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Linksextremistin in U-Haft: Zwei Geschichten der Lina E.

Eine Leipziger Studentin soll brutale Übergriffe auf Neonazis verübt haben. Doch es gibt auch ein anderes Bild von ihr.

Elite-Polizisten brachten Lina E. per Hubschrauber am 5. November nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof.
Elite-Polizisten brachten Lina E. per Hubschrauber am 5. November nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof. © EPA-EFE/Ronald Wittek

Eine junge Frau mit Handschellen, roten Fingernägeln und schwarzen Sportschuhen steigt aus einem Polizeihubschrauber, streng bewacht von bewaffneten Polizisten mit schwarzen Sturmhauben. Das Bild entsteht am 5. November am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, an jenem Tag, als Lina E. dem Haftrichter vorgeführt wird. Ihr Name steht seither in Leipzig-Connewitz an unzähligen Hausfassaden und in den sozialen Medien: Free Lina!

Am Tag zuvor haben Beamte des Landeskriminalamtes die Studentin der Erziehungswissenschaften in ihrer Connewitzer Wohnung verhaftet und die Zimmer durchsucht. Doch die Vorwürfe der Soko Linx scheinen nicht zum Foto der jungen Frau zu passen, die da gebückt aus dem Hubschrauber steigt: Es geht um brutale Übergriffe auf Rechtsextremisten, um Bildung einer kriminellen Vereinigung, gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung, besonders schweren Landfriedensbruch. Seit genau sechs Monaten sitzt Lina E. nun in Untersuchungshaft in Chemnitz.

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Militante Ideologie?

Doch je länger die Beschuldigte inhaftiert ist, umso mehr verfestigen sich zwei verschiedene Geschichten einer jungen Frau, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der Generalbundesanwalt zeichnet das Bild einer linksradikalen Kriminellen. Spätestens im September 2019 habe sich Lina E. einer linksextremistischen Vereinigung angeschlossen, der „Gruppe E.“. Die Mitglieder hätten eine militante Ideologie vertreten und Menschen aus der rechtsextremen Szene angegriffen – darunter im Oktober 2019 das Lokal „Bull’s Eye“ in Eisenach, das als Nazi-Treff gilt.

Lina E. und ihre Gruppe hätten den Inhaber und seine letzten Gäste mit Schlagstöcken, Reizgas und Faustschlägen attackiert, ihnen schwere Verletzungen zugefügt und Scheiben zertrümmert. Für einen weiteren Angriff auf den jungen Kneipier aus der rechten Szene, Leon R., habe sie zwei Hämmer in einem Baumarkt klauen wollen. Als sie ertappt wurde, habe sie dem Mann vom Sicherheitsdienst einen Stoß in den Bauch versetzt. Den Wirt habe die Gruppe weiter observiert und ihn nahe seiner Wohnung angegriffen. Lina E. habe Reizgas gesprüht, die mutmaßlichen Mittäter mit Schlagstöcken, Hämmern und Stangen auf ihn eingeschlagen.

An anderen Orten habe es ähnliche Fälle gegeben, heißt es. Schließlich habe Lina E. im Juni die Anschrift eines Kampfsportlers aus dem rechtsextremen Umfeld publik gemacht. Einen Anschlag habe die Polizei vereitelt. Von Beginn an habe Lina E. eine „herausgehobene Stellung“ in der kriminellen Vereinigung eingenommen, so die Ermittler. Sie habe Anschläge vorbereitet und das Kommando übernommen. Weil die Miete von den Eltern gezahlt wurde, sie Prepaidkarten statt eines Handyvertrags nutzte und eine Perücke besaß, bezeichnet die Bundesanwaltschaft ihre Lebensweise als „klandestin“ – als geheim.

Auch am Auto von Lina E. seien geklaute Kennzeichen gewesen. Auf Nachfrage teilt Sprecher Markus Schmitt nur mit, die Ermittlungen gegen Lina E. und andere Beschuldigte dauerten an. Wegen der besonderen Bedeutung des Falles habe der Ermittlungsrichter die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft bestätigt.

Bachelorarbeit über Neonazismus

Die Zeitung die Welt veröffentlichte indes die Erweiterung des Haftbefehls und zitierte aus den Akten neue Vorwürfe der Ermittler – etwa den Angriff auf einen Arbeiter, der in Connewitz eine Mütze der Marke „Greifvogel Wear“ trug, die mit ihrer Adler-Symbolik und der Verehrung von Kampf, Disziplin und Stärke der rechten Szene zugeordnet wird. Der Mann soll krankenhausreif geschlagen worden sein.

Laut der Wochenzeitung Die Zeit hatte die Soko Linx Mitglieder der „Gruppe E.“ observiert, Autos mit Peilsendern verfolgt, Gespräche abgehört und Konten überwacht. Klar ist: Die 26-Jährige, die nicht vorbestraft ist, war nach dem Abitur 2013 aus Kassel nach Leipzig gezogen. Sie hat in Halle Erziehungswissenschaften studiert und nach ihrer Bachelorarbeit über Neonazismus in der Jugendarbeit am Beispiel des NSU im Jugendclub Jena-Winzerla das Masterstudium begonnen.

Am Rande einer Demonstration unter dem Motto "Freiheit für Lina" kam es in Connewitz am 6. November 2020 zu Ausschreitungen.
Am Rande einer Demonstration unter dem Motto "Freiheit für Lina" kam es in Connewitz am 6. November 2020 zu Ausschreitungen. © Sebastian Willnow/dpa

Überhaupt zeichnen Freunde und Kommilitonen in Zeitungsinterviews eher das Bild einer guten Studentin, die gern kletterte, Popmusik und „Herr der Ringe“ mochte. Laut Freunden habe sie in der Jugendhilfe arbeiten wollen – im Dienst des Staates. Die Heimatzeitung von Lina E., die HNA, hat ihre Anwälte interviewen können.

Darin äußern Erkan Zünbül und Björn Elberling massive Zweifel und starke Vorwürfe gegen die Version der Ermittler. Die These der Bundesanwaltschaft über die besondere Brutalität werde in den Akten nicht bestätigt. Eindrucksvoll zeige sich das in einem Fall, in dem sich die Geschädigten nach einer ambulanten Behandlung beim Supermarkt auf ein Bier trafen.

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„Die genutzten Begrifflichkeiten sind ein Versuch der Bundesanwaltschaft, eine besondere Gefährlichkeit der vermeintlichen Organisation herbeizuschreiben, die sich in der Akte nicht wiederfindet“, so Elberling. Auch die führende Rolle von Lina E. sei in einem anderen Licht zu sehen: Sie habe laut Akte ihre Mitstreiter gerade aufgefordert, einen Angriff zu abzubrechen. Darauf habe sich die Gruppe tatsächlich zurückgezogen. Bemerkenswert ist, dass alle Beschuldigten in dem Fall schon mit politisch motivierten Straftaten auffielen – bis auf Lina E. Sie aber sitzt nun in U-Haft.

Möglicherweise hat auch alles zu tun mit dem Angriff von 215 Rechtsextremisten auf Connewitz Anfang 2016. Vielleicht hat es auch mit Johann G. zu tun, mit dem Lina E. verlobt gewesen sein soll. Er war schon länger in der linksextremen Szene aktiv, wurde unter anderem wegen Landfriedensbruch und einer Schlägerei bei einer Legida-Demo verurteilt, saß in Haft und hat auf seine Finger „Hate Cops“ tätowiert. Mittlerweile ist er abgetaucht. Die Rätsel bleiben.

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