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"Man hat jetzt mehr zu verlieren"

Der neue Blick auf den Osten: Daniel Neuer kam aus dem Westen und erzählt, wie sich die Region Löbau-Zittau in 30 Jahren Einheit entwickelt hat.

Daniel Neuer ist Architekt und hat unter anderem die Herrnhuter Zinzendorfschulen, die Förderschule Johann Amos Comenius gebaut und Herrnhuts Bahnhof.
Daniel Neuer ist Architekt und hat unter anderem die Herrnhuter Zinzendorfschulen, die Förderschule Johann Amos Comenius gebaut und Herrnhuts Bahnhof. © Matthias Weber/photoweber.de

Für Daniel Neuer war die Oberlausitz - vor allem Herrnhut und Neusalza - seit der Kindheit ein Sehnsuchtsort. Seine Großmutter stammte aus Herrnhut, seine Urgroßmutter aus Neusalza und das Leben dort vor dem Krieg war stetes Thema, füllte Erinnerungsmappen. Der Sohn einer alleinerziehenden und voll berufstätigen Mutter sog in Königsfeld im Schwarzwald schon als Schuljunge die alten Geschichten aus Herrnhuts Brüdergemeine auf.

Als der Zivildienstleistende am 9. November '89 dem Mauerfall im Fernsehen zuschaute, packte es ihn erneut. Neuer studierte nach einer Tischlerlehre an der TU Berlin Architektur. Er lebte in Ostberlin, besorgte sich einen Wohnberechtigungsschein, lernte Trabifahren, hielt sich mit Handwerks-Jobs über Wasser. "Ich fand es hier immer entspannt, habe mich wohlgefühlt", sagt er. Ressentiments erlebte er selten. Die Verbindungen innerhalb der Brüdergemeine halfen ihm. Er erhielt Aufträge in Dresden und schließlich in Herrnhut, wo er 2000/2001 den Grundstein für seine Firma in Berthelsdorf legte.

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Das Spontane, Pragmatische und Unkonventionelle im Osten, die Einfach-mal-machen-Haltung der Wendejahre ist dem Schwarzwälder nahe, weil er diese Haltung aus der Heimat kennt, die auch "am Rande" liegt. Wie in der Brüdergemeine gab es bei den Ostdeutschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zunehmend verblasst ist, sagt der 50-jährige Vater zweier Kinder. Neuer sieht hier einen Punkt, der Unzufriedenheit und Verbitterung genährt hat. Zudem spiele jetzt Geld eine größere Rolle, weil man inzwischen mehr zu verlieren hat, sagt er. Das Wagemutig-Unkonventionelle beobachtet er heute nur noch selten, etwa bei Zittaus Kulturhauptstadt-Bewerbung oder Herrnhuts Welterbe-Ambitionen. Dabei, so sagt er, habe man hier im Osten noch immer mehr Freiheiten als in den alten Bundesländern.

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