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Lichtblick nach zehn Jahren Finsternis

Der blinde Lampertswalder Frank Herrmann ist Teil einer medizinischen Sensation. Seine OP in Dresden macht Hoffnung.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Jörg Richter

Lampertswalde. Wer Frank Herrmann zum ersten Mal begegnet und in seine Augen sieht, würde niemals vermuten, dass er blind ist. Erst recht nicht, wenn er von ihm mit einem freundlichen Blick an der Haustür begrüßt und anschließend zielsicher in die Stube geführt wird. Ohne irgendwo anzustoßen. „Wenn ich mich nicht zu Hause auskennen würde, wo denn sonst“, sagt Frank Herrmann scherzend.

Damit der Chip aktiviert ist, bedarf es eines elektrischen Impulses, der aus einem walkmanähnlichen Kasten kommt. Hinterm Ohr ist die Kontaktstelle.
Damit der Chip aktiviert ist, bedarf es eines elektrischen Impulses, der aus einem walkmanähnlichen Kasten kommt. Hinterm Ohr ist die Kontaktstelle. © Klaus-Dieter Brühl

Dass der 54-Jährige eine Brille trägt, ist Macht der Gewohnheit. Sie ist eigentlich überflüssig. Denn seit etwa zehn Jahren kann der Lampertswalder nichts mehr sehen. Für ihn ist ringsum alles dunkel. „Das war ein schleichender Prozess“, erzählt er. Schon mit drei Jahren sei er stark kurzsichtig gewesen. Später ging er auf eine normale Schule. „Aber wenn man schlecht sieht, fällt das Lernen umso schwerer“, erinnert er sich.

Trotzdem machte er in Halle eine Lehre zum Polsterer, lernte dort seine ebenfalls sehschwache Frau Sabine kennen und gründete mit ihr eine Familie. Das Leben des zweifachen Vaters habe plötzlich mit 30 von Neuem begonnen. „Da ging es mit meiner Sehkraft rapide abwärts. Die Farben gingen langsam weg“, erzählt Frank Herrmann.

Da waren sein Sohn Jens und seine Tochter Doreen gerade mal zehn und sechs Jahre alt. Eine Zeit, in der jeder Vater liebend gern seine Kinder aufwachsen sieht. Doch Frank Herrmann konnte bald nur noch hell und dunkel unterscheiden. Und dann kam der Tag, an dem er zum letzten Mal ein Licht sah. Für immer. Das glaubte er. Damals, vor zehn Jahren.

Aber jetzt gibt es im wahrsten Sinne des Wortes einen Lichtblick nach dieser langen Zeit der Finsternis. Frank Herrmann kann wieder Lichtquellen wahrnehmen. Möglich gemacht hat das eine Augenoperation Mitte März am Städtischen Klinikum Dresden-Friedrichstadt. Der dortige Chefarzt Dr. Helmut G. Sachs hat dem Lampertswalder einen Chip ins Auge verpflanzt, mit dem Blinde in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft wieder sehen sollen.

Dr. Sachs gehört zu einem Wissenschaftlerteam, das vor sechs Jahren am Universitätsklinikum Tübingen für eine Sensation sorgte. Die Spezialisten unter der Leitung von Prof. Dr. Eberhart Zrenner bewiesen anhand einer Studie, dass ein unter die Netzhaut eingepflanzter, lichtempfindlicher Chip bei erblindeten Menschen Sehleistungen wiederherstellen kann.

Der drei mal drei Millimeter große Chip wird von der Reutlinger Firma Retina Implant AG hergestellt und mit Hilfe der Wissenschaftler weiterentwickelt. Denn die Ärzte sind noch am Anfang einer langen Reise, wie Dr. Sachs erst kürzlich in der SZ bestätigte. Bisher gehen die Seherfolge kaum über das Wahrnehmen von Lichtquellen und die Umrisse einzelner Gegenstände hinaus. So auch bei Frank Herrmann.

Vor einer Woche war er erstmals zu Tests in Tübingen eingeladen und lernte dort Prof. Dr. Zrenner kennen. Auf Grundlage seiner Forschungen wurden bisher europaweit 45 Patienten am Auge operiert. Frank Herrmann ist erst der vierte Sachse, bei dem dieser Chip eingepflanzt wurde. Seine Ergebnisse sollen vielversprechend sein, sagen die Dresdner Ärzte. Herrmann selbst gibt sich zurückhaltender. „Ja, ich sehe wieder Licht und habe bei den Tests in Tübingen ein bisschen Geschirr auf dem Tisch gefunden“, erzählt der 54-Jährige, der sich in seiner Freizeit als Großenhainer Kreisvorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen engagiert. „Aber mit richtigem Sehen hat das noch nichts tun“, sagt der Lampertswalder.

Er will anderen Blinden keine falschen Hoffnungen machen. „Denn Garantie gibt es keine“, so Herrmann. Bei einem Viertel der Patienten hat diese Augen-OP tatsächlich nichts gebracht. Und trotzdem nimmt er die Strapazen der Operation und der ständigen Untersuchungen auf sich. „Auch wenn es bei mir nicht klappt, so habe ich doch was für meine Nachkommen getan“, sagt Herrmann. Denn seine Erblindung ist erblich bedingt. Bei seiner Tochter wurde das defekte Gen bereits diagnostiziert. Sollte sie mal einen Sohn zur Welt bringen, könnte er erblinden. Spätestens dann soll die Forschung einen Schritt weiter sein, wünscht sich Frank Herrmann.