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Letztes Glöckchen für alte Propstei?

Die katholische Stahlbeton-Kirche in Leipzig, zu DDR-Zeiten mit Westgeld gebaut, soll abgerissen werden. Zunehmend regt sich nun aber Widerstand in der Politik.

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© dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Leipzig. Seit die Katholische Kirche mitten in Leipzig eine neue große Propstei samt Gemeindezentrum gebaut hat, geistert die Frage durch die Stadt: Was passiert eigentlich mit der stillgelegten Vorgänger-Kirche am Rosental, ein wenig sakraler Stahlbetonbau aus grauer DDR-Zeit? Jetzt wurde bekannt, dass das historische Bauwerk außer dem Glockenturm zum Abriss freigegeben ist. Das Landesamt für Denkmalpflege habe aus wirtschaftlichen Gründen dem Wunsch eines privaten Käufers zugestimmt, bestätigt die Stadt auf SZ-Anfrage. Ein Statiker sei zu dem Ergebnis gekommen, dass eine wirtschaftliche Nutzung „im Abseits liegt“. Ein teilweiser Abbruch werde unumgänglich sein. Konkrete Planungen sind bisher allerdings nicht bekannt. Die private Immobilienfirma, die das Bauensemble von der Kirchgemeinde erworben hat, hüllt sich in Schweigen. Auch eine Anfrage der SZ blieb unbeantwortet. Gerüchtweise sollen aber nach dem Abriss auf dem Grundstück Eigentumswohnungen entstehen. Das Grundstück liegt immerhin in bester Lage: vis à vis des Rosentals und nahe der Innenstadt.

Damit aber ist eine öffentliche Debatte entbrannt, ob die frühere Propstei nicht erhalten bleiben kann. Selbst Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) spricht sich inzwischen gegen einen Abriss aus und fragt nach Alternativen – denn eigentlich stehen alle Gebäudeteile unter Denkmalschutz. Dubrau sieht in der alten Propsteikirche ein besonderes baugeschichtliches Gebäudeensemble, von dem so viel wie möglich erhalten und weiter genutzt werden sollte. „Bürgerschaftliches und Eigentümerengagement haben schon öfter sinnvolle Konzepte für scheinbar hoffnungslose Fälle von Denkmalen entwickelt und diese doch einer neuen Nutzung zugeführt“, sagt die Bürgermeisterin.

Zu den Abrissgegnern zählen auch Leipziger Architekturexperten und der Landtagsabgeordnete Wolfram Günther. Der Grünen-Politiker erkundigte sich jetzt bei der Landesregierung per Kleiner Anfrage, wie sie die Sache sieht – und ob ein Käufer Hilfe vom Freistaat erhalten könne, um das Denkmal weiter zu nutzen. „Wir haben keine fertige Lösung, aber wir wollen die öffentliche Debatte anstoßen“, sagt Günther. Es dürfe bei dem Gebäude mit zeitgeschichtlichem und architektonischem Wert nicht nur um Profit-Maximierung gehen. Wenn signalisiert werde, dass eine weitere Nutzung möglich ist, könnten sich Interessenten finden – etwa andere Kirchgemeinden.

Propst Gregor Giele beobachtet die öffentliche Debatte derweil mit etwas Befremden. „Wir haben uns die Entscheidung des Umzugs weiß Gott nicht leicht gemacht. Aber es ging nicht mehr – es hat schon reingeregnet“, sagt Giele. Baugutachten hätten gezeigt, dass eine Sanierung nur mit Millionen-Aufwand möglich gewesen wäre. Für den Geistlichen war die inzwischen entweihte Kirche immer auch ein Mahnmal des DDR-Unrechts: „Sie durfte nicht wie eine Kirche aussehen, sie durfte nicht in der Innenstadt liegen, sie musste nach strengen Vorschriften mit West-geld bezahlt werden“, erinnert Giele.

Bei aller Architekturgeschichte dürfe man diesen Teil der Geschichte nicht vergessen. Sorgen, dass der private Verkauf rückabgewickelt wird, mache er sich vorerst trotzdem nicht. „Das steht bisher nicht ernsthaft zur Debatte.“ Die alte Propstei war 1979 bis 1982 unter Führung der DDR-Bauakademie errichtet worden. Gebaut wurde von regionalen Firmen – aber mit Spenden westdeutscher Gemeinden. Die DDR-Führung wollte auf diesem Umweg Devisen beschaffen. Genutzt wurde die Kirche bis zur Weihe des Neubaus im Frühjahr 2015. Seither verwildert der alte Bau: Diebe stahlen sogar eine Glocke, Orgelpfeifen und Heizkörper.