merken
PLUS Löbau

Buslinie 30 - die zweitälteste der Welt?

Schon 1865 gab es zwischen Seifhennersdorf und Löbau öffentliche Personenbeförderung. Damals aber mit Pferdeomnibussen.

Auch am Kottmarsdorfer Kretscham hielt der Bus, als 1927 eine Kraftpostlinie mit Personenverkehr eingerichtet wurde.
Auch am Kottmarsdorfer Kretscham hielt der Bus, als 1927 eine Kraftpostlinie mit Personenverkehr eingerichtet wurde. © Ortschronik Kottmarsdorf

Mit Beginn des neuen Jahres mussten sich die Busnutzer im Landkreis umgewöhnen. Vorher kontrovers diskutiert, gelten nun neue Buslinien und, so die Verantwortlichen des Öffentlichen Personennahverkehrs, neue, besser auf die Bahn abgestimmte Fahrpläne. Damit bekam auch die Verbindung Seifhennersdorf-Neugersdorf-Löbau, eine der ältesten der südlichen Oberlausitz, eine neue Bezeichnung. Aus der bisherigen Linie 55 wurde die 30.

Dabei hatte „die 55“ gewissermaßen Bestandsschutz. Sie gab es schon in der DDR. Mit nahezu konstanten Fahrplänen, über Jahrzehnte hinweg. Das sagt jedoch noch nichts über ihr Alter aus. Ihre Geburtsstunde dürfte sie bereits 1927 erlebt haben, als Kraftpostlinie, betrieben von der Reichspost. Seitdem haben etliche Busgenerationen unzählige Passagiere befördert. Die ersten Fahrzeuge kamen aus der Deutschen Lastautomobilfabrik AG in Ratingen, die zwischen den Weltkriegen die Kraftpost als „Lebensader auf dem Lande“ pulsieren ließen. Nach 1945 bestimmten vor allem Ikarus-Busse aus Budapest das Straßenbild, die nun von den staatlichen Kraftverkehrsbetrieben eingesetzt wurden. Heute sind es moderne Mercedes-Busse der Kraftverkehrsgesellschaft „Dreiländereck“.

Anzeige
Aktuelle Stellenangebote der Region
Aktuelle Stellenangebote der Region

Sie sind auf der Suche nach einem neuen Job und wollen in der Region bleiben? Diese Top Unternehmen der Region Löbau-Zittau bieten attraktive freie Stellen an.

Doch es gibt berechtigte Zweifel, dass 1927 das wirkliche Geburtsjahr dieser Traditionslinie ist. Der in Eibau lebende Autor Bernd Raffelt, bekannt geworden durch seine über viele Kontinente führenden Exkursionen mit dem Simson-Moped oder durch seine Buchreihe „Oberlausitzer Kriminal- und Gerichtsfälle“, hat in seiner neuesten Publikation „Oberlausitzer Busgeschichte“ herausgefunden, dass der erste Bus auf dieser Route nach regulärem Fahrplan bereits am 29. Mai 1865 gefahren sein muss – als Pferdeomnibus. Zwar von Löbau aus noch nicht bis Neugersdorf oder Seifhennersdorf, aber immerhin bis Ebersbach, Gasthof „Goldener Löwe“.

Zu danken war das den Löbauer Kaufleuten Hildebrand und Siebert, die am 7. Februar 1865 einen „Omnibus-Dienst für Landfahrten“ gegründet hatten. Folgende Überlegungen dürften sie laut Bernd Raffelt vor allem zu ihrer Geschäftsidee inspiriert haben: Viele bevölkerungsreiche Dörfer im Oberland mit zunehmender Industrie waren noch nicht von einer Bahnlinie berührt, die Reise mit Postkutschen war viel zu zeitaufwendig und zu teuer, sodass die Bewohner lieber zu Fuß gingen.

Zweite Linie folgte schnell

Der Erfolg gab der in Löbau ansässigen „Omnibuscompagnie“ von Hildebrand und Siebert recht. Allein in einer Woche im Juni 1865 wurden von Löbau nach Ebersbach 253 und von Ebersbach nach Löbau 245 Fahrgäste per Pferdeomnibus befördert. So war es kein Wunder, dass sie bereits fünf Wochen nach Eröffnung ihrer ersten Linie für den 2. Juli die Premiere einer zweiten Linie ankündigten. Sie führte von Seifhennersdorf über Neugersdorf nach Ebersbach. Damit war, wenn auch mit einer Unterbrechung, die bis heute existierende Busverbindung hergestellt.

Der Landomnibusdienst der Löbauer Geschäftspartner war eine Pionierleistung im Personenverkehr, was Bernd Raffelt zu der Feststellung veranlasst: „Dieses Unternehmen war nach der Hamburg-Altona-Linie der Firma Basson & Co. vermutlich das zweite Landomnibusunternehmen der Welt.“ Folglich könnte die Linie Löbau–Neugersdorf–Seifhennersdorf als zweitälteste Landomnibusverbindung der Welt eingeordnet werden.

Doch obwohl der Omnibusdienst von Hildebrand und Siebert ganz nach einer Erfolgsgeschichte aussah (1865 hatte man in sieben Monaten 24.370 Personen befördert), obwohl die Gründung einer Aktiengesellschaft geplant war, um das Unternehmen langfristig zu sichern, wurde es im Mai 1866 schlagartig ruhig um die Firma. Über die Gründe kann Bernd Raffelt trotz intensiver Nachforschungen nur spekulieren. Zwar gründeten die Gebrüder Gründer aus Seifhennersdorf im September 1866 einen neuen Omnibusdienst mit Pferden und boten nun ihre Dienste auf der Gesamtstrecke Seifhennersdorf-Neugersdorf-Ebersbach-Kottmarsdorf-Löbau an, allerdings wurde sie nur einmal am Tag hin und zurück bedient.

Dann verstummen die Nachrichten über diese Art der Personenbeförderung. Die Zeit, bis die Reichspost in den 1920er Jahren ihre Kraftpostlinie eröffnete, bleibt im Dunkeln. Aber Bernd Raffelt will einen zweiten Teil seiner „Oberlausitzer Omnibusgeschichte“ schreiben. Vielleicht schließt er damit diese Geschichtslücke.

Bernd Raffelt „Oberlausitzer Omnibusgeschichte“, 1. Auflage 2020, ISBN 978-3-00-065982-9, 5 Euro. Bestellungen möglich über [email protected]

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Löbau