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Mit 19 ohne Haus und Heimat

Vor 75 Jahren musste Eduard Nitsche als Deutschböhme Georgswalde verlassen. Er erforschte danach die Geschichte der Grenzregion.

Eduard Nitsche 1992 am Standort seines nicht mehr existierenden Geburtshauses in Georgswalde (Jirikov), Mühlgraben 170.
Eduard Nitsche 1992 am Standort seines nicht mehr existierenden Geburtshauses in Georgswalde (Jirikov), Mühlgraben 170. © SZ-Archiv

Es war im Januar oder Februar 1946. Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, war der 19-jährige Eduard Nitsche zu nächtlicher Stunde auf dem Weg zu seinem Geburtshaus in der böhmischen Grenzstadt Georgswalde. Er hatte Angst, denn bewaffnete Zivilisten und auch tschechisches Militär waren unterwegs, nach wilden Vertreibungen hatten inzwischen offiziell die Abschiebungen nach Deutschland begonnen. Nitsche durfte sich auf keinen Fall erwischen lassen. Durch ein Fenster kletterte er in die Stube, wo ein altes Kanapee und einige Stühle standen. Auf dem Tisch flackerte ein Öllämpchen, daran saßen seine Eltern, ängstlich und bekümmert. Seine Mutter flüsterte: „Man wird uns alles wegnehmen. Wir waren in keiner Partei, wir haben keinem Menschen etwas angetan.“ Sie weinte still vor sich hin.

Am anderen Morgen, noch bei Dunkelheit, musste Eduard Nitsche sein Elternhaus wieder verlassen, auf demselben Weg, wie er gekommen war – heimlich. Denn die Schlüssel für das Haus hatten bereits andere. Einige Monate später, war das Anwesen verschwunden, dem Erdboden gleich gemacht. Das Anwesen, in dem er im Winter die Schneeschuhe anschnallte und zum Ebersbacher Schlechteberg fuhr, um über die Spree hinüber nach Georgswalde zu grüßen oder im Sommer zu Wanderungen über die Grenze aufbrach.

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Dieses Erlebnis wirkte in Eduard Nitsche ein Leben lang nach, wenngleich er es erst im Januar 2011 als 83-Jähriger für die SZ protokollierte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits wie kaum ein anderer zur Geschichte der böhmisch-sächsischen Grenzregion im Oberland in Archiven und Bibliotheken geforscht, Zeitzeugen befragt, historische Aufnahmen zusammengetragen. Seine Recherchen bildeten den Grundstock für drei Bücher, die Eduard Nitsche, der mittlerweile in Neugersdorf am Eiskellerberg wohnte und viele Jahre für die Kultur im Lautex-Betrieb zuständig war, nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben schrieb.

Den Anfang machte 2001 „Im Tal zwischen Diebsstraße und Spree – Wenn Grenzsteine erzählen könnten“. Es hatte die schicksalsschweren Jahre von 1938 bis 1945 in Georgswalde, im heutigen Jirikov, und seiner Umgebung zum Inhalt. 2005/2006 folgten fast zeitgleich „Adolf Hitler im Grenzgebiet Oberlausitz-Böhmen“ und „Auf den Spuren von Dr. med. Robert Wanke“. Letztere Publikation war dem Initiator des Ebersbacher Krankenhausneubaus von 1929/30 gewidmet. Von seinem Geburtshaus in Georgswalde hatte Eduard Nitsche das Krankenhaus direkt im Blick gehabt. Bemerkenswert, dass seine umfassenden Dokumentationen, von denen einige im Selbstverlag erschienen, mehrfach aufgelegt wurden. Heute sind sie nur noch antiquarisch zu haben.

Eduard Nitsche lebte zuletzt in Dresden. Anfang dieses Monats, am 4. März, ist er im Alter von 93 Jahren verstorben.

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