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Lesen – irgendwie anders

Das diesjährige Literaturfest bietet mehr als 200 Lesungen, auch wieder an ziemlich ungewöhnlichen Orten.

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© Claudia Hübschmann

Von Udo Lemke

Daniel Bahrmann rollt eine Papierrolle aus: „Das sind fast zwei Meter Programm“, erklärt er. Er gehört zu den Organisatoren des Literaturfestes Meißen am zweiten Juni-Wochenende, und auf der Rolle sind mehr als 200 Orte von Lesungen aufgeführt. Am kommenden Montag, wenn Bahrmann das Programmheft des größten deutschen Open-Air-Literaturfestes in den Druck gibt, werden etwa 210 Termine aufgeführt werden.

Einen davon bestreitet Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos). Traditionell liest er zum Beginn des Literaturfestes in einem Kindergarten. „Höchstwahrscheinlich werde ich in dem am Mücke-Ring lesen, denn da war ich noch nicht.“ Raschke wird den Kindern aus einem Kinderbuch mit dem Titel „Irgendwie Anders“ vorlesen. Und so fängt die Geschichte an: „So sehr er sich auch bemühte wie die anderen zu sein, Irgendwie Anders war irgendwie anders. Deswegen lebte er auch ganz allein auf einem hohen Berg und hatte keinen einzigen Freund. Bis eines Tages ein seltsames Etwas vor seiner Tür stand. Das sah ganz anders aus als Irgendwie Anders, aber es behauptete, genau wie er zu sein ...“ Das Bilderbuch wurde 1997 mit dem erstmals vergebenen Preis der Unesco für Kinder- und Jugendliteratur im Dienst der Toleranz ausgezeichnet.

Was das in diesem Jahr zum siebten Mal ausgetragene Literaturfest besonders macht, sind die Orte, an denen es stattfindet. „Das reicht von Privatleuten, die in ihren Höfen lesen, bis zur Albrechtsburg, deren Lesenacht bis Mitternacht geht“, so Bahrmann. Und er verrät auch einen der Orte, die in aller Regel nicht einmal die Meißener selbst betreten. Es handelt sich um den ehemaligen Theatermalsaal am Schlossberg. „Auf dem Turm der Marienkirche haben wir schon gelesen und im alten Knast, es finden sich immer neue, ungewöhnliche Leseorte, in diesem Jahr werden das etwa ein Bio-Laden sein und das Amtsgericht“, sagt Oberbürgermeister Raschke. Die Stadt unterstützt das Lesefestival nicht nur mit der Bereitstellung von Leseorten, sondern auch mit praktischer Hilfe. Der Bauhof etwa baut die fünf Bühnen des Literaturfestes auf, hinzu kommen noch einmal 23 Bühnen der Programmpartner. Und noch in anderer Hinsicht hilft die Stadt: Während der Lesungen wird der Marktplatz für den Verkehr gesperrt, sodass es keine Störungen mehr geben wird.

„Zwischen den Welten – Geschichten aus Nah und Fern“ ist das diesjährige Lesefest überschrieben. Das Motto schließt ein, dass erstmals auch ausländische Autoren in ihrer Muttersprache lesen werden. „Wir hoffen, dass diese Lesungen möglichst viele Meißner, Gäste und neu in unsere Stadt Zugereiste zusammenführen, um sich kennenzulernen“, verweist Walter Hannot, Vorsitzender des veranstaltenden Meißener Kulturvereins, darauf, dass Kultur und insbesondere Literatur Brücken baut.

Hannot hatte das Lesefest 2009 initiiert. Seitdem kamen jährlich bis zu 14 000 Besucher in die Stadt, um bei dem Lesefest literarischen Werken zu lauschen und die besondere Atmosphäre in der Stadt zu erleben. Bis heute ist der Eintritt zu allen Lesungen frei. Schirmherr des Literaturfestes ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der in der Domstadt sein Wahlkreisbüro für den Bundestag hat. Neben vielen anderen Sponsoren fördert auch die Sächsische Zeitung das Lesefest.