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Liebesbriefe aus Kötzschenbroda

Mit einem Holzkästchen und 103 Briefen reist Ulrike Scholz ins 19. Jahrhundert. Dort stöbert sie in der Vergangenheit ihrer Urgroßmutter.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Beate Erler

Radebeul. Wenn Sara Wehner ihrem Liebsten etwas mitteilen wollte, dann griff sie nicht zum Smartphone und tippte eine schnelle Nachricht. Sie nahm sich ein Stündchen Zeit, Füllfederhalter und ein Kärtchen und schrieb: „Sie baten mich, mein werter Herr Kühn, Ihnen zu sagen, ob ich in meinem Herzen gleiche Gefühle für Sie hege ...“

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roßmutter Sara Wehner auf dem Hochzeitsfoto mit Otto Heinrich Kühn.
roßmutter Sara Wehner auf dem Hochzeitsfoto mit Otto Heinrich Kühn. © Repro/ Klaus-Dieter Brühl
Eine der Postkarten an den Liebsten.
Eine der Postkarten an den Liebsten. © Repro/ Klaus-Dieter Brühl

Die alles entscheidende Frage, auf deren Antwort der werte Herr Kühn lange warten musste. Der Briefträger brachte sie mit dem Fahrrad und es dauerte Tage, bis er erleichtert las: „Nun lassen Sie sich vorläufig mit einem schriftlichen „Ja“ genügen.“ Eine andere Zeit war das im Frühjahr 1899, als die junge Sara beginnt, ihrem späteren Ehemann Otto Heinrich Kühn Briefchen zu schreiben. Sie lebt damals noch in ihrem Elternhaus in Kötzschenbroda.

Ihre Urenkelin öffnet 119 Jahre später die Haustür in Ebersbach, wo sich das Holzkästchen mit den Briefen heute befindet. Ulrike Scholz ist eine pragmatische Frau, könnte man denken. Sie hat in den Siebzigerjahren als eine von wenigen Frauen Maschinenbau studiert. Heute führt sie den elterlichen Werkzeugbaubetrieb mit 15 Mitarbeitern in Ebersbach.

Aber sie ist auch eine Leseratte, die sogar beim Kochen die Nase im Buch hat. Das alte Kinderzimmer ihrer Tochter ist mit Büchern zugestellt: „Es sind etwa 800, denke ich“, sagt die 59-Jährige.

Schon als Kind hat sie Märchenbücher verschlungen. Heute liest sie am liebsten Mittelalterbücher und andere historische Sachen. Die Briefe der Urgroßmutter aus einer anderen Zeit passen ins Beuteschema. Außerdem kann Ulrike Scholz schon im Alter von zehn Jahren die altdeutsche Schrift lesen. Ihre Oma Marianne hatte eine Schulfibel. „Ich habe es geliebt, die Buchstaben abzuzeichnen“, sagt sie.

Damals hatten ihre Eltern immer gesagt: „Wenn du mal groß bist, darfst du die hocherotischen Briefe deiner Urgroßmutter lesen“, sagt Ulrike Scholz und lacht. Jahre später ist sie enttäuscht. Für die heutige Zeit lesen sich die Briefe prüde und zurückhaltend. „Wenn mal von einem Küsschen die Rede ist, dann ist das schon viel“, sagt sie zwinkernd.

Auf der weißen Decke des Wohnzimmertisches liegen viele kleinformatige Briefe und ein dickes Fotobuch. Eine Seite mit Bildern in Schwarz-Weiß und
Sepia ist aufgeschlagen. Das unterste Bild zeigt Sara als junge Frau. Auf den dunklen Locken sitzt ein weißes Spitzenhäubchen, sie trägt Ohrringe und eine Perlenkette. „Ihre Mutter hatte viel Geld geerbt“, sagt Ulrike Scholz, „Sara brauchte keinen Mann, um finanziell versorgt zu sein.“

Als sie vor zehn Jahren das Kästchen mit den Briefen in die Finger bekommt, beginnt sie jeden Abend zu lesen. In etwas mehr als einem Jahr schreiben die frisch Verliebten über 100 Briefe. Bis Ulrike Scholz sie alle gelesen hat, vergeht ein halbes Jahr und das, obwohl sie kein Fernsehen schaut. Bald schon weiß sie, dass sie die Zeitdokumente ihrer Familiengeschichte aufbereiten will. In der Familie wurde nie viel über frühere Verwandte gesprochen. „Das war der Anfang der Suche, wo ich eigentlich herkomme“, sagt sie.

Ihre Urgroßmutter Sara stammt aus gutbürgerlichem Haus, ihr Vater ist Kammermusiker in der heutigen Dresdner Staatskapelle. Und auch ihr Auserwählter ist ein stattlicher Mann, der bei Zabeltitz das Rittergut Strauch verwaltet. In einem Ordner hat Ulrike Scholz ihre Korrespondenz fein säuberlich abgeheftet mit grünen Klebezetteln zur Orientierung. Jeden Brief hat sie gelesen, im Original eingescannt und darunter abgetippt.

So ist ein Büchlein entstanden, das sie gern vertreiben würde. „Wer schreibt denn heute noch handschriftlich“, fragt sie. Dabei sind der Brief und die Schrift wichtige Kulturgüter. Den Großteil der Briefe hat ihre Urgroßmutter geschrieben. Deshalb hat sie der Sammlung den Titel „Sara an Otto“ gegeben. Oft schreibt sie ihm, was sie den Tag über gemacht hat, wie es den Eltern geht oder wann und wo sie sich beim nächsten Mal verabreden. So erfährt Ulrike Scholz, dass ihre Urgroßmutter Klavierunterricht gegeben hat, zum ersten Mal mit der „Elektrischen“ nach Dresden gefahren ist oder dass sie im Hotel Vier Jahreszeiten in Radebeul wahrscheinlich als Küchenhilfe gearbeitet hat.

Ulrike Scholz hat dem Radebeuler Stadtarchiv ihre Sammlung angeboten, denn Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen gäbe es genug: „Die Briefe sind ein Stück Heimatgeschichte“, sagt sie. Mit ihnen hat sie ihre Urgroßmutter doch noch kennengelernt, die schon ein Jahr und wenige Tage nach ihrer Geburt gestorben ist.