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„Lieber ein Seniorenheim“

Auf dem Rathausplatz in Weinböhla versammelten sich gestern Abend fast 1 000 Bürger. Es ging um die Asylpolitik.

© Norbert Millauer

Von Peter Redlich

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Der Garten ruft

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Weinböhla. Das kennt die vielleicht friedlichste Gemeinde zwischen Meißen und Dresden sonst nur von Volksfesten. Fast eintausend Menschen drängen sich am Dientagabend um den Maibaum vorm Weinböhlaer Rathaus.

Die AfD hat aufgerufen. Es geht um Asylpolitik direkt vor den Haustüren der Weinböhlaer. Das bekannte Waldhotel mit Tennisplätzen und Sauna soll Flüchtlinge und Migranten aufnehmen. Von 200 ist die Rede. Am Ortrand von Weinböhla ist der ausgeräumte Niederauer Real-Markt. 500 Menschen, die über die Grenze nach Deutschland kommen, könnten hier einen Schlafplatz finden.

Zwei kleine Gemeinden, in denen das Menschen erschreckt. Deren Bürgermeister von solchen Zahlen überrascht werden. Siegfried Zenker (CDU), gerade frisch gewählt als Gemeindeoberhaupt, hat auch schon gesagt, dass er im Waldhotel lieber ein Seniorenheim hätte.

„Deswegen bin ich hier und nicht am Abendbrottisch“, sagt eine Rentnerin, die ihren Mann am Arm hält. Sie habe sich sonst wenig mit großer Politik beschäftigt, aber was jetzt von Berlin aus gemacht werde, geschehe über die Köpfe der Menschen hinweg. Auf dem Rathausplatz sind auffällig viele Ehepaare, einige Jugendliche, ältere Männer. Gewerbetreibende, Versicherungsmitarbeiter. Manche sind aus Niederau und Coswig gekommen. Auch Pegida-Mann Lutz Bachmann hält sich am Rand der Menge auf. Einige seiner Ordner in schwarzen Hosen und Pullovern, mit der weißen Binde am Arm, sind dabei.

Eine Demo in Weinböhla, das ist außergewöhnlich. Geschätzt vier Fünftel der Leute kommen aus der Gemeinde, das ist viel in einem 10 000-Seelen-Ort. Die meisten kennen sich, wollen hören, was die Redner zu sagen haben. Detlev Spangenberg ist einer, der auf die Ladefläche des Kleintransporters steigt. Der Mann ist von den Wählern der Alternative für Deutschland in den sächsischen Landtag gebracht worden. Von dessen einstiger Nähe zu Rechtsextremen wissen viele der Familienväter auf dem Rathausplatz wenig. Spangenberg gibt sich auch zahm und ruft auf, sich in Deutschland an demokratische Spielregeln zu halten und zur Wahl zu gehen. „Warum noch so lange warten“, ruft ein Mann und bekommt verhalten Beifall. Doch als der Redner fordert, Asylbewerbern kein Bargeld mehr zu geben, klatschen fast alle.

Ingo Friedemann ist ein anderer Redner. Einst einer der Frontmänner von Pegida, hat er die Dresdner Spaziergänger im Streit verlassen. In Weinböhla fordert er die Leute auf, direkt zu den Abgeordneten zu gehen – „damit dann auch die in Berlin Dampf kriegen“. Einer anderer Redner, der in Radebeul Ziegen und Schafe züchtet und dem wiederholt Tiere gestohlen wurden, wettert gegen „die verblödeten Medien“. Erinnert sich aber offenbar nicht, dass er noch vor nicht allzu langer Zeit in die SZ-Redaktion gekommen war, damit dort über seine Probleme geschrieben werde.

Ein paar Meter neben ihm sagt eine Frau, dass sie ja gerade aus der SZ von dem Demo-Aufruf und den Plänen fürs Waldhotel erfahren habe und sie die Leserbriefe derzeit alle lese, um zu wissen, wie andere über das Flüchtlingsthema denken.

Gut eine Stunde, dann sagt der Organisator, dass jetzt die Demonstration offiziell beendet sei. Die meisten gehen gleich nach Hause, zumeist zu Fuß. Einige diskutieren noch und haben erfahren, dass am Donnerstag im Kreistag über den Real-Markt und das Waldhotel und weitere fast ein Dutzend Asyl-Unterkünfte im Kreis Meißen beschlossen werden soll. Die SZ wird darüber berichten.