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So lebt es sich in Connewitz - ein Bewohner erzählt

Leipzig-Connewitz gilt als Hochburg der Linksextremen, die zunehmend radikaler und brutaler werden. Viele Menschen im Stadtteil sehen das mit wachsender Sorge.

Unser Autor hat ein Herz für Connewitz. Seit 17 Jahren lebt er in dem bunten Stadtteil von Leipzig.
Unser Autor hat ein Herz für Connewitz. Seit 17 Jahren lebt er in dem bunten Stadtteil von Leipzig. © Peter Endig

Von Sven Heitkamp

Ich lebe in Connewitz, mit meiner Familie, seit 17 Jahren. Und das ziemlich gern. Auch wenn‘s manchmal knallt und Bilder brennender Straßen durch die Republik flimmern. Die Konservativen unter meinen Bekannten reißen manchmal fassungslos die Augen auf und fragen mich, was ich hier wolle, zwischen den brennenden Mülltonnen. Aber Connewitz ist eben nicht nur die autonome Hochburg, in der Linksextreme zunehmend radikal und gewaltbereit auftreten, sondern auch ein Stadtteil, der etwas anders ist als andere.

Zwischen schrägen Läden und Kneipen, Veggi-Burger-Imbiss und Naturbäckerei leben die alten Connewitzer, manche von ihnen seit den 50er-Jahren, die Punks und die Geflüchteten, die Ärzte und Künstler, viele Jahre sogar der Oberbürgermeister und der Chef eines kommunalen Unternehmens, junge Familien aus dem Umland und aus dem Westen, die Leute aus den Kirchgemeinden und ein Fußballclub, der sich Roter Stern nennt, gegen Rassismus antritt und tolle Jugendarbeit macht.

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Ein Straßenzug im Stadtteil Connewitz von Leipzig.
Ein Straßenzug im Stadtteil Connewitz von Leipzig. © Peter Endig

Demos sind in Connewitz an der Tagesordnung, manchmal muss ich nur aus dem Fenster gucken, um zu sehen, ob es um aggressiven Klassenkampf geht oder sich die Leute friedlich für etwas engagieren, wie für die Flüchtlinge in Moria. In Connewitz muss ich mich und mein Weltbild öfter hinterfragen als anderswo und ich treffe immer wieder Leute, von denen man Toleranz und Gelassenheit lernen kann.

Kinder bleiben besser zu Hause

Wir hatten nie Bedenken wegen des Stadtteils, im Gegenteil. Wir leben seit 2003 hier, da war es etwas ruhiger und es war eine schöne Altbauwohnung frei. Zwei Minuten zum Auwald, eine Viertelstunde zum Cospudener See. Wir zahlten knapp fünf Euro Miete pro Quadratmeter, der Preis hat sich bis heute nur wenig erhöht. Angst vor den Autonomen haben wir nicht. Bange wird uns vor allem, wenn Rechtsextreme in den Stadtteil einmarschieren. Dann drohen die schlimmsten Szenen und ich bitte meine Kinder, ein paar Stunden zu Hause zu bleiben. Nicht schön, wohl wahr, aber Gott sei Dank erst ein- oder zweimal passiert. Wie im gallischen Dorf hat sich die linke Szene in Connewitz gegen Angriffe von Neonazis gewehrt und dazu beigetragen, dass sich ein vielfältiges Leben für alle Menschen entwickeln konnte. Bis heute.

Eine Fahne mit der Aufschrift „Gegen Nazis“ hängt aus einem Fenster.
Eine Fahne mit der Aufschrift „Gegen Nazis“ hängt aus einem Fenster. © Peter Endig

Man darf den Ursprung der ganzen Geschichte nicht vergessen, um sich ein Urteil zu bilden. Zu meinem Freundeskreis gehören ein paar Menschen, honorige, bürgerliche Leute, die zu Wendezeiten 1989/1990 dabei waren, die alte Häuser in Connewitz friedlich besetzt hielten. Nicht, um sich mit der Polizei zu prügeln, sondern um alte Häuser vorm Verfall zu retten. Die SED-Stadtplaner hatten 1988 beschlossen, ganze Straßenzüge niederzureißen und ein Plattenbauviertel zu errichten. Nach der Wende hat die Stadt das Quartier zum Sanierungsgebiet erklärt, die „Connewitzer Alternative“ wollte Abriss verhindern. Es gab auch damals Krawalle und auch Übergriffe von Neonazis. Aber Rathaus, Polizei und Besetzer redeten miteinander, gemeinsam gründete man eine Genossenschaft.

Freiräume werden verdrängt

Heute geht das leider nicht mehr so leicht. Als Reporter haben wir mehrfach versucht, mit radikalen Linksextremisten zu sprechen. Keine Chance, nicht mal anonym. Journalisten sind Teil des verhassten Systems. Es stimmt ja: Connewitz verändert sich. Magistralen werden saniert, jeder freie Fleck im alten Bermudadreieck zwischen Bornaischer und Wolfgang-Heinze-Straße mit Wohnungen bebaut, die nur für zahlungskräftiges Klientel erschwinglich sind. Die Angebotsmieten sind um 50 Prozent gestiegen, Freiräume werden verdrängt.

Neben vielen Altbauten gibt es zwischendrin immer mehr Neubauten.
Neben vielen Altbauten gibt es zwischendrin immer mehr Neubauten. © Peter Endig

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