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Letzter Kontakt: Café Europa

2010 verschwand Enrico Kubat. Nun ermittelt die Mordkommission. Zwei Verdächtige sitzen in U-Haft, aber wegen Einbruchs.

Von Thomas Schade

Als die Dresdner Polizei am 27. März eine fünfköpfige Einbrecherbande festnahm, die mehr als 30 Einbrüche begangen haben soll, da wurden auch eine 28-jährige Frau und ein 31-jähriger Mann verhaftet, für die sich seit längerer Zeit schon die Dresdner Mordkommission interessiert: Christin K. und Martin F.

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Martin F.: 1,75 Meter groß, schlank, trägt Tunnelohrringe an beiden Ohren, zu Tatzeit 27.
Martin F.: 1,75 Meter groß, schlank, trägt Tunnelohrringe an beiden Ohren, zu Tatzeit 27. © Polizei
Christin K.: 1,66 Meter groß, schlank, zur Tatzeit 23 Jahre und von kräftigerer Statur.
Christin K.: 1,66 Meter groß, schlank, zur Tatzeit 23 Jahre und von kräftigerer Statur. © Polizei
Dieser grüne VW Golf IV Variant gehörte Enrico Kubat.
Dieser grüne VW Golf IV Variant gehörte Enrico Kubat. © Polizei
Der vermisste und wahrscheinlich getötete Enrico Kubat ist 1,78 m groß und von schlanker Gestalt. Der vermisste und wahrscheinlich getötete Enrico Kubat ist 1,78 m groß und von schlanker Gestalt.
Der vermisste und wahrscheinlich getötete Enrico Kubat ist 1,78 m groß und von schlanker Gestalt. Der vermisste und wahrscheinlich getötete Enrico Kubat ist 1,78 m groß und von schlanker Gestalt. © Polizei

Beide sitzen seither in Untersuchungshaft. Beide sind bei der Polizei keine Unbekannten. Und beide, so vermutet die Mordkommission, sind auch die Personen, die vor fast vier Jahren, am 11. Mai 2010, als Letzte mit Enrico Kubat zusammen waren. Der 36-jährige Mann aus einem kleinen Ort bei Freiberg verschwand an jenem Dienstagmorgen. Bis heute fehlt von ihm jede Spur. Kubat galt zwei Jahre als einer der rätselhaftesten Vermisstenfälle in Sachsen. Sogar in Irland und in Kanada wurde nach ihm gefahndet. „Nach der Prüfung aller Hinweise gehen wir heute davon aus, dass Enrico Kubat einem Tötungsverbrechen zum Opfer gefallen ist“, sagt Volker Wichitill, der Chef der Dresdner Mordkommission. Die einzige Spur führt zu Christin K. und Martin F., die nach Angaben der Polizei 2010 ein Paar waren.

Eltern, Geschwister und Freunde beschreiben Enrico Kubat als einen vielseitig interessierten, aber auch empfindsamen und sehr sensiblen Menschen. Er war gelernter Elektromonteur und studierter Techniker. Bis zu seinem Verschwinden wartete er Windkraftanlagen, war in dem Job viel unterwegs, aber auch unzufrieden, wie die Polizei von den Eltern erfuhr. Sein größtes Interesse galt der Natur, Kräuter- und Naturheilkunde hatten es ihm angetan. Kubat fühlte sich auch zur Esoterik und zum Schamanentum hingezogen.

Im Frühjahr 2010, so erfuhr die Polizei, litt er seelisch unter der Trennung von seiner Freundin. Die Beziehung war im Februar auseinandergebrochen. In der Nacht zum 11. Mai schlief Enrico Kubat bei seiner Schwester in Dresden. Sie berichtete der Polizei, dass sie nur bemerkt habe, wie ihr Bruder morgens gegen 5 Uhr die Wohnung verließ. Wenig später stand der 36-Jährige bei seiner Ex-Freundin in der Dresdner Neustadt vor der Tür. Kubat wirkte verstört und verschwand nach wenigen Minuten wieder. Die Ex-Freundin konnte später nicht sagen, was er eigentlich wollte.

Letzte Spur am Albertplatz

Die letzten Hinweise kamen von der Königsbrücker Straße. Dort hatten Zeugen den Mann aus Freiberg am frühen Morgen im Café Europa gesehen, zusammen mit Christin K. und Martin F. Zu dritt sollen sie am Vormittag Richtung Albertplatz gelaufen sein. Danach verliert sich die Spur.

