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Die schwere Last der Briefträger

Vor 60 Jahren vereinte die Post der DDR die Brief- und Zeitungszustellung. Eine ehemalige Neugersdorfer Postbotin erinnert sich.

Die Zusteller der Deutschen Post der DDR hatten viele Sendungen zu schleppen, denn sie brachten ab den 1960er Jahren auch Zeitungen in die Haushalte. Fahrbare Transportkarren waren da bereits eine Erleichterung. Zuvor gab's bepackte Schultertaschen.
Die Zusteller der Deutschen Post der DDR hatten viele Sendungen zu schleppen, denn sie brachten ab den 1960er Jahren auch Zeitungen in die Haushalte. Fahrbare Transportkarren waren da bereits eine Erleichterung. Zuvor gab's bepackte Schultertaschen. © SZ-Archiv

Bei der Deutschen Post der DDR gab es vor 60 Jahren eine gravierende Änderung. Da die DDR-Post über ihren Postzeitungsvertrieb (PZV) das Vertriebsmonopol für alle Zeitungen besaß, wurde die bisher getrennte Brief- und Zeitungszustellung vereint. Auswirkungen hatte das vor allem auf die Postzusteller, damals meist Briefträger genannt. Ihr Arbeitsaufwand erhöhte sich bedeutend, neue Zustellbezirke wurden gebildet.

Die heute 92-jährige noch recht rüstige Irene Hübner, die in Ebersbach-Oberland wohnt, war in jener Zeit Postzustellerin. In Neugersdorf befand sich ihr Zustellbezirk, der ungefähr vom Postamt entlang der Hauptstraße bis zum Bahnhof auf der einen und bis zur tschechischen Grenze auf der anderen Seite reichte. Neben Briefsendungen füllten nun auch jede Menge „Sächsische Zeitungen“ Irene Hübners Zustelltasche. 250 Haushalte hatten damals die SZ in ihrem Bereich abonniert. Aber auch einige Exemplare von Wochenzeitungen wie der begehrten „Wochenpost“, der „Neuen Berliner Illustrierten“ (NBI) oder der Frauenzeitung „Für Dich“ steckte sie in die Briefkästen, denn all diese und noch manch andere Titel hatte der Postzeitungsvertrieb auf seiner Liste. Es war anfangs eine Herausforderung für die kleine zierliche Frau, das alles in der Zustelltasche unterzubringen, denn sie war zu Fuß unterwegs. Karren sorgten erst später für etwas Erleichterung.

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Die 92-jährige Irene Hübner hat nahezu 30 Jahre als Postzustellerin gearbeitet, zunächst in Bautzen, später in Neugersdorf. Sie wusste der SZ in ihrer Wohnung in Ebersbach-Oberland so manches Erlebnis und manche Anekdote aus ihrem Berufsleben zu erzählen.
Die 92-jährige Irene Hübner hat nahezu 30 Jahre als Postzustellerin gearbeitet, zunächst in Bautzen, später in Neugersdorf. Sie wusste der SZ in ihrer Wohnung in Ebersbach-Oberland so manches Erlebnis und manche Anekdote aus ihrem Berufsleben zu erzählen. © Bernd Dreßler

Doch damit waren Irene Hübners Aufgaben als Postzustellerin noch nicht erschöpft. Sie hatte beispielsweise Geld, das per Postanweisung überwiesen wurde, auszuzahlen. Und ihr oblag die Kassierung des Zeitungsgeldes. Wer in der Woche nicht angetroffen wurde, für den richtete sie dafür den ersten Sonnabend im Monat ein. Trotzdem, so erzählt sie, habe es Kunden gegeben, die erst nach der Gehaltszahlung den Abo-Betrag begleichen wollten. „Bei der Kassierung hat mir auch manchmal einer gleich noch den Lottoschein in die Hand gedrückt oder das Geld für den Gasmann, damit ich es einzahle“, erinnert sich Irene Hübner schmunzelnd. Ja, die Postzusteller in der DDR waren mitunter Rundum-Dienstleister. In der Anonymität blieben sie ebenfalls nicht, auch wenn die meisten Postempfänger den Namen ihres Zustellers gar nicht kannten. Aber Irene Hübner war als „Christel von der Post“, wie sie gern genannt wurde, eine Bezugsperson, auf die man sich verlassen konnte. Das lag auch daran, dass zu DDR-Zeiten die Postangestellten in den Zustellbezirken kaum ausgetauscht wurden.

Die harte Arbeit, die hinter dem Beruf steckte, kannten allerdings nur wenige. Irene Hübners Arbeitstag begann zunächst mit Radfahren, fünf Kilometer von Montag bis Sonnabend hatte sie von ihrem Wohnort Kottmarsdorf zum Arbeitsort Neugersdorf zurückzulegen, bevor sie sich nach der Sortierung per pedes auf ihre Tour begab. „Heiligabend bin ich mitunter 15.30 Uhr nach Hause gekommen. Da gingen andere schon in die Christnacht. Und am 1. Weihnachtsfeiertag ging es weiter, da wurde die Weihnachtspost zugestellt“, weiß sie zu berichten. Anderen Kollegen erging es nicht besser. Sie hatten zwar nicht immer einen weiten Arbeitsweg, dafür mitunter große Entfernungen beim Zustellen zurückzulegen. Ein Bahnwärterhaus in der Nähe von Dürrhennersdorf zum Beispiel lag auf Kottmarsdorfer Flur, also musste es von Kottmarsdorf aus postalisch versorgt werden. Dazu musste der dortige Briefträger zwei Kilometer hin und zwei Kilometer zurück unter die Füße nehmen.

Eineinhalbmal die Erde umrundet

Obwohl Irene Hübner gern Sport getrieben und berufsbedingt viel auf den Beinen war, hatte ihre Tätigkeit Spuren hinterlassen. Der Rücken war in Mitleidenschaft gezogen, der tägliche Gang mit der schweren Tasche auf der Schulter war nicht ohne Folgen geblieben.

1986 machte sie deshalb Schluss bei der Post, nachdem sie als Briefträger nach eigenen Schätzungen eineinhalb Mal die Erde umrundet hatte. Frau Hübner ging zur Bahn und verkaufte im Neugersdorfer Bahnhof Fahrkarten. Diese Arbeit unterschied sich zumindest in einem nicht von der bei der Post: Sie war jeden Tag mit Kunden im Gespräch. Und das war sie gewohnt, das brauchte sie.

Als 1990 wendebedingt neue Zeiten bei der Post anbrachen, war das ein harter Schnitt, auch für die nunmehr Außenstehende Irene Hübner. Alles wurde umstrukturiert, für die Zeitungszustellung war jetzt ein eigener Medienvertrieb zuständig. Dass die SZ nun schon zum Frühstück bei den Lesern war, hatte für viele zunächst kaum Bedeutung. Wohl aber die Tatsache, dass sich die Post immer mehr aus der Fläche zurückzog. So schloss in Kottmarsdorf 1995 die Poststelle für immer. Auch in Neugersdorf war eines Tages das Postamt zu. Stammbriefträger gab es nicht mehr, sie wechselten öfter, dadurch wurde die Zustellung anonymer. Und doch scheint die Zeit, in der Brief- und Zeitungszustellung in einer Hand liegen könnten, nicht gänzlich Geschichte zu sein. Zumindest beim Postdienstleister „Post Modern“ denkt man wegen fehlender Zeitungsausträger über eine „Hybridzustellung“ nach.

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