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„Buschweiber“ auf Leseholz-Tour

Abfallholz aus den Wäldern war begehrt. Fürs Sammeln zwischen Czorneboh und Lausche gab es Regeln – wer sie missachtete, wurde bestraft.

Das Sammeln von Leseholz war vor rund 60 Jahren in den Ferienspielen eine willkommene Abwechslung. Hier transportieren Schüler der damaligen Grundschule Kottmarsdorf das im Kottmarwald geborgene Abfallholz mit Handwagen nach Hause.
Das Sammeln von Leseholz war vor rund 60 Jahren in den Ferienspielen eine willkommene Abwechslung. Hier transportieren Schüler der damaligen Grundschule Kottmarsdorf das im Kottmarwald geborgene Abfallholz mit Handwagen nach Hause. © privat

In den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie oft mit Handwagen, Rucksack oder Schiebekarren in den Wäldern zwischen Czorneboh und Lausche unterwegs: Frauen auf der Suche nach liegengebliebenem Holz. Sie trugen es zusammen, um die daheim eingelagerten kostbaren Kohlenvorräte etwas zu strecken oder wenigstens Reisig zum Anfeuern zu bergen. Manche dieser „Buschweiber“, wie der Volksmund sie einst nannte, gingen fast jede Woche in den Wald, um Leseholz zu sammeln. Zu verbergen hatten sie nichts, wenngleich sich mit gesammeltem Holz durchaus andere Straftaten verbergenließen. Eduard Nitsche berichtet in seinem Buch über den Ebersbacher Krankenhausgründer Dr. Robert Wanke über eine Brennholzfuhre an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Friedersdorf und Georgswalde, bei dem dasHolz nur Sichtschutz für Zeiss-Teleskope war, die ins Tschechische geschmuggelt wurden.

Das Sammeln von Leseholz hat eine jahrhundertealte Tradition. Aus dem Jahr 1704 ist überliefert, das die Häusler des oberen Teils von Ebersbach von der Stadt Löbau als Eigentümer des Kottmarwaldes die Erlaubnis erhielten, „das abgefallene Reisig aufzulesen“. Damit ist zugleich gesagt, dass Leseholzsammeln auch bestimmten Regularien unterworfen war. Welche das waren, kann man in einer 1972 veröffentlichten Arbeit des langjährigen Sebnitzer Museumsleiters und Volkskundlers Manfred Schober nachlesen. Schober war auch einige Jahre Vorsitzender des Beirats für Oberlausitzer Heimatpflege.

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Demnach gehörte das „Einholen von Leseholz“ im 19. Jahrhundert forstwirtschaftlich betrachtet zur Waldnebennutzung. Es war genau festgelegt, welches Holz die Bevölkerung aus dem Wald mitnehmen durfte: dürre Äste und herumliegendes Holz. Dagegen durfte frisches Holz von Wind- und Schneebrüchen nicht entnommen werden. Dürre Stangen durfte man nicht absägen, das „Abbrechen, Umbiegen, Klopfen und Entrinden alles stehendes Holzes“ war verboten. Daraus leitete sich ab, dass eisernes Werkzeug für die Holzsammler tabu war. Äxte, Beile, Sägen und ähnliches wollten die Forstbehörden bei ihnen nicht sehen. Wer erwischt wurde, musste sogar mit Einzug des Werkzeuges rechnen. Auch die Menge war eingegrenzt. Als Faustregel galt, dass nur so viel Leseholz gesammelt werden durfte, wie eine Person tragen oder mit der Schubkarre transportieren konnte.

So machten zwei Buschfrauen mit Kiepen um 1900 Rast.
So machten zwei Buschfrauen mit Kiepen um 1900 Rast. © privat

Festgelegt waren auch die Zeiten, wann gesammelt werden durfte. Bezogen auf den Stadtforst Zittau in vorindustrieller Zeit heißt es dazu im „Oberlausitzer Hausbuch“ von 2017: „Zur besseren Kontrolle wurde das Holzlesen auf Dienstag und Freitag, vom 1. April bis 30. September von 6 bis 18 Uhr, in den übrigen Monaten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschränkt. Ein Verbot bestand während der Brut- und Satzzeit des Wildes zwischen 1. Mai und 24. Juni.“ Außerdem bestand Meldepflicht beim Förster, der die Leute auf bestimmte Plätze einwies. Auf Einschlagflächen war die Holzlese grundsätzlich verboten. Um Irrtümer zu vermeiden, wurden auch Verbotsschilder aufgestellt.

Die Strafen bei Verstößen waren saftig. Laut Manfred Schober wurden sie im Königreich Sachsen nach dem Wert des unrechtmäßig erworbenen Materials bemessen. Lag der Wert unter vier Groschen, drohten drei bis zwölf Tage Handarbeit. Ging es dagegen um einen Wert von zwei bis vier Talern, so musste man mit acht Wochen Gefängnis mit Handarbeit rechnen. Wiederholungstätern wurden öffentliche Züchtigung, ja in schlimmen Fällen sogar öffentliche Ausstellung am Schandpfahl mit Schildern „Holzdieb“ oder „Gefährlicher Holzdieb“ angedroht. Es dauerte fast bis 1840, ehe eine Neuregelung diese Strafen milderte.

Solche Sanktionen sind längst Geschichte. In der DDR gab es sogar organisierte Schul-Aktionen zur ordnungsgemäßen Holzlese während der Sommerferien. Auch in der südlichen Oberlausitz sammelten Schülerinnen und Schüler in Leiterwagen oder anderen Gefährten das Brennmaterial und brachten es zu älteren, nicht mehr so mobilen Menschen. Rechtsfrei geworden ist das Sammeln von Leseholz in unseren Wäldern freilich nicht. Auch wenn sich heute immer weniger die Mühe machen, auf diese Art Abfallholz zu bergen, sollten sie sich vorher kundig machen. Da hilft ein Blick ins Waldgesetz für den Freistaat Sachsen (Paragraf 14) oder eine Nachfrage beim zuständigen Revierförster.

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