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"Es gibt keine Zensur"

Thomas Mielke, SZ-Lokalchef Löbau/Zittau, beantwortet zum 75. Geburtstag der SZ Fragen von Ebersbach-Neugersdorfs Bürgermeisterin Verena Hergenröder.

Ebersbach-Neugersdorfs Bürgermeisterin Verena Hergenröder interviewt Thomas Mielke, SZ-Lokalchef Löbau/Zittau.
Ebersbach-Neugersdorfs Bürgermeisterin Verena Hergenröder interviewt Thomas Mielke, SZ-Lokalchef Löbau/Zittau. © Rafael Sampedro

Normalerweise befragt der Journalist den Politiker. Im Lokalteil der SZ betrifft das unter anderem regelmäßig Interviews von Redakteuren mit Bürgermeistern. Zum 75. Geburtstag der SZ haben wir den Spieß ausnahmsweise umgedreht. Ebersbach-Neugersdorfs Bürgermeisterin Verena Hergenröder (parteilos) hat Thomas Mielke, Chef der Lokalausgabe Löbau/Zittau, zu allem befragt, was sie über die SZ wissen wollte.

Herr Mielke, wie im Leben eines Menschen: Was bedeuten 75 Jahre Sächsische Zeitung?

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Wir haben 75 Jahre lang, in zwei Gesellschaftssystemen versucht, die Informationsbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Das war zu DDR-Zeiten sicher ganz anders als heute, von den Themen, vom Tempo, von der Zensur... Da hat sich in den letzten 30 Jahren vieles zum Guten gewendet. Wir Journalisten haben im heutigen System weitgehende Rechte und profitieren von der Meinungsfreiheit.

Zu DDR-Zeiten war das Neue Deutschland eine SED-Zeitung. Die SZ auch?

Ja, die für den Bezirk Dresden.

Gibt es heute eine Zensur?

Nein. Natürlich versuchen zum Beispiel Politiker Interviews bei der Autorisierung zu schönen. Aber es ist unsere Aufgabe, das zu verhindern. Keine Bundesregierung, kein Landrat, keine wie auch immer geartete Behörde kann uns vorschreiben, welche Themen wir aufgreifen und wie wir sie veröffentlichen. Die einzigen beiden Institutionen, die uns - im Nachhinein - bestrafen können, sind Gerichte und der Presserat, auf Basis der Gesetze und des Pressekodex'. In erster Linie sind wir unserem Gewissen und den Lesern, die unsere Arbeit bezahlen, verpflichtet.

Gibt es Vorgaben für Themen? Und eine Aufteilung, welche Ressorts wie viele Seiten belegen, also eine Gewichtung?

Ja, es gibt die klassischen Ressorts von der Politik bis zum Lokalen. Sie haben feste Plätze in der Zeitung.

Ich habe wie andere Leser den Eindruck: Wenn in den einzelnen Ressorts nicht genügend Artikel da sind, wird das durch Werbung ausgeglichen. Stimmt das?

Nein. Zum einen sind die Anzeigen Verlagssache und haben nichts mit der Redaktion zu tun. Wir bekommen in der Regel Zahl und Größe der Anzeigen mitgeteilt und bauen die Artikel um die Anzeigen herum. Zum anderen ist die Zahl der Anzeigen in den letzten Jahren zurückgegangen. Allerdings wollen immer mehr Werbetreibende in den Lokalteil, weil sie sich davon die größte Webewirkung versprechen. Der Eindruck, dass im Lokalteil vergleichsweise viele Anzeigen stehen, täuscht also nicht.

Wie viele Abonnenten und Leser hat die SZ?

Wir hatten Ende 2020 183.000 Zeitungs- und E-Paper-Abonnenten. Das entspricht über 400.000 Lesern. Online sind es - noch - deutlich weniger Abonnenten, aber schon weit mehr Leser, weil im Internet einige Artikel kostenlos zu lesen sind. Exklusive Inhalte muss der User aber genau wie der Zeitungsleser im Abonnement kaufen. Im digitalen Bereich wachsen wir, während wir bei Print vor allem wegen der Altersstruktur der Leser schrumpfen.

Ich bin eine klassische Zeitungsleserin. Meine Hochachtung haben die Zeitungszusteller, die mir bei Wind und Wetter die Zeitung nach Hause in den Briefkasten bringen. Wie viele sind das?

Allein im Bereich Löbau/Zittau über 300.

Wie schauen Sie dem "Volk aufs Maul", wie kommen Sie an die Informationen?

Über verschiedene Wege. Wir bekommen täglich Pressemitteilungen von Behörden, Vereinen, Verbänden, Firmen. Die scanne ich auf relevante Themen. Leser und andere Menschen wenden sich mit Fragen und Problemen an uns, die wir aufgreifen, wenn sie für eine breite Öffentlichkeit relevant sind. Über die Anregungen freuen wir uns sehr. Es gibt damit aber auch ein Problem: Menschen wenden sich meist mit Ärger, Sorgen und Kritik an uns. Wir bekommen also die negativen Themen frei Haus geliefert. Dabei berichten wir auch sehr gern über Positives aus unserer Heimat und wissen, dass das von den Lesern gut angenommen wird. Wir können es uns aber nicht aus den Rippen schneiden. Wir suchen gezielt danach und bitten Behörden, Firmen und andere immer wieder, uns darüber zu informieren. Sie können sich denken, welche Themen trotzdem überwiegen. Darüber hinaus nehmen wir auf der Suche nach Themen an vielen Veranstaltungen vom Stadt- und Gemeinderat bis zur Einweihung neuer Bauten teil. Zudem sind wir mit vielen Multiplikatoren im Gespräch. Nicht zuletzt wohnen alle Redakteure in der Region und gehen mit offenen Augen durchs Leben.

