merken
PLUS Löbau

Das Spreequell-Ehrenmal wird 100

Einen Fluss-Ursprung mit dem Gedenken an Kriegstote zu vereinen – das gelang 1921 auf dem Kottmar.

Die Kottmar-Spreequelle mit dem Lusatia-Ehrenmal, gezeichnet von Adolf Schorisch. Vor 100 Jahren, am 4. September 1921, war Einweihung. 35 Jahre zuvor, am 4. September 1886, war die Quelle erstmals gefasst worden.
Die Kottmar-Spreequelle mit dem Lusatia-Ehrenmal, gezeichnet von Adolf Schorisch. Vor 100 Jahren, am 4. September 1921, war Einweihung. 35 Jahre zuvor, am 4. September 1886, war die Quelle erstmals gefasst worden. © Repros: SZ

Vorigen Sonnabend sollte an der Spreequelle auf dem Kottmar alles sein wie immer, als bei schönem Wetter Wanderer oder Radler hier Pause machten. Oder doch nicht?. Schließlich ist dieser 4. September 2021 für die höchstgelegene der drei Spreequellen ein ganz besonderer Tag gewesen: Vor 100 Jahren wurde die gekonnte architektonische Verbindung von neuer Quellfassung und Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder des Lusatia-Verbandes feierlich eingeweiht.

Die Idee für eine solche Gedenkstätte beanspruchte ursprünglich der Zittauer „Globus“ für sich, seinerzeit der führende Lusatia-Verein. Auf dem Hochwald sollte das Denkmal seinen Platz finden. „Aber ist das der richtige Ort?“, fragten andere Vereine und setzten sich mit ihren Bedenken durch. „Nunmehr ist der Kottmar, der in gewissem Sinne das Herz der Lausitzer Bergwelt bildet, dazu ausersehen, dem Denkmal eine Heimstätte zu bieten“, schrieb die „Oberlausitzer Heimatzeitung“ im Dezember 1920, als sie den Entwurf des bekannten Zittauer Architekten Richard Schiffner vorstellte. Die Quelle werde einige Meter oberhalb ihres jetzigen Platzes eine ansprechende Brunnenfassung erhalten, um die sich wuchtiges Mauerwerk aus behauenen Phonolitblöcken in der Gestalt eines offenen Halbkreises auftürmen werde, informierte das Blatt.

Anzeige
Sachbearbeiter Bauleitung gesucht!
Sachbearbeiter Bauleitung gesucht!

Die SOWAG mbH Zittau sucht im Bereich Investitionen und Genehmigungswesen zum 1.1.2022 eine/n Sachbearbeiter/in Bauleitung (m/w/d). Jetzt bewerben!

Quer über die Schauseite laufe ein Band aus poliertem Granit, das von zwei Kriegerköpfen im Stahlhelm begrenzt werde. Unter der Widmung „Unseren Gefallenen – Verband Lusatia“ seien die Namen der Orte zu lesen, an denen die Verbandsvereine ihren Sitz haben. Die Stadt Löbau als Waldbesitzer stelle den Baugrund und die Rohstoffe für das 15.000 Mark teure Projekt zur Verfügung, die Lusatia bemühe sich um viele Spenden, hieß es.

Das Bild zeigt den ersten Entwurf des Denkmals. Bänke sind hier noch innerhalb des Halbkreises angeordnet. Um Beschädigungen und Vandalismus vorzubeugen, wurde das Projekt geändert und durch einen Teich das Betreten des Innenraumes verhindert.
Das Bild zeigt den ersten Entwurf des Denkmals. Bänke sind hier noch innerhalb des Halbkreises angeordnet. Um Beschädigungen und Vandalismus vorzubeugen, wurde das Projekt geändert und durch einen Teich das Betreten des Innenraumes verhindert. © Repros: SZ

Die Einweihung selbst muss erhebend gewesen sein. Die Männergesangvereine aus Kottmarsdorf und Walddorf traten auf, ein eigens geschriebenes Festgedicht wurde vorgetragen, die Weiherede und viele Grußansprachen gehalten. Hunderte müssen sich an der Quelle und ihrer Umgebung eingefunden haben, die anschließend zu Turm und Baude hinaufzogen, um weiter zu feiern, denn welch sinniger Zufall: Der Kottmarturm beging zeitgleich seinen 40. Geburtstag. Diese „heimatliche Doppelfeier auf dem Kottmar“, wie eine lokale Zeitung titelte, sollte in künftigen Jubiläumsjahren Tradition werden. So fand zum Beispiel am 6. September 1931 am Nachmittag eine Feier am Turm und am Abend eine an der Quelle statt.

