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Lieber laut als hässlich

Wehlen will nun doch keine Schutzwand gegen Bahnlärm. Denn bei einem halben Meter Höhe wäre es nicht geblieben.

© Daniel Schäfer

Von Nancy Riegel

Stadt Wehlen. Für die Einwohner von Stadt Wehlen ist es mehr als nur eine Geschmacksfrage. Will die kleine Kommune an der Elbe eine Schutzwand gegen Bahnlärm im Ortsteil Pötzscha und mit den unschönen optischen Konsequenzen leben? Oder ist die Ästhetik im Tal doch wichtiger als der Wunsch nach Ruhe?

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Eine zwei Meter hohe Wand hatte die Bahn im vergangenen Jahr den Wehlenern angeboten. Zwei Drittel der Einwohner hätten damit eine Minderung des Bahnlärms erfahren. Auf einer Einwohnerversammlung mit dem Planungsbüro Obermeyer wurde die Höhe von den Bürgern auf 55 Zentimeter heruntergefeilscht. Das war Ende 2017, und fast alle waren mit diesem Kompromiss zufrieden. Nun die Kehrtwende. „Wir lehnen Schallschutzwände in Gänze ab“, teilte Bürgermeister Klaus Tittel (CDU) im jüngsten Stadtrat mit.

Grund dafür sei, dass die 55-Zentimeter-Barriere in Pötzscha nicht umzusetzen sei, wie das Planungsbüro mitgeteilt habe. „Die Wand müsste ganz nah an den Gleisen stehen und das ginge hier nicht“, erläutert der Bürgermeister. Die Alternative wäre eine 74 Zentimeter hohe Wand. Klingt nicht viel höher, allerdings wird in diesem Fall ab Schienenoberkante gemessen. Optisch würde der Wall also höher wirken. Anwohner der Bahnhofstraße unterhalb der Schienen könnten dann kaum noch etwas in Richtung Süden sehen, kommentiert Stadtrat Thomas Mathe (UL), der selbst dort lebt. Und die, die am Hang wohnen, hätten sowieso nichts von der Wand. Denn die würde nur unterhalb der Gleise, also Richtung Elbe, errichtet werden. Alle, die oberhalb der Schienen wohnen, würden weiterhin beschallt. Hinzu kommt die Sorge vor Schmierereien. Ein „Magnet für Graffiti“ sei solch eine Barriere, schätzt Tittel ein. Man könne sich ein Bild davon in Dresden machen.

Die Entscheidung, die Lärmschutzwand abzulehnen, hat die Kommune dem Planungsbüro per Schreiben mitgeteilt. In diesem ist auch die Aufforderung angefügt, dass die Deutsche Bahn das Geld, das sie jetzt dadurch spart, in andere Maßnahmen zur Lärmminderung investieren solle, wie Schienenstegdämpfer und leise Züge. „Man merkt schon jetzt, dass die Züge, die durch Pötzscha fahren, nicht mehr so laut sind“, sagt Mathe. Grund dafür ist ein Gesetz, das laute Güterwagen auf dem deutschen Netz ab 2020/21 verbietet. Und irgendwann, fügt der Bürgermeister hinzu, soll ja auch die neue Bahnstrecke zwischen Dresden und Prag kommen, mit der die Güterzüge ganz aus dem Elbtal verbannt werden.

Wände in anderen Städten

In Kurort Rathen hat man anders entschieden. Nach einer intensiven Debatte mit allen interessierten Bürgern hat sich der Kurort bereits im November vorigen Jahres für eine drei Meter hohe Lärmschutzwand ausgesprochen. Genauso hoch soll auch der Wall in Königstein werden. In Schmilka-Hirschmühle ist eine zwei Meter hohe Schallschutzwand geplant, obwohl dort kaum jemand wohnt. Sie soll zwischen Schienen und Elbe entstehen und damit den Ort Schmilka auf der anderen Elbseite erheblich vom Schienenlärm entlasten.