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Sachsen

Hier macht die Polizei Leipziger Senioren fit

Seniorinnen und Senioren sind beliebte Ziele von Kriminellen. Aber dagegen können sie etwas tun, meint die sächsische Polizei.

Polizistin Ramona Mertens demonstriert, wie man sich einem Angreifer widersetzt.
Polizistin Ramona Mertens demonstriert, wie man sich einem Angreifer widersetzt. © dpa/Hendrik Schmidt

Leipzig. An einem Donnerstagvormittag stehen sechs Seniorinnen und Senioren in einem Vereinsraum in Leipzig und üben schreien. "Lauter!", ruft die Polizistin Ramona Mertens immer wieder. "Kräftiger! Tiefer!" Die Übung ist Teil eines Selbstbehauptungskurses der Leipziger Polizei speziell für Seniorinnen und Senioren. Die Teilnehmenden sollen lernen, in Gefahrensituationen laut und gezielt um Hilfe zu rufen, Betrüger zu erkennen und Täter abzuschrecken.

Der Ruf "Lassen Sie das!" klingt immer wieder durch den Raum. Erst leise und zögerlich, dann lauter und kräftiger. Zum Schluss holt die Polizistin Mertens ein Kissen heraus, gegen das die Senioren treten sollen, während sie schreien. "Aktion hilft beim Rufen", sagt sie.

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Seit 2008 veranstalten Mertens und ihr Kollege Stephan Weinhold vom Fachdienst Prävention der Polizeidirektion Leipzig laut eigenen Angaben Selbstbehauptungskurse in den Räumen des Vereins "Alter, Leben und Gesundheit" in der Leipziger Innenstadt. Zu jedem Kurs gehören acht Einheiten, in denen Theorie und Praxis geübt werden.

"Wir behandeln zum Beispiel den Handtaschendiebstahl, das richtige Verhalten an der Wohnungstür und Trickbetrug", sagt Weinhold. Der Lehrplan ändere sich aber mit jedem Kurs. "Früher haben wir darüber gesprochen, ob man eine EC-Karte braucht. Mittlerweile reden wir auch über Sicherheit im Internet. Die Senioren trauen sich auch an die neuen Medien ran."

Stephan Weinhold und Ramona Mertens demonstrieren, wie man sich aus einem Würgegriff befreit.
Stephan Weinhold und Ramona Mertens demonstrieren, wie man sich aus einem Würgegriff befreit. © dpa/Hendrick Schmidt

Weinhold betont, dass es bei dem Kurs um Selbstbehauptung gehe - nicht um Selbstverteidigung. Nach der Teilnahme sollen die Seniorinnen und Senioren wissen, wie sie sich aus bedrohlichen Situationen befreien und angemessen reagieren. "Wenn man zum Beispiel von einer fremden Person an der Schulter angefasst wird, sollte man diese nicht gleich wegschlagen", sagt Weinhold. Besser sei es, sie laut und gezielt anzusprechen und Abstand zu suchen. "Es kann sich auch um ein Missverständnis handeln. Der vermeintliche Täter muss immer Gelegenheit haben, sich zu erklären."

Dieser Ansatz sei es gewesen, der ihn besonders überzeugt habe, sagt Teilnehmer Alfred Preuß. Ihn interessiere, wie man sich und seine Interessen in schwierigen Situationen behaupte. "In einem Selbstverteidigungskurs würde ich wahrscheinlich lernen, aggressiver vorzugehen." Hier gehe es darum, sich auf bedrohliche Situationen vorzubereiten. "Dann muss man hoffentlich nicht mehr lange überlegen, wie man handelt, sondern weiß gleich, was zu tun ist", sagt Preuß.

Doch mit welchen Straftaten sind ältere Menschen besonders häufig konfrontiert? Laut dem sächsischen Landeskriminalamt handelt es sich meist um Delikte, die speziell auf ältere Menschen zugeschnitten sind und sich im häuslichen Umfeld anbahnen. Im Wesentlichen seien das der Trickdiebstahl, bei dem angebliche Handwerker oder Amtspersonen sich Zugang zum Haus verschaffen. Ein weiteres Phänomen ist laut LKA der Trickbetrug - dabei rufen oft vermeintliche Polizisten oder Enkel an, die angeblich Geld brauchen.

18 solcher Fälle registrierte allein die Polizeidirektion Zwickau am Mittwoch in ihrem Bereich. In einem Fall fielen ein 79-Jähriger und seine 76-jährige Ehefrau auf den Anruf eines angeblichen Kriminaloberkommissars herein. Der Betrüger verschaffte sich Zugriff zum Online-Banking des Paares - und stahl einen Geldbetrag im mittleren fünfstelligen Bereich.

Vierstelligen Anzahl an Schockanrufen in Sachsen

Sachsenweit wurden im vergangenen Jahr laut einer Aufstellung des LKA mehr als 1.100 Menschen Opfer von Schockanrufen und dem Enkeltrick - die meisten Geschädigten waren 80 Jahre oder älter. Insgesamt 700 000 Euro erbeuteten die Täter auf diese Weise. Dabei seien die Werte nicht vollständig, heißt es vom LKA.

Beim Selbstbehauptungskurs in Leipzig warnt die Polizistin Ramona Mertens die Teilnehmenden eindringlich davor, auf solche Anrufe einzugehen. Die Polizei rufe niemals an und verlange Geld. "Dann müssen gleich die Warnlampen bei Ihnen angehen", sagt sie.

Das Interesse an den Leipziger Kursen ist laut Polizist Weinhold seit vielen Jahren ungebrochen. Auch in Dresden haben nach Angaben der dortigen Polizeidirektion bereits ähnliche Kurse stattgefunden. Die Polizei in Chemnitz verzichtet laut eigenen Angaben auf solche Kurse, ist jedoch mit einem Präventionsmobil insbesondere im ländlichen Raum unterwegs, um mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Komplett verhindern können diese Angebote Straftaten auf ältere Menschen natürlich nicht. Dennoch seien die Seniorinnen und Senioren nach einem Kurs besser aufgestellt, sagt Weinhold. "Der Täter sucht sich immer jemanden aus, der schwächer wirkt als er selbst. Unsere Senioren haben die Chance, ihn mit einer sicheren Reaktion zu überraschen." (dpa)

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