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Erst gezündelt und dann selbst mit gelöscht

Immer wieder brannten in Obercunnersdorf Ende des 19. Jahrhunderts Gebäude. Doch nur selten konnte ein Brandstifter gefasst war.

Von Bernd Dreßler
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Symbolbild
Symbolbild © Michael Varaklas/AP/dpa

Obercunnersdorf kam nicht zur Ruhe in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Immer und immer wieder standen Häuser, Scheunen, Ställe und Schuppen in Flammen. Viele erinnerten sich an den 21. Oktober 1843, bei dem durch ein einziges Feuer 21 Wohnhäuser auf einmal vernichtet wurden. Der Wind hatte den Funkenflug von einem Strohdach zu anderem übertragen – eine verhängnisvolle Kettenreaktion. Die damalige Feuerwehr war machtlos.

Aber diesmal mussten andere als der Wind ihre Finger im Spiel haben. Warum wohl brannte es zwischen 1880 und 1889 sage und schreibe 22-mal in Obercunnersdorf, warum gingen diese Jahre als „Zeit der vielen Feuer“ in die Ortsgeschichte ein? Hier trieben Brandstifter ihr Unwesen. „Gewöhnlich legten sie den Brand am sogenannten Burten an, dem untersten Rande des Strohdaches. Schon nach kurzer Zeit war das Dach ein einziges Flammenmeer“, beschrieb der Chronist Herrmann Freude dieses Schurkenhandwerk.

Manche Tragödie hat sich damals abgespielt. Es gab Zeiten, wo niemand mehr ruhig schlafen gehen konnte, obwohl Wachen das Dorf ständig abgingen. So wurde ab 24. April 1887 die bisherige Nacht- oder Feuerwache von vier auf zwölf Mann erhöht, da es unmittelbar zuvor viermal gebrannt hatte. In sechs Monaten wurden „nicht weniger als 18 Gebäude durch neunmalige Brandstiftung in Asche gelegt und 25 Haushaltungen zerstört“, hieß es.

Leidtragende waren die Brandopfer, auf deren hoffnungslose Lage ein „Hilfs-Komitee“ in einem offenen Brief in der Lokalpresse unter der Überschrift „Hilferuf!“ im Mai 1887 aufmerksam machte. Demnach seien die meisten Betroffenen nicht versichert, die Mehrzahl der eingeäscherten Gebäude mit einer großen Hypothekenschuld belastet. Die Gemeinde, zumeist aus armen Webern bestehend, sei in ihrer Hilfeleistung nahezu erschöpft. Es sei daher dringend geboten, „daß willige Herzen und offene Hände sich finden, um das erschütternde Elend zu lindern“.

Dass In Obercunnersdorf in jenen Jahren Zündler am Werk waren, dafür sprachen gefundene Brandbriefe, so im Dezember 1888. Die Christnacht am Heiligabend begann deshalb schon 3 Uhr nachmittags, um bei Eintritt der Dunkelheit Feuerwache halten zu können. Dafür sprachen auch „vergessene“ Leitern. Eine solche fand man beim Feuer des Burkhardtschen Hauses im März 1887. Vorher hatte sie dort nie gestanden. Dennoch ließen sich die Brandstiftungen nur selten beweisen. Die meisten Fälle wurden mit dem Vermerk „Ursache unbekannt“ zu den Akten gelegt. Im Falle von Lißkes Gut (hier brannten am 30. November 1880 das Gedingehaus und die Scheune total nieder) war man sich bereits sicher, den Täter überführt zu haben. Der Verdacht fiel auf den Gutsbesitzer selbst. Doch nach langer Untersuchungshaft musste er von einem Schwurgericht freigesprochen werden. Auch ein verdächtiger Stellmacher, dessen Haus abbrannte, musste aus der Haft entlassen werden, obwohl bei den Löscharbeiten ein Feuerwehrmann von einem umstürzenden Schornstein erschlagen wurde.

Dennoch gelang es den Obercunnersdorfern, einen Serienbrandstifter zu überführen, allerdings schon rund 60 Jahre vorher. In diesem Fall war die Beweislast so groß, dass er, ein gewisser Lorenz, seiner gerechten Strafe nicht entgehen konnte. Dabei hatte er sich immer bei Löscharbeiten hervorgetan, ja sogar gefordert, dass der Brandstifter „stückchenweise ins Feuer“ geworfen werden müsse. Niemand ahnte da, dass Lorenz diese Brände selbst gelegt hatte. Als er jedoch laut Obercunnersdorfer Ortschronik einmal die hintere Dorfstraße hinunterging, wurde ihm das zum Verhängnis: Er blieb plötzlich an einem Bauerngut stehen und warf einen Brandbrief mit der Androhung, ein Feuer zu legen, in den Garten.

Dumm nur, dass ihn ein Mädchen dabei beobachtet hatte. Es hob den Brief auf, nahm ihn mit nach Hause und erzählte, wer ihn geworfen hatte. Lorenz war überführt. Dem Dienstknecht wurde nachgewiesen, Feuer an verschiedenen Orten gelegt zu haben, darunter auch in Strahwalde. Hier wurde Gottlieb Lorenz am 20. November 1820 „Auf dem Toten“, einem Flurstück in der Nähe des Forsthauses, mit dem Schwert hingerichtet.

Der Autor bedankt sich bei Joachim Golbs, Obercunnersdorf, für die Unterstützung.