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Liebe und Schmerz im Apollo

Zu ersten Mal wird in Görlitz ein Kammermusical aufgeführt. Die jungen Künstler haben dazu selbst die Initiative ergriffen.

© GHT/Artjom Belan

Von Ines Eifler

Görlitz. Schwarze Kisten, weiße Kisten. Die einen stehen für Anfang, die anderen für Ende. Stück für Stück wechseln sie die Seiten, verbinden sich zu einem großen Ganzen, trennen sich Stück für Stück wieder voneinander, sortiert nach Farben, nach Anfang und Ende. Cathy hat schwer zu tragen an diesen Kisten, die ihre Liebe zu James bedeuten. Und Jamie tut sich nicht leichter, wenn er sie als Sockel für Cathy benutzt, darauf seine Romane signiert oder erschöpft daran zusammensinkt.

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Nur zwei Leute stehen in dem kleinen Kammermusical „Die letzten fünf Jahre“ von Jason Robert Brown aus dem Jahr 2001 auf der Bühne, das am Sonnabend im Apollo Premiere hat. Die Sopranistin Anna Gössi und der Tenor Jason Lee vom Gerhart-Hauptmann-Theater spielen ein Paar vom Beginn ihrer großen Liebe an durch Glück und Schmerz bis zu ihrer Trennung, die unausweichlich ist. Das alles mit wunderschöner Musik um Hoffnung und Verzweiflung, die Olga Dribas am Flügel spielt, in einer spannenden Chronologie und mit einer besonderen Ambition.

Das Stück selbst ist ungewöhnlich erzählt, weil Cathy ihre Beziehungsgeschichte rückwärts spielt, Jamie seine vorwärts. Ist sie anfangs zu Tode betrübt, weil er sie verlassen hat, beginnt er mit größter Verliebtheit. Steht er am Ende mit gepacktem Koffer da, winkt sie ihm zu, hochglücklich, ihn nach dem ersten Treffen bald wiederzusehen. Nur bei der Hochzeit in der Mitte treffen sich die Erzählstränge.

Für Anna Gössi und Jason Lee ist das Stück etwas Besonderes, weil sie selbst entschieden haben, neben dem Spielplan des Theaters etwas Eigenes einzustudieren. „Ein Freund von mir sang einmal ein Lied, das ich nicht kannte“, erzählt Anna Gössi, die seit 2016 am Theater engagiert ist. „Und das gefiel mir so, dass ich ihn fragte, was das sei.“ So erfuhr sie von dem Musical für zwei Gesangsstimmen und nahm sich vor, es irgendwann selbst einzustudieren. „Kammeropern gibt es ja einige“, sagt sie, „aber ein Musical für eine so kleine Besetzung, aus unserer Zeit, mit unseren Themen, das gibt’s nicht oft.“ Besonders gefiel ihr, dass sich in einer scheiternden Liebe wie im Stück fast jeder wiedererkennen könne. Auch Konkurrenz in der Beziehung sei für viele Paare Thema.

In Jason Lee fand Anna Gössi den Partner, mit dem sie das Musical einstudieren wollte. Auch er hatte seit Längerem den Wunsch, einmal mit einem Kammerstück aufzutreten. Als die Schweizerin und der US-Amerikaner im vergangenen Sommer einmal abends zusammensaßen, nahmen sie sich fest vor, ihre Ideen gemeinsam umzusetzen. Sie fragten die Regieassistentin Beatrice Müller, ob sie Regie führen würde, baten die Pianistin Olga Dribas um die musikalische Begleitung und fragten den Intendanten, ob sie das Stück spielen dürften. Am Zittauer Theater sei es schon länger üblich, dass junge Schauspieler auf eigene Initiative Stücke einstudieren und damit den Spielplan bereichern, sagt Anna Gössi. „Das wollten wir auch.“ Für Beatrice Müller ist es das erste Mal, das sie selbst Regie führt. „Es ist natürlich schön für uns“, sagt sie, „wenn wir uns auf diese Weise ein Stück mehr verwirklichen können.“ Dennoch sei es auch eine Herausforderung, neben den Einsätzen im Theater eine zusätzliche Produktion vorzubereiten. Beatrice Müller begleitet im Moment sämtliche Musiktheaterstücke des Theaters als Regieassistentin. Anna Gössi ist zurzeit für „Frau Luna“, den „Notenflüsterer“ und das Sommertheatermusical „Der Zauberer von Oz“ im Einsatz. Jason Lee singt im „Tannhäuser“ und ebenfalls in „Frau Luna“ sowie der „Herzogin von Gerolstein“.

Besonders für so eine kleine Produktion wie „Die letzten fünf Jahre“ sei sehr viel Präsenz und Verantwortung von allen Beteiligten gefordert. Olga Dribas sagt, sonst komme es nahezu nie vor, dass sie die alleinige musikalische Verantwortung trage, kein Dirigent den Einsatz gebe und so gut wie keine Pause im Spiel sei. Auch Anna Gössi und Jason Lee sind fast die ganze Zeit auf der Bühne präsent. Und nicht nur das: Weil es im Apollo keinen Stauraum hinter den Kulissen oder an den Seiten gibt, müssen auch alle Requisiten mitten auf der Bühne verstaut werden. Dafür eine Lösung zu finden und den Wandel der Kulisse zu organisieren, sei nicht ganz einfach gewesen, sagt Beatrice Müller. „Aber zum Glück“, antwortet Anna Gössi, „hattest du die geniale Idee mit den Kisten.“ Die stehen nicht nur symbolisch für die Phasen der Beziehung. Darin verstaut sind Kleider, Schuhe, Schreibmaschine, Romane und Notenständer, die Cathy als Last für ihre Liebe über die Bühne schleppt.

Sonnabend, 7. 4., 19.30 Uhr, Apollo, Hospitalstraße 2