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Leistungssport am Klavier

Ein eigenes Institut kümmert sich in Dresden um die Gesundheit von Musikern. Die gehen oft an ihre Grenzen.

© René Meinig

Von Jana Mundus

Der Waschbrettbauch ist egal. Aufgepumpte Bizepsmuskeln sind nicht das Ziel. Es geht um etwas anderes. Es geht um die berufliche Existenz. In das Fitnessstudio der Dresdner Musikhochschule kommen viele Studenten, die Probleme haben. Nicht bei der Virtuosität an ihrem Instrument, sondern mit ihrem Körper. Wenn die Schulter beim Geigespielen schmerzt oder die Finger am Klavier nicht mehr über die Tasten fliegen wollen, hilft Sport – und eine gute Beratung. Um die Gesundheit der Musiker kümmert sich an der Hochschule ein eigenes Institut, das Institut für Musikermedizin. Leiter Hans-Christian Jabusch und seine Kollegen betreuen die Leistungssportler am Instrument.

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Was passiert beim Klavierspielen im Körper? Im Motoriklabor wird das mittels Infrarotkameras sichtbar gemacht.
Was passiert beim Klavierspielen im Körper? Im Motoriklabor wird das mittels Infrarotkameras sichtbar gemacht. © Hochschule für Musik

Wenn Studenten in die Ambulanz des Instituts kommen, weiß Jabusch genau, wie sie sich fühlen. Der Professor hat nicht nur Medizin studiert, sondern auch Klavier. „Wenn das Musizieren nicht mehr richtig funktioniert, dann sind die existenziellen Grundlagen für viele Betroffene bedroht“, erklärt er. Nicht nur Studenten suchen bei ihm Hilfe. Zahlreiche Berufsmusiker hat er in den vergangenen Jahren ebenfalls schon begleitet.

Wer ein Instrument perfekt beherrscht, geht körperlich an seine Grenzen. Jahrelang wird geübt, um immer besser, geschickter und schneller zu werden. Um die musikalischen Talente auszufeilen. Doch die oft einseitigen Belastungen können Schwierigkeiten machen. Vor allem dann, wenn die Musiker Warnsignale ihres Körpers nicht ernst nehmen und weiter üben. „Für die Betroffenen tritt der Schmerz in den Hintergrund. Ihnen ist das Vorspiel oder das anstehende Konzert wichtiger“, erklärt der Mediziner.

Laut einer Studie haben 76 Prozent der Orchestermusiker mindestens einmal in ihrem Leben ein Problem, das das Spielen ihres Instruments schwer beeinträchtigt. „Eine andere Studie unter Musikern von über 50 Orchestern weltweit zeigte vor einigen Jahren, dass sich fast 80 Prozent nicht gut auf ihren Musikeralltag vorbereitet fühlten“, ergänzt Hans-Christian Jabusch. Ein Fakt, der die Wichtigkeit der Musikermedizin verdeutlicht.

Plötzlich ist alles anders

Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Disziplin immer weiter professionalisiert. Heute gehört das Dresdner Institut, das im Jahr 2000 gegründet wurde, allerdings immer noch zu einigen wenigen Einrichtungen im Land, die sich ganz diesem Thema verschrieben haben. Seit 2008 ist Jabusch hier Leiter. Zuständig ist das Institut für Musikermedizin für drei Bereiche: Zum einen für die Klinik und somit Therapie und praktische Hilfe für die Musiker. Zum anderen für die Lehre und Vermittlung von vorbeugenden Maßnahmen. Auch die Forschung in diesem Themenbereich gehört zu seinen Aufgaben.

Seit Eröffnung des Instituts haben hier bis zu 600 Betroffene Hilfe gesucht. Die meisten, sagt Jabusch, haben Schmerzen. Diese entstehen meist durch Überlastung und durch Leistungsdruck. „Andere kommen wegen einer Auftrittsangst oder anderen seelischen Belastungen zu uns.“ In solchen Fällen kooperiert das Institut auch mit Psychologen. Wer unter Schmerzen leidet, wird untersucht. Dann analysiert Jabusch das Spiel auf dem Instrument, lässt sich erklären, wie geübt wird. Danach kommt der schwierigste Schritt: die Verhaltensänderung. „Viele dürfen für eine Therapie erst einmal nur wenige Minuten am Tag üben, damit sich der Körper regenerieren kann.“

Für die meisten ist das eine Herausforderung. Sie haben Angst, sich nicht weiterzuentwickeln, stehenzubleiben. Deshalb werden ihnen auch andere Techniken vermittelt. Beispielsweise das mentale Üben. Dabei stellen sich die Musiker das Spielen gedanklich sehr detailreich vor. „Einer meiner Patienten hat damit eine komplette Beethoven-Sinfonie einstudiert.“ Wie lange die Heilung dauert, ist unterschiedlich. Manchmal nur Wochen, in anderen Fällen mehrere Monate. Damit es gar nicht erst so weit kommt, ist Vorbeugen wichtig. Die Hochschule bietet dafür ein umfangreiches Kursprogramm an. Neben Pilates und Yoga unter anderem auch Qi-Gong oder eben Krafttraining im Fitnessstudio. Angeleitet werden die Studenten hier von Ralf-Ulrich Mayer. Ein Sportlehrer an der Musikhochschule? „Berufsmusiker ähneln in vielerlei Hinsicht Leistungssportlern“, erklärt Jabusch.

Ein Musiker in 3-D

Um helfen zu können, müssen die Mediziner wissen, was beim Spiel in den Musikern passiert. Wie Skelett und Muskeln für das perfekte Klangergebnis miteinander agieren. Am Institut wird daran geforscht. Im Motoriklabor werden die Bewegungsabläufe mithilfe von Infrarotkameras genau studiert. Am Computer entstehen aus den Aufnahmen 3-D-Modelle, die auch beim Erforschen von gesundheitlichen Störungen helfen können.

Die Wissenschaftler beschäftigen sich auch mit schweren Krankheitsbildern, so unter anderem mit der fokalen Dystonie bei Musikern. Die neurologische Erkrankung betrifft ein Prozent der Berufsmusiker. Geiger können dabei zum Beispiel Saiten ihres Instruments nicht mehr präzise greifen. Einzelne Finger von Pianisten rollen sich ein. „Die eigentliche Ursache dieser Störung ist noch nicht bekannt“, erklärt der Institutsleiter. „Die Krankheitsmechanismen noch besser zu verstehen, ist eines unserer Hauptanliegen in den nächsten Jahren.“ Trotz der verfügbaren Therapien müssen 30 Prozent der Betroffenen ihren Beruf aufgeben.

Damit solche schweren Schritte die Ausnahme bleiben, muss bei Musikern das Bewusstsein für die eigene Gesundheit geschärft werden. „In den vergangenen Jahren hat sich dahingehend viel getan“, sagt Jabusch. Aufklärung sei aber auch in Zukunft wichtig.