversitäts-Monitoring soll erarbeitet werden. „Wir haben zum ersten Mal die Chance, alle Akteure und ihre Daten zur Biodiversität zusammenzubringen“, sagt Andreas Krüß, der Leiter des Aufbaustabs in Leipzig. Der Biologe arbeitet bereits seit 15 Jahren beim BfN in Bonn zu den Themen Artenschutz und Monitoring.

Neues Zentrum als Teil der Groko

Um die Masse der Informationen aufzubereiten, will das Monitoringzentrum verstärkt digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz einsetzen. In der zweijährigen Aufbauphase soll auch eine Informations- und Vernetzungsplattform online bereitgestellt werden. Daher arbeiten in Leipzig neben Ökologen, Biologen und Landschaftsplanern auch Web-Experten. Die meisten der 20 Fachleute wurde aus Einrichtungen wie dem Biodiversitätszentrum iDiv, dem Leipziger Umweltforschungszentrum UFZ und deutschen Hochschulen gewonnen.

Den Anstoß für die Einrichtung hatte die „Krefelder Studie“ von 2017 gegeben. Die Erhebung in mehr als 60 Schutzgebieten in Deutschland zwischen 1989 und 2016 hatte einen dramatischen Rückgang der Insektenbestände um rund 75 Prozent nachgewiesen. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD von Anfang 2018 wurde daher die Gründung des wissenschaftlichen Monitoringzentrums fest vereinbart.

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