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Ein Meister heiterer Bühnenstücke

Vor 125 Jahren wurde in Lawalde der Mundartdichter Gustav Bayn geboren. Zehn Jahre war er auch Bürgermeister. Seine Werke werden bis heute aufgeführt.

Vor sechs Jahren führte eine Lückendorfer Theatergruppe Gustav Bayns lustigen Einakter „Wurscht wieder Wurscht“ auf. Die Erkenntnis, dass Medizin auch aus schlagenden Argumenten bestehen kann, strapazierte damals die Lachmuskeln.
Vor sechs Jahren führte eine Lückendorfer Theatergruppe Gustav Bayns lustigen Einakter „Wurscht wieder Wurscht“ auf. Die Erkenntnis, dass Medizin auch aus schlagenden Argumenten bestehen kann, strapazierte damals die Lachmuskeln. © Thomas Eichler (Archiv)

Lawalde hat ein Dichterhaus. Es steht etwas abseits auf einer Anhöhe. Wer nach Dürrhennersdorf fährt, kann es kurz hinter dem Ortsausgang linker Hand sehen. Hier wurde vor 125 Jahren, am 2. November 1895, der Mundartpoet Gustav Bayn als Sohn von Hauswebern geboren.

Der Weg dieses Oberlausitzer Jungen zum Dichter war bemerkenswert. Schon in der Schule startete er erste Schreibversuche. Den letzten Anstoß, die Feder nicht mehr aus der Hand zu legen, muss ihm der Bauernroman „Der Büttnerbauer“ von Wilhelm von Polenz gegeben haben, den er im letzten Schuljahr las. Als er mit 17 sein erstes Gedicht verfasste, es war ein Kirchenlied, ahnte Gustav Bayn nicht, dass er es einmal auf ein Werksverzeichnis bringen würde, von dem viele Schriftsteller nur träumen können. Allein von 1928 bis 1963 schrieb er ungefähr 140 Gedichte, über 40 Bühnenstücke, Schwänke und Singspiele sowie Erzählungen, Novellen und Skizzen, die meisten in Mundart.

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Dabei wollte er anfangs gar nicht in die Öffentlichkeit. „In seiner großen Bescheidenheit erfuhr niemand etwas von seinem Schaffen in der Stille, höchstens seine nächsten Verwandten“, heißt es in einem Beitrag über sein Leben und Schaffen. Bis er einmal in lustiger Gesellschaft das Gedicht „De Kirmstmohlst“ (Die Kirmesmahlzeit) vorgetragen habe, wofür er „donnernden Beifall“ erntete. Das war der Durchbruch, der Heimatdichter Bayn war entdeckt. Seine Gedichte offenbaren Oberlausitzer Bodenständigkeit, Heimatliebe, Naturverbundenheit, Menschenkenntnis und viel Humor. Man spürt, wie der Lawalder den Leuten „aufs Maul“ geschaut hat, wie belesen er auch war.

Gustav Bayns Geburtshaus an der Rosenstraße in Lawalde. Als die Linde wegen zu großer Höhe am 17. Juli 1954 gekappt werden musste, widmete er ihr einen Tag später das Gedicht „Meine aale Linde“.
Gustav Bayns Geburtshaus an der Rosenstraße in Lawalde. Als die Linde wegen zu großer Höhe am 17. Juli 1954 gekappt werden musste, widmete er ihr einen Tag später das Gedicht „Meine aale Linde“. © Repros

Hinzu kam, dass Bayn das Talent hatte, scheinbar alltägliche Dinge so zu dramatisieren, dass sie sich auf der Bühne aufführen ließen. Nachdem er 1928 einen Ferkelkauf in Szene gesetzt hatte, wurde er bedrängt, auch größere Stücke zu schreiben. Das gelang. Der 1931 entstandene Einakter „Dr Wunderduckter“ brachte es auf die Rekordzahl von 490 Aufführungen, gefolgt von den 1935 geschriebenen „Nubbersch-weiber“ (Nachbarsfrauen) mit 260.

