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Letzte Ruhe unter Bäumen

Gotthardt von Wallenberg möchte im Schlosspark von Deutsch-Paulsdorf Urnen beisetzen. Die Kirche ist dagegen.

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© obs

Von Rita Seyfert

Deutsch-Paulsdorf. Vogelgezwitscher, das knarrende Ächzen der Wipfel im Wind und der Geruch von Moos, Harz und Pilzen. Gotthardt von Wallenberg hat konkrete Vorstellungen von seinem Grab. Seine Asche soll in einer Urne zwischen Wurzeln versenkt werden. Schattig soll es sein. „Ich habe mir schon einen schönen Baum ausgesucht“, sagt er. Er steht vor seiner Schlosstür in Deutsch Paulsdorf. Das Anwesen erwarb der betagte Herr vor einem Jahr.

Aus der Parkanlage möchte er nun einen Bestattungswald machen. Für ihn ein „Win-Win-Projekt“, ein Vorhaben, bei dem es nur Gewinner gibt. Den Vertrag mit der Friedwald GmbH schloss er bereits ab. Und da die Gemeinde da auch mitzureden hat, berichtete Herr von Wallenberg in der jüngsten Markersdorfer Gemeinderatssitzung von seinen Plänen. Den Friedwald-Vertreter brachte er gleich mit.

Helge Hedtke machte seinen Job gut. Wie ein überzeugter Staubsauger-Vertreter beschreibt er die Vorzüge seines Produkts. Eine alternative, naturnahe Bestattungsart ohne jeden Aufwand. Denn die Grabpflege übernimmt die Natur. Der feste Bezugspunkt für die Trauer ist ein Baum. Das Nutzungsrecht wird zu Lebzeiten erworben.

Ein Einzelplatz kostet 770 Euro. „Hier hat man aber keinen Einfluss darauf, wer links und rechts von einem liegt“, erklärt Hedtke. Wen das stört, für den könnte das XXL-Paket eine Option sein: der „Familien-Baum“ mit der Hoheit über zehn Plätze ab 3350 Euro, zuzüglich der aktuellen Bestattungsgebühren von 275 Euro pro Beisetzung. Das Angebot richte sich weniger an die Kommune, sondern an die Bewohner der Region im Radius von 40 Kilometern.

Erkennbar ist ein Friedwald am angrenzenden Parkplatz und einer Informationstafel. Ein Andachtsplatz mit Stele für die Urne könne eingerichtet werden, auf Wunsch der Gemeinde auch mit Kreuz. Etwa ein Drittel der Beisetzungen führt ein Priester durch, in den anderen Fällen sind es Familienmitglieder oder Trauerredner.

Für Helge Hedtke ist der Deutsch-Paulsdorfer Schlosspark in Verbindung mit den nördlichen Waldflächen am Spitzberg hervorragend geeignet. Wiedererkennbare Bäume mit Persönlichkeit, Buchen, Eichen, Ahorn und Birken wachsen dort. Das Areal sei gut erschlossen. Die natur- und forstrechtlichen Vorschriften würden die Nutzung ermöglichen. Waldbesitzer und Förster müssen die Flächen zur Verfügung stellen. Freigegeben wird der Wald in Parzellen. Eine Entwidmung sei jederzeit möglich, falls die Idee nicht ankommt. Hedtke beschreibt das Bestattungs-Modell als „neuen Trend“, der der Kommune ein überregionales Interesse sichert. Räte und Bürger hören gespannt zu, nicken interessiert und scheinen geneigt, für die Unterschrift zum Stift zu greifen. Zwar sind die Verträge intern fertig. So einfach geht es aber nicht. Die Friedwald GmbH würde sich als Betreiber um das Marketing kümmern und die Kosten tragen. Die Kommune müsste aber die Trägerschaft übernehmen. Was das bedeutet, wie hoch der bürokratische Aufwand wäre, dazu muss sich Bürgermeister Thomas Knack nun schlaumachen.

Für manche Räte ein heißes Eisen. „Wir schaffen uns eine Konkurrenz“, sagte Gemeinderat Ulrich Schubert. Die vier Friedhöfe in Markersdorf seien alle in gutem Zustand, aber kaum ausgelastet. Der Königshainer Pfarrer, Andreas Bertram, bestätigte, dass die Kirchen alle dagegen sind. „Die Friedhöfe sind defizitär“, sagte er. Hält die Entwicklung an, müsse Markersdorf ein Ausstiegsszenario für seine Pflichtaufgabe planen. „Wir müssen die Friedhöfe nicht weiter tragen“, so Pastor Bertram. Konkurrenz sieht Helge Hedtke aber nicht. Nach seiner Rechnung ließen sich 2015 in Deutschland 1,5 Prozent der Bevölkerung im Forst bestatten. In Markersdorf mit 4200 Einwohnern wäre das bei einer Sterbequote von einem Prozent – laut Bundesdurchschnitt – demnach nur eine Person.

Zugleich äußerte sich Pfarrer Bertram vor dem Hintergrund einer jahrhundertealten Tradition kritisch. „Trauern kann man nicht üben“, sagte er. Manche wollen ein Grab einfrieden, harken, Blumen pflanzen oder Kerzen aufstellen. Diese Rituale sind im Friedwald nicht möglich. Von einer neuen Entscheidungsfreiheit sprach hingegen Gemeinderat Rolf Domke. Wessen Kinder im Westen leben, für den sei die Idee optimal. „Wer sich anonym bestatten lassen will, der geht auch ins Rosenbeet oder auf die Wiese.“

Neu ist die Idee nicht. Im Urnenwäldchen vom Städtischen Friedhof in Görlitz lassen sich zehn Menschen pro Jahr bestatten. Dass die Region einen Friedwald braucht, glaubt Betriebsleiterin Evelin Mühle aber nicht. Die meisten wollen ein traditionelles Grab. Und die Angehörigen derjenigen, die sich für den Baum entscheiden, kommen damit oft überhaupt nicht klar. „Eine große Verantwortung, die eine Kommune da trägt“, so Mühle. Die Vertragsbindung läuft 99 Jahre. Ein langer Zeitraum. Wer wo liegt, das weiß nach zwei Generationen niemand mehr. Für Evelin Mühle klingt es fast wie eine Mogelpackung. Letztlich komme es auf den Vertrag an, der Punkte wie Nutzungszeiten, auch für die nächsten Generationen, übersichtlich regelt. Was bei Pilzbefall oder Blitzeinschlag passiert, müsse geklärt werden.

Sollte die Gemeinde als Rechtsträger für den Friedwald stimmen, müsste beim Landratsamt ein Genehmigungsverfahren beantragt werden. Doch auch das Landratsamt betritt mit dem Projekt Neuland.