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Leipzig

Andrang auf Hebammenkunde in Leipzig

Den Studiengang gibt es schon seit einem Jahr. Immer mehr bewerben sich. Doch wegen der Corona-Pandemie sind die Studienplätze knapp.

Die Studentinnen Laura (von links) und Lea üben unter Anleitung von Bianca Hünlich, Lehrkraft für Hebammenkunde, das Ertasten der Lage eines Kindes an einer schwangeren Übungspuppe in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät.
Die Studentinnen Laura (von links) und Lea üben unter Anleitung von Bianca Hünlich, Lehrkraft für Hebammenkunde, das Ertasten der Lage eines Kindes an einer schwangeren Übungspuppe in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät. © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Leipzig. Erstmals dürfen Lea Souleiman und Laura Mieke in der Lernklinik Leipzig der Medizinischen Fakultät Hand anlegen. Bianca Hünlich zeigt den jungen Frauen anhand eines Simulationsmannequins mit dickem Babybauch, wie sie von außen die Lage des Kindes ertasten können. "Das ist Teil des ersten Semesters im Modul Hebammenhandeln in der Schwangerschaft. Anfangs sind die Studierenden noch etwas zurückhaltend und trauen sich nur vorsichtig, den Bauch abzutasten", sagt die Lehrkraft für Hebammenkunde. Die beiden jungen Frauen studieren mit 24 Kommilitoninnen seit Anfang April Hebammenkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

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Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis die Ausbildung der Hebammen in Deutschland angehoben wurde. Vor mehr als einem Jahr trat das neue Hebammengesetz in Kraft und die Ausbildung wurde akademisiert. Seitdem gilt grundsätzlich: Wer Hebamme werden will, muss ein Bachelorstudium absolvieren. Deutschland war damit das letzte Land in der Europäischen Union, das die Hebammenausbildung akademisiert hat.

Damit es kurzfristig keinen Engpass bei der Hebammenausbildung gibt, hat der Gesetzgeber jedoch Übergangsregelungen für die Ausbildung an Schulen beschlossen: Bis Ende 2022 können Hebammenschulen noch neue Kurse starten. Bis 2027 müssen alle Hebammen diese Ausbildung dann abgeschlossen haben.

Studierte Hebammen erhalten mehr Geld

"Durch das Studium wird endlich das hohe Niveau, auf dem Hebammen arbeiten, widergespiegelt", sagt die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Ulrike Geppert-Orthofer anlässlich des Welthebammentages am 5. Mai. Zugleich fürchte sie eine drohende Zwei-Klassen-Gesellschaft und Nachteile für Kolleginnen mit der alten Ausbildung. "Schon jetzt tritt ein, was wir verhindern wollten: Kliniken bieten Hebammen mit Bachelor-Abschluss mehr Geld, obwohl sich die Tätigkeiten nicht unterscheiden", sagt Geppert-Orthofer. Sie fordert daher eine Gleichstellung der bisherigen Ausbildung mit dem neuen Bachelor-Abschluss.

Der Andrang auf die Studienplätze sei groß. Nun gelte es, schnell genügend Studienplätze zur Verfügung zu stellen. "Uns ist bewusst, dass dies während der Corona-Pandemie eine große Herausforderung darstellt", so Geppert-Orthofer. Der Verband vertritt die Interessen von mehr als 20.000 Hebammen in Deutschland.

In den ersten Wochen gab es für die angehenden Hebammen in Leipzig wegen der Corona-Pandemie ausschließlich Online-Vorlesungen. "Viel Anatomie, Gewebelehre aber auch biowissenschaftliche Grundlagen und Einführung in wissenschaftliches Arbeiten standen auf dem Lehrplan", sagt doe 19-jährige Laura Mieke aus Leipzig über ihre ersten Wochen im Studium. "Dazu eine Studie aus England über die Geburtsvorkehrungen in den 1950er-Jahren und eine Vorlesung über die Veränderung der Familien und die Elternschaft heute", fügt Kommilitonin Lea Souleiman an.

Studentin Lea (rechts) übt unter Anleitung von Bianca Hünlich das Aufnehmen eines Neugeborenen in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät.
Studentin Lea (rechts) übt unter Anleitung von Bianca Hünlich das Aufnehmen eines Neugeborenen in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät. © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Ihre Lehrkraft Bianca Hünlich, die auch Hebammen regulär ausbildet, ist begeistert von den Möglichkeiten des Studiums. Es werde sich komplex auf die einzelnen Arbeitsbereiche konzentriert. "Nach den Vorlesungen und praktischen Seminaren wird in Kleingruppen nachgearbeitet und intensiviert. Dadurch wird die Kompetenz noch einmal verstärkt", betont Hünlich.

Das duale Studium umfasst in Leipzig dabei sieben Fachsemester: mit einem theoretischen Teil an der Medizinischen Fakultät der Universität und einem berufspraktischen Teil im Krankenhaus. Beides umfasst jeweils mindestens 2.200 Stunden. Die Studierenden schließen dafür Ausbildungsverträge mit kooperierenden Krankenhäusern ab und erhalten eine Ausbildungsvergütung.

Studium ermöglicht Karriere in der EU

Das Skills- und Simulationszentrum LernKlinik Leipzig der Medizinischen Fakultät wurde im Juli 2019 eröffnet. Hier lernen neben angehenden Hebammen auch Humanmedizinstudierende und Ärzte sowie Studierende der Zahnmedizin und Pharmazie. Der Vorteil dieser studiengangsübergreifenden Nähe: Die angehenden Hebammen werden auch von studentischen Tutoren aus anderen Studiengängen der Medizinischen Fakultät angeleitet. Für beide Seiten ein Gewinn.

Die Füße der Übungspuppe eines Neugeborenen gucken unter einer Decke in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät heraus.
Die Füße der Übungspuppe eines Neugeborenen gucken unter einer Decke in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät heraus. © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

"Wir hatten im europäischen Vergleich schon immer eine sehr hochwertige Ausbildung", sagt Henrike Todorow, Fachbereichsleiterin Hebammen an der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig. Was jetzt hinzukomme, sei das wissenschaftliche Arbeiten. Die Studierenden lernten, richtig zu recherchieren, Studien zu bewerten und die systematische Suche. Mit dem akademischen Abschluss könnten die Absolventen auch in der Forschung oder der Lehre bleiben. "Dadurch sind die Karrierechancen vielfältiger geworden." Und auch die Bewerbungschancen innerhalb der EU steigen mit dem Bachelor-Abschluss.

Zudem profitierten die Studierenden von dem Fachwissen an der Universität. "An der Uni vermitteln ausschließlich Experten ihres Gebietes wie in der Inneren Medizin, Psychologie und Ethik ihr Wissen", erläuterte Todorow.

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Zuletzt dürfen Lea Souleiman und Laura Mieke an diesem Tag das täuschend echt wirkende Babymannequin der Mutter nach dem Stillen richtig auf die Brust legen. Das sogenannte Bonding dient der Bindung zwischen Mutter und Kind. Es klappt. "Und sie haben Freude dabei. Das ist wichtig", lobt Bianca Hünlich die Studentinnen. Nach der Stunde schlendern beide bei strahlendem Sonnenschein über den Campus. Sie genießen sichtlich das Studentendasein trotz Corona-Einschränkungen. (dpa)

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