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Fleisch für den Gaumen, Daunen für das Bett

Wer sich früher Gänse hielt, hatte nicht nur den Weihnachtsbraten im Sinn. Nach dem Schlachten kam das Federnschleißen, zum Beispiel in Herwigsdorf.

Von Bernd Dreßler
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Im November 1994 traf der Fotograf diese Gänse wenige Wochen vor ihrer „Verwandlung“ zum Weihnachtsbraten auf einer Wiese in Herwigsdorf.
Im November 1994 traf der Fotograf diese Gänse wenige Wochen vor ihrer „Verwandlung“ zum Weihnachtsbraten auf einer Wiese in Herwigsdorf. © SZ-Archiv/Peter Stache

Die Gänse sind verschwunden von ihren Wiesen da und dort in in den Dörfern in der südlichen Oberlausitz. Gut genährt durch die bewährte Haltung „In der Nacht im Stall – bei Tag auf der Weide“ sind auch bei einer Kleindehsaer Familie in diesen Tagen die Tiere ihrer Bestimmung zugeführt worden – ein wohlschmeckendes Mahl zu Weihnachten zu sein. Gerupft ohne weißes Kleid konnten sie bratfertig in die Röhre geschoben werden.

Im selben Dorf halfen 1986 viele fingerfertige Hände beim Federnschleißen.
Im selben Dorf halfen 1986 viele fingerfertige Hände beim Federnschleißen. © SZ-Archiv/Eberhard Sprigade

Während jetzt in die Gänseställe Ruhe einzieht, bis im kommenden Frühjahr die neuen Gössel kommen, war vor Jahren an eine Pause noch nicht zu denken: Das Federkleid wurde weiterverarbeitet, um damit ein wärmendes Bett oder Kopfkissen zu füllen. Doch zuvor mussten die geschlachteten Gänse schonend gerupft werden. Dazu wurden sie in ein nasses Tuch gewickelt und die Federn trocken gebügelt, was keine angenehmen Gerüche verbreitete. Ab Januar ging es in den Wintermonaten ans Federnschleißen, das heißt, der weiche Teil der Feder wurde vom Kiel getrennt, also geschleißt bzw. geschlitzt. Viele fingerfertige Hände waren dazu nötig. Die Gänsehalter holten sich zur Unterstützung meist Frauen ins Haus - Nachbarn, gute Bekannte, Sportfreundinnen. Und weil bei der Fingergymnastik „Geist und Mundwerk frei schweifen können“, wie es einmal ein Volkskundler formulierte, kam die Geselligkeit an den Federschleiß-Nachmittagen nicht zu kurz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wussten das auch die Mädchen und Frauen aus Vertriebenenfamilien zu schätzen. Für sie waren diese Zusammenkünfte gute Gelegenheit, in der neuen Dorfgemeinschaft heimischer zu werden.

Heutzutage würde man wohl sofort nach dem ökonomischen Nutzen des Federnschleißens fragen. Zum Beispiel: Wieviel Federn schaffte eine Frau an einem Nachmittag? Aber ließ sich das überhaupt messen? Ja, wie einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ zu entnehmen ist, der vor 35 Jahren erschien. Ein Reporter besuchte 1986 einen Federschleiß-Nachmittag in Herwigsdorf. Dort wurden gerade Entenfedern geschlissen. „15 langjährig bewährte Kräfte hatten an zwei Tagen jeweils von 13 bis 19.30 Uhr inklusive Kaffeetrinken mit den Federn von 30 Enten zu tun“, schrieb der Redakteur. Und er rechnete vor: „Eine Frau, so heißt es, schleißt in einer Woche ein Pfund Federn. Und ein Pfund Federn gewinnt man von zehn Enten“. Was die Gänse betreffe, so seien zehn Tiere nötig, um die Federn für ein Deckbett zu gewinnen. Diese Zahlenspiele führen letztlich zu einer Erkenntnis: Geschlissene Federn verkaufte niemand, sie blieben unbezahlbar.

Wohl auch wegen des enormen Aufwandes ist das Federnschleißen mittlerweile so gut wie ausgestorben. In Sachen Betten und Schlafen sorgen Gewerbe und Handel längst für genügend Angebote. Dabei hatte der Kalender „Sächsische Gebirgsheimat“ noch 1987 für diese manuelle Gewinnung wärmender Federn geworben: „In unserer Zeit ist Federnschleißen zu einer begehrten, von den Beteiligten freudig erwarteten Beschäftigung geworden, weil sie Gelegenheit bietet, in dörflicher Gemeinschaft zusammen zu sein.“ Über drei Jahrzehnte später liest sich diese Feststellung beinah so, als hätte man sie vor 100 Jahren geschrieben.

Geschickt werden die Federn von den Kielen getrennt. Letztere kamen auf den Kompost und waren ein guter Dünger für Gurken.
Geschickt werden die Federn von den Kielen getrennt. Letztere kamen auf den Kompost und waren ein guter Dünger für Gurken. © SZ-Archiv/Eberhard Sprigade