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Das waren die ersten VEB-Visitenkarten

1956 blickte eine Ausstellung in Neugersdorf auf zehn Jahre volkseigene Betriebe zurück.

© SZ

Zehn Jahre volkseigene Betriebe (VEB) im Kreis Löbau waren vor 65 Jahren Anlass für eine Ausstellung. Am 30. Juni 1946 hatte der „Volksentscheid zur Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher im Land Sachsen“ zur Enteignung zahlreicher Firmen und zur Bildung der ersten VEBs geführt. Daher wurde vom 30. Juni bis 8. Juli 1956 die Bevölkerung zu einer Rückschau auf diese zehn Jahre in den kleinen Saal von „Stadt Zittau“ Neugersdorf eingeladen, auch sonnabends und sonntags. Ausgewählte Betriebe präsentierten hier die Visitenkarten ihrer Nachkriegsproduktion und warben für ihre Erzeugnisse.

So stellte sich der „VEB Bekleidungswerke Neugersdorf“ als Produzent modischer Sportbekleidung für den Herrn, als Spezialbetrieb für Trenchcoats und modische Herrenmäntel vor. Spreequell-Kleidung, so der Markenname, habe sich auf den internationalen Messen von Leipzig, Poznan, Stockholm und Damaskus einen Namen gemacht.

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Ebersbacher konnten nicht mithalten

Der VEB Spinnerei und Weberei Ebersbach konnte auf eine neue Lehrwerkstatt, den Bau einer Kinderkrippe und eines Speisehauses für seine Beschäftigten verweisen. Er tat kund, dass er seine Erzeugnisse weiterentwickelt habe und nun auch in der Lage sei, hochqualifizierte Baumwollgewebe wie Nachthemdenflanelle oder modische Hemdenstoffe „in neun Länder des kapitalistischen Weltmarktes“ zu exportieren. Mit dem „VEB Buntweberei und Färberei Neugersdorf“ konnten die Ebersbacher da allerdings nicht mithalten. Mit „Buntspecht-Erzeugnissen“ wie Sporthemdenstoffe, Mantel- und Hemdenpopeline, Flanelle oder Bettwäsche habe man den Export auf 25 kapitalistische Länder ausdehnen können, offerierte die Firma. Mit dem Markenerzeugnis „Wetterlin“ für Mäntel und Anoraks mit waschbeständiger Imprägnierung versuchte der „VEB Oberlausitzer Textilveredlungswerke Löbau“ (OTVW) zu punkten.

Jahre später wurden diese drei und viele weitere Textilbetriebe zum Lautex-Verbund vereinigt. Der „VEB Motorenwerk Cunewalde“ (Cunewalde gehörte damals noch zum Kreis Löbau) informierte vor 65 Jahren über seine stationären Kleindieselmotoren von vier bis 17,5 PS Stärke, über Einzelteile für Schiffsdieselmotoren und Drehkolbengebläse, aber auch über Doppelfeuertüren und Motorrad-Stau-Schutz „als Massenbedarf“, quasi einem Vorläufer der späteren Konsumgüterproduktion. Und beim Textilmaschinenbauer „VEB Webstuhlbau Neugersdorf“ war 1956 die Auftragslage offenbar sehr gut, nur die nötigen Arbeitskräfte fehlten. In der Ausstellung warb das Unternehmen deshalb für Hand- und Maschinenformer, Modelltischler und Modellschlosser, Hilfskonstrukteure und Technische Zeichner, aber auch für Schlosser- und Fräserlehrlinge.

Wo das OTVW stand, fand die Landesgartenschau statt

Heute könnten diese Betriebe keine Schau mehr gestalten. Sie vermochten nach 1990 trotz vielerlei Anstrengungen in der Marktwirtschaft nicht zu bestehen. So war die Liquidation des Motorenwerkes 1997 abgeschlossen. Buntweberei und Bekleidungswerke Neugersdorf sind abgerissen. Wo das OTVW Löbau stand, fand 2012 die Landesgartenschau statt. Die Ebersbacher Spinnerei verunziert als Industrieruine das Stadtbild. Allein die MBN Maschinenbaubetriebe Neugersdorf GmbH fertigen auf dem Gelände des ehemaligen Webstuhlbaus Anlagen für die Fahrzeugendmontage. (dD)

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