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Lieblingsauto wird 40

Der VW Golf drückte einer ganzen Modellklasse seinen Stempel auf, ist aber selber irgendwie klassenlos.

© dpa

Von Heiko Lossie und Michael Ossenkopp

Papst Benedikt XVI. fuhr früher einen, Angela Merkel angeblich nach der Wende und Smudo von den Fantastischen Vier hat ihn gern als GTI. Der Golf ist das Erfolgsmodell von VW, seit Jahren Neuzulassungskönig hierzulande – und er gab sogar einer ganzen Generation seinen Namen. Nun wird der Käfer-Nachfolger 40 Jahre alt, mehr als 30 Millionen Mal rollte er schon aus den Fabriken.

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1974 hatte er Premiere, als Golf I. Im damaligen Prospekt beschrieben die Werbestrategen den Neuling mit den Worten: „Die Welt ist groß für dieses Auto, und wo sie eng ist, passt der Golf kompakt und wendig hinein.“ Das Jahr 1974 – da war die Mondlandung nicht lange her und der Heim-PC noch Zukunftsmusik. Für VW war 1974 ein Schicksals-Jahr, das 807 Millionen D-Mark Verlust einbringen sollte und fünf Prozent Rückgang bei der Belegschaft. Die Gründe: Absatzrückgang, Währungsschwankungen und vor allem steigende Kosten für Material und Personal. Der neue Hoffnungsträger Golf I war zum Erfolg verdammt. Und der kam. Gewaltig.

Würste für den Wagen

Sogar in der DDR wurden die Autos gefahren. Jedoch in homöopathischer Dosis. Von Anfang 1978 bis Juli 1979 wurden 10.000 Wagen in die damalige DDR exportiert. Der Honecker-Staat bezahlte die Fahrzeuge nicht in harten Devisen, sondern im Tausch gegen Werkzeugmaschinen und Gemischtwaren. Angeblich sollen darunter sogar Thüringer Bratwürste für die VW-Werkskantine gewesen sein. Angeboten wurde der Golf in der DDR fast ausschließlich in Ostberlin. Da aber Ostdeutsche schon auf einen Trabant aus volkseigener Produktion mindestens zwölf Jahre warten mussten, blieb der Golf für die meisten unerreichbar. Außerdem kostete die begehrte Westware zwischen 27.000 und 31.500 Ost-Mark, damit war sie rund dreimal so teuer wie ein Trabant 601. Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung der DDR, wollte am liebsten „die Bezüge von Volkswagen über die bisherige Stückzahl hinaus weiterführen“, wozu es allerdings niemals kam.

Im Westen dagegen war der Golf erschwinglich. Es gab ihn damals ab 7.995 D-Mark (50 PS), Dreipunktgurte für vorne waren Serie. Als Extra wählbar war zum Beispiel ein „Stahlkurbeldach mit automatisch aufstellbarem Windabweiser“ für 423 D-Mark Aufpreis. 40 Jahre später kostet der Golf VII mindestens 17 175 Euro. VW preist ihn gerne an als Galionsfigur seiner Schaffenskraft. Der Golf leiste gar die „Demokratisierung von Mobilität“. Und die Serienausstattung im Golf ist tatsächlich eine Messlatte der Branche. Schon der Golf VI hatte neun Airbags serienmäßig – so viele wie die Mercedes-E-Klasse.

„Der Golf ist ein Symbolprodukt für die deutsche Automobilindustrie insgesamt“, sagt Automobilwirtschaftsprofessor Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Die Baureihe sei wegen ihrer Klassenlosigkeit ein Phänomen. „Von der Hausfrau bis zum Vorstand, alle fahren ihn, das ist ein ganz breites Spektrum“, sagt Bratzel, dessen Institut Studien erstellt, die die Positionierung von Marken in Käuferschichten beleuchten. Beim Golf reiche die Interessentengruppe ungewöhnlicherweise quer durch alle Milieus. „Das halte ich für eine Riesenkunst“, sagt Bratzel. Der Golf hat einer ganzen Klasse seinen Stempel aufgedrückt. Was das Kraftfahrtbundesamt Kompaktklasse nennt, heißt in der Branche ganz einfach Golfklasse. 244.249 Neuzulassungen hierzulande allein im Jahr 2013 sind 32,4 Prozent Anteil in dem Segment mit seinen rund 30 Konkurrenten. Kein anderes Auto ist nach Stückzahlen so erfolgreich.

VW ohne Golf ist unvorstellbar

In Wolfsburg, scherzhaft auch „Golfsburg“ genannt, sagen die VW-Leute liebevoll „Gölfe“, wenn sie die Mehrzahl meinen. Politikprofis outen sich ohne Zögern als Golf-Fans. Der Bestseller „Generation Golf“ von Autor Florian Illies verhalf sogar einer ganzen Kohorte zum Namen.

Kritik an König Golf ist selten. Greenpeace geißelte 2012 den Golf VII als klimaschädlich, er nutze nicht genügend Sprit-spartechnik. Doch man versöhnte sich, VW sprach 2013 von einem „konstruktiven Dialog“ und Greenpeace lobte die Mühen des Konzerns für Umweltfreundlichkeit.

Und wohin fährt der Golf demnächst? Er mache einen sinkenden Teil des Gesamtabsatzes aus, sagt Bratzel. VW besetze schließlich immer mehr Nischen mit mehr Modellen. Doch Leuchtturm dürfte der Golf bleiben. VW-Chef Martin Winterkorn: „Ich persönlich kann mir Volkswagen ohne Golf nicht vorstellen.“ (dpa)