Am Abend desselben Tages wurde mit Kubats Kreditkarte in Hoyerswerda eingekauft: 18.22 Uhr im Globus-Markt, 19.04 Uhr in der Tom-Taylor-Filiale und 19.35 Uhr bei Douglas. „Auf den Bons stehen Artikel, die der Vermisste nie gekauft hätte“, sagt Moko-Chef Wichitill. In den folgenden Tagen wurde Kubats Karte auch in Grimma, Leipzig, Delitzsch und Bautzen eingesetzt. Am Abend des 12. Mai checkte ein Pärchen im Hotel Sachsen-Park in Leipzig ein, unter dem Namen Christin K. Am nächsten Morgen bezahlten sie mit der Kreditkarte und signierten mit „Kubat“. Das fiel zunächst keinem auf.

All die Kontobewegungen bemerkte Enrico Kubats Mutter erst Tage später, als die Auszüge kamen. Auch dass vom Konto ihres Sohnes Geld auf ein anderes Konto überwiesen worden war. Zu spät für die Auswertung von Überwachungskameras, die in der Regel nur 24 oder 48 Stunden aufzeichnen. Aber die Ermittler hatten auch Glück. Schnell war der Inhaber des Empfängerkontos gefunden: Martin F. Bei der Auswertung von Kassenzetteln, Quittungen und Belegen sicherten Kriminaltechniker zudem Fingerabdrücke. Sie gehörten ebenfalls Martin F. Er war der Polizei bereits wegen EC-Karten- und Drogendelikten bekannt – zusammen mit Christin K. Die Leipziger Polizei sammelte alle Beweise für den Missbrauch von Kubats Geldkarten, am 20. Juni 2012 verurteilte das Leipziger Amtsgericht Martin F. deswegen zu sieben Monaten Haft auf Bewährung. Natürlich war Martin F. im Zuge dieser Ermittlungen auch gefragt worden, wie er in den Besitz der Geldkarten von Enrico Kubat gekommen war. Volker Wichitill: „Er sagte, er wisse es nicht mehr, weil man damals vielen Leuten Geldkarten abgezogen habe. Enrico Kubat kenne er nicht.“ Allerdings seien im Prozess am Amtsgericht weitere Hinweise aufgetaucht, dass das nicht die ganze Wahrheit ist, so Wichitill. So hatte Martin F. eingeräumt, dass er nach dem 10. Mai 2010 in einem grünen Auto unterwegs gewesen war. Der vermisste Enrico Kubat war vor seinem Verschwinden mit einem grünen Golf Variant mit Freiberger Kennzeichen (FG - FJ 99) unterwegs.

„Wir gehen davon aus, dass das Paar in den Tagen danach mit diesem Auto unterwegs war“, sagt Moko-Chef Wichitill. Er und seine Mitarbeiter übernahmen den Fall, nachdem die Dresdner Staatsanwaltschaft im Sommer 2012 Mordermittlungen eingeleitet hatte. Am 10. Dezember 2012 durchsuchte die Polizei die Wohnung des Paares, fand aber keinerlei Hinweise auf Enrico Kubat. In der Vernehmung durch die Mordkommission blieben beide dabei: Sie waren in einem grünen Auto unterwegs, haben mit Kubats Kreditkarten bezahlt, kennen den Vermissten aber nicht.

Nun ist die Dresdner Mordkommission in einer schwierigen Lage: Sie geht davon aus, dass Enrico Kubat getötet wurde. „Höchstwahrscheinlich war er schon nicht mehr am Leben, als seine Geldkarte erstmals benutzt wurde“, sagt Volker Wichitill. Die Täter hätten offenbar seine psychische Ausnahmesituation ausgenutzt, er habe sterben müssen, weil sie an sein Auto und seine Kreditkarten kommen wollten.

Doch die Ermittler haben bisher weder Kubats Leiche noch sein Auto gefunden. Sie haben zwei Verdächtige, gegen die aber außer einer Reihe von Indizien keine Beweise vorliegen. Da beide Verdächtige wegen anderer Vergehen in U-Haft sitzen, hoffen die Ermittler nun, dass es Zeugen unter diesen Umständen leichter fällt, Hinweise zum Verbleib des Autos und des Vermissten zu geben. Seit gestern sind auch 5.000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Klärung des Verbrechens führen.

Hinweise nimmt die Dresdner Polizei unter der Rufnummer 0351-4832233 entgegen.