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Schlitze im Deich sollen Leipziger Auwald helfen

Seit Jahren leidet der Leipziger Stadtwald unter fehlenden Überschwemmungen. Grund dafür ist auch der Hochwasserschutz - der nun zugunsten des Waldes verändert wird. Ein Wettlauf mit der Zeit.

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Der Leipziger Auwald ist von Trockenheit bedroht - normalerweise benötigt er regelmäßige Überschwemmungen.
Der Leipziger Auwald ist von Trockenheit bedroht - normalerweise benötigt er regelmäßige Überschwemmungen. © dpa/Jan Woitas

Leipzig. Auf einem Deich in der Leipziger Burgaue steht ein Bagger und gräbt einen breiten Graben in den Damm. Bei Hochwasser soll der alte Erdwall den kleinen Fluss Nahle künftig nicht länger eindämmen, sondern die Wassermassen geradewegs in den Auwald entlassen. Neben dem Bagger steht Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) und posiert für die Fotografen. Doch es geht ihm dabei nicht nur um die kleine Deichschlitzung.

Der Minister kämpft um die Rettung des Leipziger Auwaldes: einen der größten innerstädtischen Auwälder Europas und ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang. Er sei die grüne Lunge und der Naherholungsraum der wachsenden Stadt. Doch so, wie der Wald jetzt existiert, sei er in vielfacher Hinsicht „extrem gefährdet“, sagt Günther. Klassische Baumarten wie Esche, Ulme und Stieleiche würden bereits absterben und sich nicht weiter verjüngen.

Mit ihnen seien auch viele andere Auwald-Arten bedroht, vom Laubfrosch über seltene Falter bis hin zu Windröschen. „Die Vegetation und die Waldgesellschaft verändern sich“, sagt Günther. „Wir müssen sofort handeln, uns läuft die Zeit davon.“

Hochwasser bleibt seit Jahren ganz aus

Das Umweltministerium und die Landestalsperrenverwaltung haben daher in Absprache mit anderen Behörden und der Stadt Leipzig mehrere Sofortmaßnahmen begonnen, um das Auwaldgebiet zu schützen. Dazu zählt die Schlitzung der Deiche an der Nahle und der Neuen Luppe am sogenannten Möckernschen Winkel, einer kleinen historisch gewachsenen Insel. Begonnen im vergangenen Mai, sollen die Arbeiten bis zum nächsten Frühjahr abgeschlossen werden. Die Durchlässe sollen bereits bei einem Hochwasser, wie es rein statistisch jedes Jahr vorkommt, erste Bereiche überfluten. Allerdings seien solche Hochwasser zuletzt vor neun Jahren vorgekommen, räumt die Landestalsperrenverwaltung ein. Dies könne sich allerdings jederzeit wieder ändern, sagte deren Betriebsteilleiter Markus Freygang. „Es wäre fahrlässig, solche Lösungen nicht zu nutzen.“ Die Luppe werde allerdings auch weiterhin für den Hochwasserschutz gebraucht.

Parallel zu den Deichöffnungen wurden alte Uferbefestigungen beräumt und renaturiert, Waldsäume bepflanzt, zudem ein neuer Lebensraum für den geschützten Eisvogel geschaffen. Offenbar mit Erfolg: Es sollen schon Eisvögel gesichtet worden sein. Auch an anderen Stellen im Leipziger Auwald, der sich von Norden nach Süden durch die ganz Stadt erstreckt, werden Deiche geschlitzt, damit schnellstmöglich wieder mehr Wasser in die Auen läuft. Ein Deich, der nur den Wald schütze, sei aus heutiger Sicht widersinnig. „Der Auwald lebt davon, dass er einmal im Jahr unter Wasser steht“, sagt Günther. Auch der Grundwasserspiegel müsse wieder angehoben werden. Langfristig müsse daher ein Naturschutzgroßprojekt mit dem Bund und der EU auf die Beine gestellt werden, sagt der Minister. Dazu gebe es auch europarechtliche Verpflichtungen.

Auenflutungs-Bauwerk begonnen

Eine der Hauptursachen für das Dilemma geht auf die 1930er-Jahre zurück. Unter dem Nationalsozialismus war der natürliche Flusslauf der Luppe mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in einen Kanal verlegt worden, der wie eine riesige Drainage das Wasser aus der Stadt leitet und den Auwald austrocknet. So leidet das Tausende Hektar große, einzigartige Landschaftsschutzgebiet bereits seit Jahrzehnten unter einem Mangel an Überflutungen. Zudem erhöht der gerade Flusslauf die Fließgeschwindigkeit und der Strom gräbt sich immer tiefer ein.

Doch auch der Braunkohlebergbau und dessen Folgen in der Leipziger Region setzten dem Ökosystem zu. Die Sünden aus der Vergangenheit würden mittlerweile deutlich zutage treten. Hinzu kämen nun die extreme Trockenheit, Dürre und Hitze durch den Klimawandel. „Es überlagern sich mehrere große Probleme“, betonte der Minister.

Geplant oder schon begonnen sind nun unter anderem ein Auenflutungs-Bauwerk, neue Gewässerverbindungen und weitere gezielte Flutungen. Vor zwei Jahren hatte Günther Fachleute und Akteure aus verschiedenen Bereichen von Wissenschaft, Behörden und Verbänden unter Federführung des Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung zusammengebracht.

Trotz teils gegensätzlicher Interessen entstand damals ein Strategiepapier zur Revitalisierung des Auensystems, das unterschiedliche Belange zusammenbringen soll. Außerdem finden seither jährlich Expertenforen statt. Viele Habitate seien bereits zerstört und weite Gebietsteile des Auwalds ausgetrocknet, heißt es in dem Papier der Experten. „Bevor die Aktivitäten für eine Verbesserung der Situation begonnen haben, befinden wir uns in einem Wettlauf gegen eine rapide Verschlechterung, nicht nur der biologischen Vielfalt, sondern der Ökosystemleistungen insgesamt – und damit der Lebensbedingungen der Bürger der Stadt und der Region Leipzig.“