Gustav Bayn sparte mit Humor und Ironie auch den DDR-Alltag nicht aus: Als eine Dorfbewohnerin von Verwandten „aus dem Westen“ eine Hose für den Schuleintritt ihres Jungen erwartet, stellt sich beim Auspacken heraus, dass das gute Exemplar in Seifhennersdorf produziert wurde. Die Lawalder Heimatspielschar hat dazu beigetragen, viele Stücke Gustav Bayns einem großen Publikum zu zeigen.

Die Vielseitigkeit Gustav Bayns erschöpfte sich damit aber immer noch nicht. Unter dem Titel „Aus der Heimat-Vergangenheit“ brachte er eine Ortschronik von Lawalde zu Papier, die den Zeitraum von 1290 bis 1946 erfasste. Und schließlich wären noch Reden zu Festen, Feiern und Staatsfeiertagen zu nennen, denn – Gustav Bayn war auch Bürgermeister von Lawalde, zehn Jahre lang, in der Nachkriegszeit von 1948 bis 1958. Es muss ein glücklicher Moment in seiner Amtszeit gewesen sein, als er im Herbst 1957 den rekonstruierten Kretschamsaal einweihen und zupackende Aufbauhelfer auszeichnen konnte. Zuvor hatte die Gemeinde das dem Verfall preisgegebene Haus erworben. Gustav Bayn und der spätere Bürgermeister Werner Bader unterschrieben den Kaufvertrag. Es ist nicht alltäglich, auf so viele Fakten und Geschichten aus dem Leben eines Heimatdichters zurückgreifen zu können. 

Der junge Gustav Bayn (li.) und als Rentner. Der Heimatdichter starb am 21. November 1974 wenige Wochen nach seinem 79. Geburtstag. Die Aufnahmen wurden dem Band „Aberlausitz mei Poaradies“ entnommen.
Der junge Gustav Bayn (li.) und als Rentner. Der Heimatdichter starb am 21. November 1974 wenige Wochen nach seinem 79. Geburtstag. Die Aufnahmen wurden dem Band „Aberlausitz mei Poaradies“ entnommen. © Repro

Doch Gustav Bayns Urenkelin Manuela Stolle wollte gemeinsam mit Elise Jäckel, Bayns damals noch lebender Tochter, vor über zehn Jahren den nicht erschlossenen Nachlass ihres Urgroßvaters allen Interessierten zugänglich machen. So wurden dessen handschriftlichen Aufzeichnungen (meist mit Bleistift auf dünnem Schreibmaschinenpapier geschrieben) aufwendig aufgearbeitet und 2008 in einem Buch des Oberlausitzer Verlages unter dem Titel „Äberlausitz mei Poaradies – Gustav Bayn“ zusammengefasst. Ohne die Unterstützung des Fremdenverkehrsvereins „Am Hochstein“ wäre das nicht möglich gewesen. „Fast ein Jahr lang war eine Schar Engagierter damit beschäftigt, alles zu sichten, zu sortieren, abzuschreiben und am PC zu erfassen“, beschrieb Frau Stolle die Mühen beim Entstehen des Buches, das inzwischen vergriffen ist.

Der Band hat viele Leser gefunden und inspiriert. Ingrid Weidner von der Laienspielgruppe Lückendorf gehörte dazu. Und sie wurde zum Bayn-Fan. Vor zehn Jahren brachten die Lückendorfer erste Stücke des Heimatdichters auf die Bühne. „Ich finde seine Werke einfach sehr lustig“, begründete Frau Weidner ihre Wahl. Eines muss es ihr besonders angetan haben: der 1965 geschriebene Einakter „Wurscht wider Wurscht“. Er war noch nie aufgeführt worden. Das sollte sich ändern. Im Mai 2014 hatte er beim Lückendorfer Lindenfest Premiere. Ein hoffnungsvolles Zeichen, dass Gustavs Bayns Schaffen nicht in Vergessenheit gerät.

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