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Locker in den Hüften

Andreas Bretschneider ist nach zwei Schulter-OPs zurück und startet bei der WM. In einer Tanzshow zeigt der Turner sein zweites Talent.

© action press

Von Michaela Widder

Wer, wenn nicht sie. Andreas Bretschneider und Marcel Nguyen kennen das Gefühl, wenn alle Augen auf sie gerichtet sind, der Applaus der Zuschauer anzeigt, wie die Performance war – und am Ende die Jury ihre strenge Wertung abgibt. Und doch ist dieser Auftritt völliges Neuland. Die beiden Freunde wagten das Experiment, tauschten ihre Turngeräte gegen das Tanzparkett. Bretschneider und Nguyen, beide Turner von Weltklasse-Format, probierten sich bei der RTL-Tanzshow „Dance, Dance, Dance“ aus.

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In der dritten Sendung, die am vergangenen Freitag ausgestrahlt wurde, schieden sie aus. „Wir sind uns beim Tanzen sehr ähnlich“, findet Bretschneider, „in den Bewegungen und im Lerneifer, aber beide leider sehr untalentiert.“ Das sah die Jury beim letzten Auftritt etwas anders. Sie bemängelte die Wackler von Nguyen. Dafür bekam Bretschneider Lob, er hatte Jurymitglied Ruth Moschner mit seinen Tanzbewegungen sogar „umgehauen“.

So ein Kompliment nimmt der Chemnitzer natürlich gern mit nach Hause, spart trotzdem nicht mit Selbstkritik: „Wir Turner sind nun mal ein bisschen steif und nicht locker in der Hüfte. Aber Spaß hat es gemacht.“ Auf dem Tanzparkett waren sie Neulinge. „Ich konnte nichts, keinen einzigen Tanzschritt“, verrät Bretschneider. „Wir haben viel geübt, manchmal bis spät in die Nacht und kurz vorm Zubettgehen vorm Spiegel.“ Seit Juni hatte das Duo verschiedene Tänze einstudiert, mal in Stuttgart, mal in Chemnitz. Für die Produktion der Sendung trafen sie sich in Köln.

„Es war eine anstrengende Zeit, die Doppelbelastung mit Tanz- und Turneinheiten“, sagt Bretschneider. In erster Linie ist er wie auch Nguyen Leistungssportler. Am Montag beginnt für beide die WM im kanadischen Montreal. Dass der deutsche Verband die Freigabe für die aufwendige Fernsehshow gab, ist eine Ausnahme. „In allen anderen Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Doch in der nacholympischen Saison haben wir eine Einzel-WM ohne Teamwettbewerb und Mehrkampf“, erklärt der 27-Jährige. „Es war mal etwas anderes und vor allem für den Kopf gut.“

Viele Wochen haderte Bretschneider mit seiner misslungenen Olympia-Premiere. „Doch Fakt war, dass ich mich mit dieser Leistung nicht verabschiede.“ In Rio hatte er sein Negativ-Image als „Breti, der Bruchpilot“ mal wieder bestätigt. Am Reck, seinem Lieblingsgerät, kreierte er in jahrelanger Arbeit das schwierigste Turn-Element überhaupt. Doch in der Qualifikation scheiterte Bretschneider am „Bretschneider“, also an jenem von ihm erfundenen Doppelsalto rückwärts mit zwei Längsachsendrehungen über die Reckstange. Er galt in Rio als Geheimfavorit, landete jedoch nach zehn Sekunden auf dem Boden der Tatsachen. „Es war meine Chance, aber ich hatte einfach nicht die Nerven.“ Olympiagold, das Fabian Hambüchen zu seinem Abschied gewann, war, so glaubt der Sachse, „möglich“ – die 15,7 Punkte ein Wert, „den ich draufhatte“.

Die Höchstschwierigkeit gelang ihm auch nicht im Teamfinale, und im Mehrkampf versuchte er sich sogar an der nächsten Stufe, dem „Bretschneider 2“ – vergeblich. Er muss also weiter auf die offizielle Anerkennung des Doppelsaltos mit zwei Schrauben in gestreckter Ausführung warten. Nun hat er sogar die Sorge, dass bei der WM ein noch unbekannter Japaner „sein“ Element kopiert und ihm dann seinen Namen gibt. „Cool wäre das nicht.“ Er selbst konnte nicht an dem Kunststückchen feilen. Für ihn ist es ein Erfolg, dass er überhaupt bei der WM startet. Bretschneider, der sich mit Schmerzen durch die Olympiasaison gequält hatte, ließ sich zu Jahresbeginn innerhalb von sechs Wochen operieren an beiden Schultern. Sein Ziel war die WM, „auch wenn viele nicht daran geglaubt haben“.

Doch in der Szene kennt man ihn als Stehaufmännchen. 2015 turnte er nur vier Wochen nach einer abgerissenen Achillessehne einen Mehrkampf. „Diesmal war es ein bisschen extremer.“ Sechs Monate Zwangspause für den Sportsoldaten. Bei der WM-Qualifikation Anfang September feierte Bretschneider ein gelungenes Comeback. Am Reck zeigte er eine Übung mit der D-Note von 6,6 inklusive des von ihm erfundenen Flugelements. „Wir gehen davon aus, dass man für eine WM-Medaille eine 6,5 braucht“, sagt Bundestrainer Andreas Hirsch: „Erstaunlich, dass das nach einem halben Jahr schon so funktioniert hat.“ Für Bretschneider stand von Anfang an fest: „Ich starte in Montreal nur mit einer konkurrenzfähigen Übung. Ich habe keinen Bock, nur so mitzumachen.“ Er will sich aber auch keinen unnötigen Druck machen, an dem er in der Vergangenheit oft gescheitert war.

Beim Weltcup vor zwei Wochen in Paris turnte Bretschneider eine „medaillenwürdige Übung“, auch wenn ihm die Luft ausging und er am Ende mit einem Bauchklatscher auf der Matte landete. Oder wie er es formuliert: „grauheitsbedingte Abgangsprobleme“. Bis zum Abflug arbeitete er in Kienbaum noch am Feinschliff.

Für Abwechslung sorgte kürzlich der Besuch von Angela Merkel im Rahmen des Sommerfestes. Die Bundeskanzlerin kam im Hubschrauber angeflogen und stand plötzlich in Socken in der Trainingshalle vor Bretschneider, der sie am Reck beeindruckte. „Die Kanzlerin hat sich gefreut, mal paar lustige Sportler zu treffen.“

Auch das Ausscheiden bei der Tanzshow nahmen Bretschneider und Nguyen mit Humor und kündigten bereits ein neues Projekt an. Das ist aber noch geheim.