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Als Neugersdorf noch einen Schlachthof hatte

Die beabsichtigte Ausdehnung des Spreequellcenters auf das ehemalige Edelfisch-Areal lässt Erinnerungen an den 1902 gebauten Fleischbetrieb aufleben.

Bis 2020 wurde das Schlachthofgelände von der Edelfisch GmbH genutzt.
Bis 2020 wurde das Schlachthofgelände von der Edelfisch GmbH genutzt. ©  SZ-Archiv

Das Neugersdorfer Spreequellcenter soll erweitert werden. Dazu muss sich das Gelände des Einkaufszentrums vergrößern, mehr Parkplätze sind nötig. Wie die SZ berichtete, erwarb dafür die Unruh-Deerberg Immobiliengesellschaft als Eigentümer des Spreequellcenters das Nachbarareal des früheren Schlachthofes von der Neugersdorfer Edelfisch GmbH. Deren Eigentümer gaben im Vorjahr ihr Unternehmen, in dem rund 25 Jahre Fische verarbeitet und verkauft wurden, altershalber auf. Während die Erinnerungen an Edelfisch noch präsent sind, sind sie beim Schlachthof längst verblasst und nur noch bei Älteren vorhanden. Doch der Heimat- und Geschichtsverein Neugersdorf bewahrt die Historie des Schlachthofes. Bereits 1989 veröffentlichte er in seinen „Beiträgen zur Ortsgeschichte“ einen Abriss von Gerhard Born, den wir nachstehend, leicht gekürzt, wiedergeben.

In Neugersdorf ließ um 1900 die auf 21 angewachsene Zahl örtlicher Fleischereien den Plan entstehen, einen eigenen Schlachthof zu errichten. Man entschied, den zukünftigen Schlachthof auf einem 10.200 Quadratmeter großen Terrain an der Einmündung Lessingstraße in die Volksbadstraße zu errichten. Im Januar 1901 wurde der Bau durch den Bezirksausschuss Löbau genehmigt. Das Projekt, erstellt vom Neugersdorfer Baumeister Roth, sah neben dem Hauptgebäude mit Schlachthalle, Brühraum, Kühlhaus, Kessel- und Maschinenraum sowie Folgeeinrichtungen ein getrennt angeordnetes Gebäude für die im Schlachthof Tätigen vor. Für die Wasserversorgung wurde ein Brunnen für täglich 50 Kubikmeter Wasser gebraucht.

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Am 15. April 1902 konnte die Schlachthofanlage in Betrieb genommen werden. In einem Festzug zogen die Neugersdorfer Fleischermeister mit ihren Gesellen unter Mitführung des zur ersten Schlachtung vorgesehenen Viehs von „Stadt Zittau“ zur neugeschaffenen Anlage. In der 19 mal 10,50 Meter großen Schlachthalle wurde die von der Firma Beck & Henkel, Kassel, gelieferte Schlachteinrichtung zum ersten Male eingesetzt. Sie ermöglichte beträchtliche Erleichterungen und einen mechanischen Transport. Zur maschinellen Ausrüstung des neuen Schlachthofes gehörten ein Dampfkessel mit 26 Quadratmeter Heizfläche und ein Maschinenraum mit einer 20-PS-Maschine. Die mit drei Schlachtständen ausgerüstete Schlachthalle, aus der das Fleisch dann in den mit 26 Zellen versehenen Kühlraum weitergeleitet wurde, konnte für täglich 20 Schlachtungen genutzt werden. Der zum Teil unter dem Kesselhaus befindliche Brunnen war zehn Meter tief und versorgte die gesamte Anlage zuverlässig mit Wasser.

Die Architektur des beginnenden 20. Jahrhunderts wurde bewahrt, wie das historische Foto (kl. Bild) belegt. F.:
Die Architektur des beginnenden 20. Jahrhunderts wurde bewahrt, wie das historische Foto (kl. Bild) belegt. F.: © Geschichtsverein

Zu den Baukosten des neugeschaffenen Schlachthofes, die in der Chronik mit 207.000 Mark angegeben werden, kamen noch 4.870 Mark hinzu, die an Fleischermeister gezahlt werden mussten, deren eigene Schlachthäuser infolge des angeordneten Schlachthofzwanges nicht mehr benutzt werden durften. Mit der Inbetriebnahme des Schlachthofes konnte auch die seit 1898 angeordnete Fleischbeschau für alles geschlachtete Vieh in den Schlachthof verlagert werden. Bislang musste sie von den einzelnen Fleischern vorgenommen werden. Das bei der Beschau als nicht bankwürdig befundene Fleisch gelangte durch die Freibank zum Verkauf.

Freibank versorgte viele Familien im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges und vor allem in den Jahren der Erwerbslosigkeit versorgte diese Freibank viele Familien mit verbilligtem Fleisch. In den Folgejahren wurden wiederholt Verbesserungen in der Schlachthofausrüstung vorgenommen. War es 1908 die Einrichtung der Häutesalzerei durch die Fleischerinnung, so erfolgte 1921 der Anschluss an das Stromnetz. 1932 stellte man den Dampfkesselbetrieb auf Warmwasserbetrieb um. Über den Umfang der Schlachtleistungen gibt der Jahresbericht 1935 Aufschluss. 1.313 Rinder, 1.629 Kälber, 2.877 Schweine, 402 Schafe, 31 Ziegen und 316 Pferde, insgesamt demnach 6.568 Tiere, wurden geschlachtet. Ende der 30er Jahre vergrößerte man die im Schlachthof befindliche Schweinemästerei. Neben der Planung einer Desinfektionsanlage kam ab 1941 ein Sterilisierungsapparat zum Einsatz.

Nach Kriegsende konnten die Anlagen des Schlachthofes von den örtlichen Fleischermeistern weiter genutzt werden. Durch den Einbau einer neuen Kühlanlage sowie einer Entseuchungsanlage für Großvieh verbesserten sich die Arbeitsbedingungen weiter, bis dann durch den Rückgang der benötigten Schlachtleistungen der Schlachtbetrieb aufgelassen bzw. nach Löbau verlagert wurde. Nach der zwischenzeitlichen Nutzung der Räumlichkeiten als Geflügelschlachtstelle ging 1970 der gesamte Gebäudekomplex an den VEB Binnenfischerei Kreba über, der dort einen Betriebsteil Be- und Verarbeitung einrichtete und die Anlagen zweckentsprechend ausbaute bzw. erweiterte. (SZ)

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