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Lernen in der „Asylothek“

Ein Flüchtlings-Projekt soll bundesweit Schule machen: Bis Jahresende will ein Nürnberger 50 „Asylotheken“ eröffnen - Bildungszentren für Asylbewerber, die von Ehrenamtlichen betrieben werden.

© dpa

Roland Beck

Nürnberg. Als Günter Reichert vor drei Jahren die Idee zu einem Flüchtlings-Hilfsprojekt kam, rechnete er nicht damit, dafür Unterstützer zu finden. So fragte der 53-Jährige erst gar nicht nach Hilfe, sondern handelte einfach selbst: Im September 2012 eröffnete er auf ohne öffentliche Zuschüsse in einer Gemeinschaftsunterkunft in Nürnberg die „Asylothek“. Was als kleine Bibliothek für Asylbewerber gedacht war, hat sich binnen drei Jahren zu einem rein ehrenamtlich geführten Bildungszentrum entwickelt.

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Asylbewerber können hier Deutsch lernen. Junge Flüchtlinge werden durch spielerische Elemente mit den Regeln in Deutschland vertraut gemacht. Daneben gibt es sportliche und kreative Angebote. Jetzt stehen die Zeichen auf Expansion: In München, Ingolstadt und Grassau gibt es seit einiger Zeit ebenfalls „Asylotheken“. Und es sollen noch viele weitere dazukommen: „Mein Ziel ist, dass es bis Jahresende 50 „Asylotheken“ in Deutschland gibt“, sagt Reichert.

Seine Initiative zählt zu den Preisträgern des „Bürgerpreises 2015“ des Bayerischen Landtags, der am 22. Oktober verliehen wird. Bereits an diesem Mittwoch wird Reichert im Bundesfamilienministerium in Berlin vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement mit dem Titel „Deutscher Engagement-Botschafter“ geehrt. Im September ist Reichert bei Bundespräsident Joachim Gauck eingeladen.

Auch Vermittlung von Werten ist Teil der Arbeit

„Am Anfang war die „Asylothek“ nur als Bibliothek mit Sprachkursbüchern für Asylbewerber gedacht, darüber sind wir weit hinausgekommen“, berichtet Reichert. Durch Kooperationen mit Kirchengemeinden, Kunst- und Kulturschaffenden, Schulen und Universitäten konnten viele Aktionen ins Leben gerufen werden - von der Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder über eine Begabtenförderung bis hin zum Bau einer Spielfläche auf dem Gelände des Asylbewerberheims. „Um die Integration voranzubringen, vermitteln wir in den „Asylotheken“ aber auch Werte, die in Deutschland wichtig sind, wie Pünktlichkeit oder Ordentlichkeit.“

Die Nürnberger „Asylothek“ befindet sich in einer Gemeinschaftsunterkunft, in der aktuell knapp 210 Menschen aus gut einem Dutzend Nationen untergebracht sind. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stehen staatlich organisierte Deutschkurse nur „rechtmäßig auf Dauer in Deutschland lebenden Ausländern“ zu. Darunter fallen weder Geduldete noch Asylbewerber, solange ihr Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. „Keine gute Lösung“, meint Reichert, der von Beruf Architekt ist. „Integration muss am ersten Tag und nicht erst nach einem positiv beschiedenen Asylantrag beginnen“.

So richtig bewusst wurde dem Nürnberger das, als er 2012 bei der Eröffnung der Nürnberger Gemeinschaftsunterkunft dabei war: „In dem neuen Haus gab es nur einen Hausmeister, der zweimal die Woche vorbeikam. Eine soziale Betreuung und ein Mindestbildungsangebot waren jedoch nicht vorhanden.“

Auf Zuschüsse wird bewusst verzichtet

Viele Ehrenamtliche boten Reichert zu dessen eigener Überraschung schon nach kurzer Zeit ihre Unterstützung an. So viele, dass die „Asylothek“ in Nürnberg inzwischen fünfmal die Woche jeweils für zwei Stunden öffnen kann. Auf Zuschüsse verzichtet Reichert bewusst: „Weil wir keine Förderanträge stellen müssen, können wir sehr schnell neue Standorte eröffnen, wenn sich genügend Freiwillige finden.“

„Die Zahl der Menschen, die sich wie Günter Reichert abseits von Institutionen als Einzelpersonen ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren, hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht“, sagt Dieter Rehwinkel vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement. Er nennt Reichert einen Leuchtturm unter den Ehrenamtlichen. „In den Nachrichten sehen wir nur das brennende Flüchtlingsheim, tatsächlich ist die Hilfsbereitschaft aber sehr groß.“

Die „Asylothek“ in Nürnberg trägt bereits Früchte: Kinder der Einrichtung veröffentlichen regelmäßig Bilder und Texte in der Düsseldorfer Kinderzeitung „Die Nachtigall“. Reichert: „Das schafft Ehrgeiz, Leistungswille, Selbstbewusstsein und macht mächtig stolz.“

Selbst für den Fall einer Ablehnung des Asylantrags erachtet Reichert die Arbeit der Ehrenamtlichen nicht als verlorene Zeit: „Die Kenntnis der deutschen Sprache kann immer nützlich sein.“ So könne sich dadurch etwa die Chance auf eine gut bezahlte Arbeit im Heimatland eröffnen. Außerdem erhielten in den „Asylotheken“ traumatisierte Kinder und Jugendliche „Orientierung, Geborgenheit und ein Stück Heimat.“ (dpa)