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Lidl, Aldi und Co. buhlen um Personal

Nur Kisten auspacken war einmal. Discounter suchen Fachleute - und stehen sich selbst im Weg.

© dpa

Von Annika Graf

Bespitzelung von Mitarbeitern, Leistungsdruck, Kontrolle und Willkür – fast zehn Jahre ist es her, dass die Gewerkschaft Verdi in einem „Schwarzbuch“ die Lage bei der Schwarz-Gruppe anprangerte, zu der unter anderem die Handelskette Lidl gehört. „In der Vergangenheit hatte Lidl als Arbeitgeber keinen guten Ruf“, sagt Bernhard Franke, Handelsexperte bei der Gewerkschaft Verdi in Baden-Württemberg. „Seit den vergangenen Jahren gibt sich das Unternehmen mehr und mehr Mühe.“

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Das Unternehmen aus Leppersdorf sucht Azubis für einen Beruf mit Zukunft - und hat eine Menge zu bieten.

Der Handel habe in den letzten Jahren viel in die Verbesserung der Arbeitgeberattraktivität investiert, bestätigt auch Winfried Malcher, als Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands (HDE) für Bildung zuständig. Nach Frankes Einschätzung ist der Wandel nicht ganz freiwillig geschehen: „Der Handel konkurriert auch verstärkt mit anderen Branchen“, sagt er. Insbesondere die Discounter buhlten mehr und mehr um gutes Personal.

Denn die Anforderungen steigen. Die Hoch-Zeit der Billig-Läden ist genauso vorbei, wie das Lagerhallen-Ambiente der Vergangenheit angehört. Das Sortiment wächst seit Jahren, mit frischem Obst und Brot – aber auch Fisch und Fleisch bewegen sich Lidl, Aldi & Co. inzwischen immer mehr in Richtung eines Supermarktes. Nur Paletten in den Laden schieben und die Kartons aufreißen – das war einmal. Das bleibt nicht ohne Folgen. Bei Lidl ist die Anzahl der Mitarbeiter je Filiale in den vergangenen zehn Jahren von elf auf 17 gestiegen. Die Verkaufsflächen waren 2013 um elf Prozent größer als 2003. Bei Aldi sieht es ähnlich aus. Die Verantwortung steigt – vor allem für Filialleiter, die nicht nur Mitarbeiter organisieren, sondern auch mal selber Kisten auspacken und an der Kasse sitzen.

Lidl will deshalb genau diese Position aufwerten: Die 3.300 Filialleiter in Deutschland bekommen Schulungen, sollen besser bezahlt werden und einen Dienstwagen erhalten. Die Rede ist von der größten Weiterbildungsmaßnahme in der Unternehmensgeschichte. Sie soll den neuen Filialleitern auch weitere Aufstiegschancen bieten. „Der Arbeitsmarkt wird enger“, sagte Lidl-Deutschlandchef Matthias Raimund kürzlich bei der Vorstellung der Qualifizierungsmaßnahmen. Geeignete Führungskräfte würden rarer. „Es ist nicht einfacher, gute Filialleiter zu finden“, sagt Personalchef Thomas Augst.

Bei den Konkurrenten Aldi Nord und Süd versucht man, das Problem anders zu lösen. Führungsnachwuchs werde aus den eigenen Reihen rekrutiert, heißt es übereinstimmend. Aldi Süd fördere seine Filialleiter bereits seit Jahren mit Fortbildungen und Schulungen, so eine Sprecherin. Dank leistungs- und umsatzabhängiger Prämien würden die Filialleiter im Schnitt sogar über Tarif bezahlt. Bei Aldi Nord heißt es: „Einen Fachkräftemangel auf der Ebene der Filialleiter oder auf anderer Ebene können wir daher bislang nicht verzeichnen.“

HDE-Geschäftsführer Malcher sieht vor allem Probleme, für den Handel Auszubildende zu finden. Nach Einschätzung des Verdi-Experten Franke sind die Probleme hausgemacht. „In punkto Bezahlung und Arbeitszeiten ist der Handel nicht gerade eine attraktive Branche“, sagt er. Ein Azubi in der Metallindustrie in Baden-Württemberg verdient im ersten Ausbildungsjahr 917 Euro, so viel bekommt ein Azubi im Handel erst am Ende seiner Ausbildung. Auch Ladenöffnungszeiten bis 21 Uhr oder 22 Uhr können Bewerber abschrecken.

„Wir versuchen, diese Fragen auch in diesem Jahr in den Verhandlungen zum Manteltarifvertrag anzugehen“, sagt Franke. Im vergangenen Jahr waren in Baden-Württemberg als erstem Tarifbezirk höhere Löhne für die Beschäftigten im Handel vereinbart worden. Bezirke in anderen Bundesländern folgten. (dpa)