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Alles eine Frage der Ehre?

Warum ein Asylbewerber in Löbau einen anderen fast umbringt - und warum das Opfer sich noch immer bedroht fühlt.

Symbolfoto
Symbolfoto © dpa

Versuchter Mord heißt die schwerwiegende Anklage gegen einen heue 34-jährigen Tschetschenen, die Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu am Mittwoch vor dem Landgericht Görlitz vortrug. Dem beschuldigten fünffachen Familienvater, nach eigenen Angaben Schweißer, der zum Tatzeitpunkt mit seiner Familie in Weißwasser lebte, drohen damit bis zu 15 Jahre Freiheitsentzug. Ob ihm dies bewusst ist, kann nach dem ersten Verhandlungstag infrage gestellt werden.

Würgen bis zur Bewusstlosigkeit

Im Juni dieses Jahres, an seinem 34. Geburtstag, hatte der Tschetschene sein späteres Opfer, einen 22-jährigen Afghanen, in der Löbauer Wohnung der Freundin besucht. Er war mit Zug und Fahrrad aus Weißwasser angereist, schon mit der Absicht, einen Mord zu begehen, so heißt es in der Anklage. In der Wohnung soll der Tschetschene dem Afghanen erzählt haben, dass er in den Tagen zuvor von der Polizei kontrolliert und zu Boden gedrückt worden sei. Das wolle er seinem Gastgeber demonstrieren.

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Der Afghane ließ sich laut Anklage arglos darauf ein, drehte dem Tschetschenen den Rücken zu, wurde von ihm aber plötzlich zu Boden gebracht und gewürgt bis zur Bewusstlosigkeit. Außerdem wirft der Oberstaatsanwalt dem Angeklagten vor, sein Opfer mit Schlägen ins Gesicht traktiert zu haben. Erst als er glaubte, dass sein Opfer tot sei, habe er abgelassen und die Wohnung verlassen, so Matthieu. Der Afghane lebte aber noch, kam nach einer Weile wieder zu sich, konnte mit letzter Kraft Nachbarn alarmieren. Die Polizei wurde gerufen, der Afghane medizinisch im Krankenhaus versorgt. Zum Motiv heißt es in der Anklage, dass der Afghane sich schlecht über die Frau des Angeklagten oder über Tschetschenen im Allgemeinen geäußert haben soll. Der in seiner Ehre verletzte Angeklagte wollte sich dafür also rächen.

Etwas dazu sagen wollte der angeklagte Tschetschene zunächst nicht. Er entschied sich auf Frage des Vorsitzenden Richters Theo Dahm, ob er Angaben zum Tatvorwurf machen wolle, zu schweigen. Also wurde das Opfer als Zeuge aufgerufen. Der junge Mann, der im Schichtsystem in einer Bautzener Firma arbeitet, bereits sehr gut Deutsch spricht und mit seiner schwangeren Frau nach wie vor in Löbau lebt, erzählte vor Gericht, dass er den Angeklagten aus dem Löbauer Asylbewerberheim kenne, dass sie dort beste Kumpel gewesen seien, auch gegen Widerstände aus den jeweiligen Volksgruppen. Afghanen fragten, wieso er mit einem Tschetschenen befreundet sei, das seien doch alles Terroristen. Und andersherum war es wohl ähnlich. Aber er habe der Familie geholfen, unter anderem beim Übersetzen und Ausfüllen von Formularen. Der Angeklagte sei täglich bei ihm im Zimmer gewesen. Das sei ein herzensguter Mensch, der aber mit Drogen aggressiv und wütend werde. Aber er sei immer gut mit ihm ausgekommen.

Mit Angriff des Freundes nicht gerechnet

Etwa zwei Monate vor der Tat habe er den Tschetschenen nicht gesehen, weil der mit seiner Familie nach Weißwasser gezogen war, erzählte er vor Gericht. An jenem Tag im Juni sei er plötzlich bei ihm aufgetaucht. In der Wohnung habe er ihm die Geschichte mit der Polizei erzählt und gesagt, er wolle das mal demonstrieren. Sprachlich war die Verständigung nicht so perfekt. "Ich habe ihm vertraut, schließlich waren wir beste Freunde, und habe mich umgedreht." Er sei auch freiwillig mit zu Boden gegangen, dann habe der Tschetschene plötzlich zugedrückt. Er habe noch versucht, den Namen des Angreifers zu rufen und mit den Beinen zu treten, aber vergeblich. Dann sei alles Schwarz geworden.

Als er wieder zu sich kam, habe er große Schmerzen und Probleme gehabt, zu atmen. Dann beschrieb der Afghane, wie er sich eine Etage tiefer schleppte und einen Nachbarn alarmierte, er immer wieder das Bewusstsein verlor, erst die Polizei wahrnahm und später die Ärzte im Krankenhaus. Er habe mehrere Operationen hinter sich. Und noch schlimmer: Er habe Angst, um sich und vor allem um seine schwangere Frau. Er habe Anrufe vom Angeklagten aus dem Gefängnis (!) erhalten, außerdem von Tschetschenen, die ihn mal "sprechen" wollten. Und er habe ein Auto mit verdächtigen Menschen in seiner Wohnortnähe beobachtet.

Angeklagter gibt das Würgen zu

Der Angeklagte, der auf seinem Stuhl immer unruhiger wurde, wollte sich dann rechtfertigen und verließ, ununterbrochen von seiner Verteidigerin, die abgesprochene Verteidigungsstrategie. Er habe von Dritten gehört, dass der Afghane seine Frau als "Nutte" bezeichnet habe, und sei auch überzeugt gewesen, dass er etwas von ihr wolle. Er habe das wegen der alten Freundschaft aus dem Weg räumen wollen und mit dem Afghanen sprechen und ihn mit seiner Partnerin zur Geburtstagsfeier am Abend nach Weißwasser einladen wollen.

In der Wohnung sei es dann zum Streit gekommen, der Afghane habe ihn mit einem Löffel bedroht. Seine Handlung danach sei Notwehr gewesen, aber er habe zu sehr zugedrückt, das falsch eingeschätzt. Als er gemerkt habe, dass sein Freund bewusstlos war, habe er ihn hingesetzt, den Schaum vom Mund gewischt, etwas zu trinken gegeben, sich entschuldigt und gebeten, der alten Freundschaft und der Kinder zuliebe nichts der Polizei zu sagen. Dann sei er völlig aufgewühlt aus der Wohnung, habe aber das Handy des Opfers mitgenommen und weggeworfen, weil er sich nicht so sicher war, ob der Afghane nicht doch die Polizei rufen würde. Dann sei er zurück nach Weißwasser gefahren und habe mit seinen Kindern Geburtstag gefeiert. Aber der Afghane habe ihn ja dann doch verraten. Der Tschetschene wurde verhaftet.

Tschetschenisches Mordkommando gestoppt?

Noch etwas Interessantes kam zur Sprache: Während der Afghane als Zeuge seine Angst vor den Tschetschenen etwas diffus schilderte, rutschte dem Angeklagten raus, dass die Tschetschenen einen "Schwur" geleistet hätten, und: "Ich habe die Leute, die Dich umbringen wollten, doch zurückgepfiffen." Die Ausländerbehörde sollte über den Antrag des Afghanen und seiner Partnerin, wegziehen zu dürfen, noch einmal neu nachdenken.

Das Gericht setzt die Verhandlung mit weiteren Zeugenaussagen, einem psychiatrischen (über den eventuellen Einfluss von Drogen) und einem rechtsmedizinischen Gutachten fort. Weitere Verhandlungstage sind am 16. und 17. Dezember angesetzt.

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