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Gericht bezweifelt "Giftauto"-Vorwurf

Gerlind Nitzsche aus Neusalza ist überzeugt, dass ein Fahrzeug sie und ihre Söhne in Lebensgefahr gebracht hat. Die Familie leidet noch heute.

Gerlind Nitzsche ist überzeugt, dass der gebraucht gekaufte Fiat sie und ihre Söhnen Robin (l.) und Henrik schwer vergiftet hat.
Gerlind Nitzsche ist überzeugt, dass der gebraucht gekaufte Fiat sie und ihre Söhnen Robin (l.) und Henrik schwer vergiftet hat. © Archivfoto: Markus van Appeldorn

Gerlind Nitzsche aus Neusalza-Spremberg sieht ihr Lebensglück und das ihrer beiden Söhne zerstört. Kurz nachdem sie im Sommer 2015 bei einem Löbauer Autohaus einen gebrauchten Fiat Qubo gekauft hatte, traten bei der Familie rätselhafte Krankheitssymptome auf - Schwindel, Kopfschmerzen, Nasenbluten, extremer Gewichtsverlust. Schon bald ahnte die Mutter: Es könnte an einer defekten Abgasanlage des Autos liegen. Ein Dresdner Arzt diagnostizierte bei ihrem älteren Sohn nach einer Ärzte-Odyssee eine lebensbedrohliche chronische Vergiftung mit Autoabgasen. Nitzsche verklagte das Autohaus auf Schmerzensgeld. Ein vom Gericht beauftragtes Gutachten zu dem Auto machte ihr Hoffnung auf Erfolg - doch das Gericht scheint dieses Gutachten anders zu interpretieren.

Am Montagmorgen kam es vor dem Landgericht Görlitz zum zweiten Termin in dem Schadenersatzprozess. Am Rande des Verfahrens berichtet Gerlinde Nitzsche SZ bekümmert von ihren Söhnen. "Robin musste ich in eine Förderschule geben, weil er solche Gedächtnisstörungen hat und sich nur sehr schwer konzentrieren kann", erzählt sie. Der Übertritt in eine Regelschule sei dem Elfjährigen daher nicht möglich gewesen. Ihr mittlerweile 20-jähriger Sohn Henrik konnte damals wegen seiner dauernden Fehlzeiten nicht das Abitur an der Schkola ablegen. "Er hat jetzt schon mehrere Ausbildungen nach kurzer Zeit wieder abbrechen müssen, weil er so oft krank ist", schildert Nitzsche. Ihr Anwalt Karl-Heinz Drach ist überzeugt: "Das sind noch alles Nachwirkungen der Vergiftung."

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Gutachten bestätigt Defekt grundsätzlich

Nach einem ersten Prozess-Termin im Januar 2019 hatte das Landgericht ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es sollte untersuchen, ob das Fahrzeug einen Mangel aufweise, aufgrund dessen giftige Stickoxide in das Fahrzeuginnere gelangen können.

Die dazu vom Gutachter getroffenen Aussagen lesen sich ziemlich eindeutig. Er stellte eine undichte Verbindung zwischen Dieselpartikelfilter und Abgas-Turbolader fest. "Dies führt zwangsläufig dazu, dass Dieselabgas, welches NOx (Stickstoffoxide - d. Red.) enthält, über die Lüftung in den Fahrzeuginnenraum gelangt", heißt es in dem Gutachten.

Die rechtserhebliche Frage ist nun aber auch: Wann ist diese Undichtigkeit entstanden und ist das verklagte Autohaus dafür verantwortlich? Tatsächlich wurde in der Werkstatt des Autohauses im Dezember 2016 der Turbolader ausgetauscht. Bei der Demontage stellte der Gutachter fest, dass dabei ein neues Dichtungs-Ersatzteil verbaut wurde, das bei Begutachtung mit einer Rußschicht überzogen gewesen sei. Das sei "ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Dichtfunktion nicht gegeben gewesen ist", heißt es dazu in dem Gutachten und: "Eine von den Herstellervorgaben abweichende Befestigung der Flanschverbindung Dieselpartikelfilter - Abgasturbolader ist zum Zeitpunkt der Untersuchung im Rahmen der Gutachtenerstellung gegeben."

Gericht bezweifelt Auswirkungen des Defekts

Eine weitere entscheidende Frage ist: Wie erheblich war dieser Mangel und kann er tatsächlich zu solch schwerwiegenden Folgen wie von Gerlind Nitzsche behauptet geführt haben? Rechtsanwalt Drach sieht die Behauptungen seiner Mandantin durch das Gutachten bestätigt. Der Richter indes deutete an, zu einer anderen Interpretation des Gutachtens zu tendieren. Der Richter stellte eher auf einen ebenfalls begutachteten Schaden des Dieselpartikelfilters als mögliche Ursache für das Entweichen von Abgas ab.

Dieser Defekt aber liege nicht in der Verantwortung des verklagten Autohauses. Zudem zweifelte der Richter daran, dass durch den festgestellten Defekt "Emissions-Belastungen" in dem von der Klägerin behaupteten Ausmaß entstehen könnten. Bei einer längeren Probefahrt mit vier Insassen im Rahmen der Begutachtung hätte sich diese Symptomatik auch nicht gezeigt, argumentierte der Anwalt des Autohauses. "Niemand hat Gestank wahrgenommen", sagte er. Ein Argument, das Gerlind Nitzsche nicht gelten lassen wollte: "Die hatten ja auch alle Fenster auf. Wir sind hinterher gefahren und haben das gefilmt", sagte sie im Prozess.

Das Gericht will sein Urteil am 18. Dezember verkünden.

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