Auch nach ihrer Wiedergründung nach 1990 knüpfte die Lusatia daran an. Bisher letztmalig wurde der Doppelgeburtstag 2011 begangen, mit einem Waldgottesdienst an der Quelle und einer geselligen Veranstaltung auf dem Plateau zwischen Turm und da bereits geschlossener Baude, wie sich der langjährige ehemalige Vorsitzende des Lusatia-Verbandes Joachim Golbs (Jahrgang 1931) aus Obercunnersdorf erinnert.

Die Spreequelle in 478 m Höhe am Kottmar-Westhang ist aber nicht nur Gedenkort für Kriegsgefallene. Gleichermaßen wird sie als Ursprungsort eines Flusses wahrgenommen, der in seinem rund 400 km langen Lauf bis zur Havel-Mündung in Berlin-Spandau wie ein geografisches Band die Oberlausitz mit der Hauptstadt verbindet. Die Neugersdorfer Steinmetzfirma Hebold meißelte das 1984 in Stein, der Besuchern seitdem willkommene Orientierung ist. Und der Stein dürfte auch Pate gestanden haben, als nach 1990 die Idee geboren wurde, die Spreeanrainer auf den Quellberg Kottmar zu locken und mit ihnen gemeinsam zu feiern. Sänger, Tanzgruppen, Dixieland-Formationen oder Blasorchester, ob aus Bautzen, Spremberg, Cottbus oder Berlin – sie alle gestalteten von 1994 bis 2001 an der Baude oder am Skiheim große Programme, die jedoch immer teurer wurden und schließlich leider nicht mehr bezahlbar waren.

Schwer zu finden ist die Quelle nicht.
Schwer zu finden ist die Quelle nicht. © Bernd Dreßler
Seit dem 7. Oktober 1984 kann der Besucher den Lauf der Spree bis zur Mündung auf diesem Stein verfolgen.
Seit dem 7. Oktober 1984 kann der Besucher den Lauf der Spree bis zur Mündung auf diesem Stein verfolgen. © Bernd Dreßler
Viel Gaudi gibt es bei den Taufen, die der Heimat- und Humboldtverein Eibau Besuchern anbietet.
Viel Gaudi gibt es bei den Taufen, die der Heimat- und Humboldtverein Eibau Besuchern anbietet. © Bernd Dreßler
Eine Dixieland-Band aus Cottbus 1994 am Skiheim. Sie gehörte zu den Stimmungsmachern bei den Spreequellfesten, die von 1994 bis 2001 stattfanden.
Eine Dixieland-Band aus Cottbus 1994 am Skiheim. Sie gehörte zu den Stimmungsmachern bei den Spreequellfesten, die von 1994 bis 2001 stattfanden. © Bernd Dreßler

Und wer in jüngerer Zeit über die Spreequelle spricht, schwärmt auch von den Spreequell-Taufen. Als nach 1990 die FDGB-Urlauberbetreuung wegbrach, waren neue Ideen gefragt, um Touristen zu locken. Die humorvolle Taufe von Besuchern mit Spreequellwasser war eine solche. Unvergesslich, wie der Neugersdorfer Frank Stricker als Zwerg Gerbod mit seinem übergroßen Schnauzer dabei agierte. „Der Täufling musste nur seinen Vornamen nennen, und schon reimte Stricker aus dem Stegreif in Sekunden einen passenden Vierzeiler“, weiß Frank Münnich, langjähriger Bürgermeister von Walddorf.

Schön, dass die Spreequell-Taufen nach wie vor über den Heimat- und Humboldtverein Eibau angeboten werden. Gerd Kamjonka, unterstützt von weiteren Vereinsmitgliedern, gibt jetzt den Gerbod. Nachfragen gibt es nach wie vor, in letzter Zeit vor allem von Kindergärten.

Der 100. Geburtstag des Spreequell-Ehrenmals dagegen scheint nur in wenige Kalender eingetragen worden zu sein. Etliche Insider, die es wissen müssten, zuckten auf SZ-Nachfrage bedauernd mit den Schultern. Der Lusatia-Verband allerdings verlor das Jubiläum nicht aus den Augen. Gemeinsam mit weiteren wichtigen Oberlausitz-Gedenktagen sollte es gefeiert werden. Doch dann kam Corona. Feiern verbot sich. „Wir werden überlegen, ob wir das in geeigneter Weise nachholen können, zumal der Kottmarturm taggleich 140 wird“, sagt Dr. Gabriele Lang aus Großpostwitz, die amtierende Verbandsvorsitzende. Direkt an Turm und Baude dürfte das langfristig jedoch kaum möglich sein. Ein Ort zum Gruseln eignet sich nicht für ein Fest.

Anmeldungen zur Spreequell-Taufe: Frau Renschen, 03586702045

Mehr zum Thema Löbau