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Liebesgrüße aus Moskau

Ex-US-Geheimagent Snowden ist zu Aussagen in Deutschland bereit. Vor allem aber sucht er langfristigen Schutz.

© dpa

So viel Wind um Hans-Christian Ströbele, das grüne Urgestein, gab es lange nicht. Nicht, als ihm vor dem Reichstag sein lila Fahrrad geklaut wurde, und auch nicht, als der 74-Jährige als Einziger in seiner Partei vor ein paar Wochen erneut seinen Wahlkreis direkt gewann. Die mediale Aufmerksamkeit, die zuletzt allenfalls Kanzlerin Angela Merkel bekam, scheint dem früheren RAF-Anwalt selbst etwas unheimlich zu sein. „Mein Gott“, flüstert er gestern Mittag mehr zu sich selbst, als die vielen Fotografen in der Berliner Bundespressekonferenz vor ihm um das beste Bild rangeln. „Jetzt ist aber gut.“

Der Grund für das gewaltige Interesse: Ströbele hat am Vortag heimlich Edward Snowden getroffen, jenen Mann, der mit seinen Enthüllungen über die Ausspähaktivitäten der US-Geheimdienste die internationale Politik und das deutsch-amerikanische Verhältnis erschüttert hat. In Moskau sprach er – knapp vier Stunden lang – mit dem früheren NSA-Agenten. Jetzt berichtet er davon – konzentriert, mit Witz und sichtbarer Genugtuung. Fast eine Stunde hat er schon erzählt. Da klingelt exakt um 13.21 Uhr ein Telefon. Oh, das sei wohl sein Handy, sagt Ströbele lachend und fummelt das Telefon hervor. Ein neues iPhone oder – wie Ströbele meint – ein „wie heißt das, Five irgendwas“. Der Alt-Grüne unterbricht sich selbst, schaut auf das Display, lacht wieder und fragt in die Runde: „Kennt hier jemand die Nummer der Kanzlerin?“ Jetzt lacht der ganze Saal. Ströbele ist zuvor gefragt worden, ob sich die Regierungschefin wegen des Snowden-Dates schon bei ihm gemeldet habe. Die Antwort: „Ich weiß nicht, ob sie meine Handy-Nummer hat.“

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Nach allem, was er in seinem Gespräch erfahren habe, sei Snowden „ein bedeutender Zeuge, auch für Deutschland“, erzählt Ströbele. Der junge Amerikaner sei kerngesund, gut drauf, auch überlegt, sehr ernst, gefasst und sich seines Risikos bewusst. Er habe seine grundsätzliche Bereitschaft zu erkennen gegeben, zur Aufklärung der Spionageaffäre beizutragen – auch durch eine Aussage in Deutschland. „Er kann sich vorstellen, nach Deutschland zu kommen, wenn gesichert ist, dass er danach in Deutschland oder einem anderen vergleichbaren Land bleiben kann und dort sicher ist.“

Eine Aussage auf russischem Boden vor deutschen Vertretern komme für Snowden dagegen derzeit eher nicht infrage. „Da hat er erhebliche Vorbehalte.“ Die will Ströbele aber nicht näher erklären. Snowden habe außerdem erklärt, am liebsten würde er vor einer Kommission des US-Kongresses aussagen. Er sei auf keinen Fall ein „Amerika-Feind“.

Snowden hat seine Bereitschaft zur Aussage in einem Brief festgehalten, den er Ströbele mitgegeben hat. Das Schreiben ist nicht konkret an die Bundeskanzlerin oder den Generalbundesanwalt adressiert. Es ist aber gestern an das Kanzleramt weitergeleitet worden. „Ich freue mich auf ein Gespräch mit Ihnen in Ihrem Land, sobald die Situation geklärt ist, und danke Ihnen für Ihre Bemühungen, das internationale Recht zu wahren“, schreibt Snowden. Ströbele interpretiert das etwas Nebulöse: Snowden sei grundsätzlich bereit, in Deutschland zur NSA-Spähaffäre auszusagen – aber nur mit klaren Sicherheitsgarantien. Vorher müsse eindeutig gesichert sein, dass der 30-Jährige in Deutschland bleiben oder in einem vergleichbaren Land unterkommen könne, macht der Grünen-Politiker klar.

Das Überraschungstreffen mit Snowden in Russland hat nach Ströbeles Angaben eine monatelange Vorgeschichte. „Sie alle wissen, dass seit Juni alle Welt von Edward Snowden redet“, sagt Ströbele. „Da hab’ ich von Anfang an im Juni schon die Frage gestellt, warum fragt man ihn nicht einfach selbst.“ Seiner entsprechenden Aufforderung unter anderem an die Bundesregierung sei niemand nachgekommen. „Da hab ich gedacht, da versuch ich’s selbst mal“, sagt er.

„Ich habe deshalb keinen Urlaub gehabt, weil ich immer auf einer gepackten Tasche saß.“ Der zunächst abgebrochene Kontakt sei erst kürzlich erneuert worden. Schon während der Wahlkampfzeit im Sommer habe es dann beinahe mit dem Besuch geklappt, kurzfristig zerschlug sich der Moskau-Törn aber doch.

Erst Ende vergangener Woche habe es eine neue Entwicklung gegeben, am Donnerstag sei die deutsche Reisegruppe in Moskau eingetroffen. Weder den deutschen Botschafter dort noch irgendeine andere offizielle Stelle habe er vorher informiert, bekennt Ströbele. Der Grund für das hoch konspirative Verhalten: Er habe unbedingt verhindern wollen, dass ein Geheimdienst von der Sache Wind bekommt – Abhören nicht ausgeschlossen. Natürlich sei das eine etwas eigenartige Situation gewesen, sagt er: „Aber James Bond ist doch ’ne andere Kategorie.“ (mit dpa)