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Liebe auf den zweiten Blick

Mit Sabine Dohrmann hört das „Urgestein“ der Rothenburger Grundschule auf. So ganz klappt das aber doch noch nicht.

© André Schulze

Von Frank-Uwe Michel

Rothenburg. Wenn Sabine Dohrmann ins Reden kommt, dann tut sie das mit Begeisterung. Ihre Rothenburger Grundschule ist ihr ans Herz gewachsen. Und man mag gar nicht glauben, dass in ein paar Wochen Schluss ist für sie. Nicht nur hier bei den Erst- bis Viertklässlern, sondern generell mit dem Schulbetrieb. Die Chefin hört auf. Mit fast 65 ist die Zeit gekommen, beruflich allmählich kürzer zu treten. Doch solange nicht das letzte Klingeln verklungen ist, gibt Sabine Dohrmann weiter Vollgas. So wie in all den Jahren, in denen sie hier in Rothenburg ist. „Es war keine Liebe auf den ersten Blick, eher ein Kulturschock“, gibt sie unumwunden zu. Denn die kleine Neißestadt stand eigentlich nicht in ihrem Lebensplan. Schon eher Cottbus. Dort war ihr Mann als Pilot stationiert, wurde dann jedoch als Fluglehrer nach Rothenburg versetzt. „Da blieb mir nichts anders übrig als mitzugehen.“ 1985 – statt Großstadtschule also eine Polytechnische Oberschule (POS) auf dem Land. Gern blickt sie auf die Zeit mit ihrem Mentor zurück. „Martin Bittroff war viele Jahre Direktor und hat mir immer zur Seite gestanden, wenn ich etwas wissen wollte.“ Das kam in der Anfangsphase immer wieder mal vor, hatte man sie doch gleich zur stellvertretenden Direktorin gemacht.

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Nicht missen möchte Sabine Dohrmann auch ihre Zeit als Leiterin der damaligen Klinikschule. Von 1985 bis 89 war sie für das Lernen der Kinder am hiesigen Krankenhaus zuständig. „Die lagen zum überwiegenden Teil ja im Bett und wurden darin zu mir ins Unterrichtszimmer gefahren. Für mich war das eine Herausforderung, immerhin hatte ich es gleichzeitig mit allen Altersklassen zu tun.“

Als nicht weniger anspruchsvoll entpuppte sich ihre nächste Aufgabe, die ihre liebste werden sollte. 1989 wurde sie dort Direktorin, wo sie auch heute noch die Fäden in der Hand hält. „Die Jahre bis 1992 an der POS waren die schlimmsten in meiner beruflichen Laufbahn“, erzählt Sabine Dohrmann. Die Zeit vor und nach der Wende hielt etliche Hiobsbotschaften für sie bereit. „Erst gab es Nachrichten über Ausreisen, dann waren es in den Westen abgewanderte Lehrer, die mir Kopfzerbrechen bereiteten. Ich habe versucht, das Chaos zu ordnen und gut mit unserem damals neuen Bürgermeister Bernd Lange zusammengearbeitet.“ Gemeinsam sahen sie sich Schulen in den Partnerstädten an – ohne zu wissen, dass auch im freien Deutschland der Staat entscheidet, wie Schulbildung auszusehen hat. „Da waren wir sicher ein bisschen blauäugig. Haben gedacht, dass wir jenes Schulmodell etablieren können, das uns am meisten zusagt.“ 1992 stand dann fest, dass die Einrichtung an der Uhsmannsdorfer Straße als Grundschule weiterexistieren würde.

Sabine Dohrmann hat es schon immer Spaß gemacht, mit Kindern zu arbeiten. Trotzdem reifte die Entscheidung, Lehrerin zu werden, eher zufällig. „Ich war eigentlich auf Ingenieurin aus, hatte im Halbleiterwerk Frankfurt/Oder mehrere Praktika gemacht. Dann erfuhr ich in der zehnten Klasse von meiner Klassenleiterin, dass Lehrer gebraucht würden. Für mich war das eine Art Startschuss. Und ich habe den Schritt wirklich nie bereut.“ Heute blickt die scheidende Direktorin auf ein „sehr erfülltes Berufsleben“ zurück. Und sie ist dankbar, dass sie vor und nach der Wende auf Kosten des jeweiligen Staates immer wieder studieren und sich weiterbilden durfte. Zuletzt vor zehn Jahren hat sie noch einmal die Chance genutzt und in Dresden ein Ethik-Studium absolviert. „Dort habe ich auch die Philosophie für mich entdeckt, die im Unterricht inzwischen eine wichtige Rolle spielt.“

Die Kinder an ihrer Schule hat Sabine Dohrmann immer als Partner gesehen und ist ihnen mit Toleranz und Rücksichtnahme begegnet. Wenn sie am 1. August ihren Ruhestand beginnt, wird dies eher ein Unruhestand sein. In der Grundschule möchte sie ihren Kollegen bei Bedarf zwar nur noch beratend zur Seite stehen. In der Deutschen Gesellschaft für Philosophieren mit Kindern ist sie aber weiterhin voll dabei. „Ich kann nicht anders, nicht plötzlich mit allem aufhören, was mir jahrzehntelang so viel bedeutet hat.“ Doch auch die drei erwachsenen Kinder und die fünf Enkel dürfen sich bald stärker auf ihre Mutter und Oma freuen.