Das klingt sehr zeitaufwendig. Haben Sie einen Acht-Stunden-Tag?

Das Leben findet nicht zwischen 8 und 16 Uhr statt. Meine Mitarbeiter müssen zeitlich sehr flexibel sein, gerade in Online-Zeiten, in denen man 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche veröffentlichen kann. In der Regel erreichen Sie in der SZ-Redaktion zwischen 5 und 23 Uhr immer jemanden, ganz früh und ganz spät allerdings nur im Dresdner Haupthaus. Für die Mitarbeiter gilt, was für die meisten anderen Arbeitnehmer auch gilt: Sie haben einen Acht-Stunden-Arbeitstag und bauen Überstunden an anderen Tagen wieder ab.

Woher kommen die Fotos?

Wir haben Fotografen unter Vertrag, die wir beauftragen. Darüber hinaus bekommen wir auch von anderen wie unseren Lesern Bilder angeboten.

Gibt es Themen, bei denen Sie sagen, da zieht es mir die Füße weg, da bin ich schockiert und betroffen? Zum Beispiel bei Kindesmisshandlung?

Solche Situationen gibt es immer wieder. Ich versuche aus Selbstschutz vor allem die schweren persönlichen Schicksalsschläge auszublenden.

Ist es Ihr Auftrag, solche Einzelschicksale so zu vermitteln, dass Sie Sensibilität schaffen? Oder bedienen Sie nur die Sensationslust der Leser?

Unser vom Gesetz definierter Auftrag lautet: "Die Presse dient dem demokratischen Gedanken im Sinn des Grundgesetzes." Und: "Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe, indem sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt." Einen pädagogischen Auftrag, die Leser zu erziehen, haben wir nicht.

Aber vielleicht aufmerksamer zu machen.

Wenn das das Ergebnis ist, haben wir viel erreicht.

Hat die SZ hier in der Region einen Lieblingsbürgermeister?

Nein.

Wie müsste der Ideal-Bürgermeister für Journalisten sein?

Ich wünsche mir vor allem, dass er professionell mit uns zusammenarbeitet. Bürgermeister und Journalisten können sich trotz ihrer unterschiedlichen Aufträge nicht aus dem Weg gehen. Da bleiben Reibereien nicht aus. Aber es kann nicht soweit gehen wie neulich, als ich erst einen Anwalt einschalten musste, bis ein Bürgermeister uns die angefragte Auskunft gab. Mir ist wichtig, dass unsere Fragen zeitnah und aufrichtig beantwortet werden und Ärger schnell und auf kurzem Weg an mich zurückgespielt wird. Wenn wir einen Fehler gemacht haben, stehen wir dazu und berichtigen ihn.

Bei uns in den Städten und Gemeinden ist die Bürgerbeteiligung wichtig. Wie ist das bei der Zeitung? Haben Sie zum Beispiel Jugendprojekte?

Junge Leute können ab einem Mindestalter bei uns ein Praktikum machen. Wir bilden auch selber aus. Auf Anfragen von Schulen machen wir Führungen in den Redaktionen und halten Vorträge. Aber große Projekte wie früher die Jugendseite oder "Zeitung in der Schule" haben wir ausgesetzt, weil Aufwand und Nutzen nicht zueinander passen. Wir konzentrieren uns auf unsere Leser. Wir kommunizieren mit ihnen auf verschiedenen Wegen vom klassischen Brief bis zum Facebook-Kommentar. Wir haben sogar einen Leserbeirat gegründet, der uns regelmäßig die Leviten liest.

Wie kam es dann zu Kruschel, der Kinderzeitung?

Das ist die Zeitung eines Partnerunternehmens, die wir nur vertreiben.

Das hatte nichts damit zu tun, über die Kinder Ältere zu animieren, sich die SZ zu holen?

Nein.

Apropos Leser-Meinung: Ich stelle mir vor, dass es schwer ist, die richtige Auswahl bei Leserbriefen zu treffen. Man hört schon den Vorwurf der Einseitigkeit und die Bevorzugung einzelner Schreiber. Wie wählen Sie aus?

Im Haupthaus ist das tatsächlich schwierig, weil dort sehr, sehr viele Leserbriefe eingehen. Bei uns im Lokalen nicht. Wir veröffentlichen im Prinzip alles, was eingeht. Es gibt nur wenige Ausnahmen, über die ich entscheide. Grundsätzlich veröffentlichen wir keine anonymen Leserbriefe, weil alle mit offenem Visier kämpfen sollten. Auch strafrechtlich relevante Inhalte wie Beleidigungen, falsche Tatsachenbehauptungen und Vorwürfe, die nicht haltbar sind, drucken wir nicht. Ich habe auch schon - gerade jetzt in der Corona-Krise - die Veröffentlichung abgelehnt, wenn jemand immer wieder die selben Argumente bringt und sie wiederholt abgedruckt haben möchte. Dass einige Leser öfter vorkommen als andere liegt daran, dass sie uns häufiger schreiben. Wir haben zum Beispiel einen Löbauer, der hat uns seit Beginn des vergangenen Jahres über 50 E-Mails mit seiner Meinung zu verschiedenen Themen geschickt. Übrigens haben wir auch kein Problem mit Briefen, die sich kritisch mit uns und unserer Arbeit auseinander setzen. Allerdings sollte der Ton sachlich sein.

Viele ärgern sich darüber, dass Artikel über Nachbargemeinden, die jenseits der ehemaligen Kreisgrenze liegen, in der Löbauer Ausgabe eher erscheinen als in der Zittauer und umgekehrt.

Wir haben mit der Corona-Pandemie aus Gründen der Produktionssicherheit die Löbauer und Zittauer Zeitungsausgaben zusammengelegt, so dass es das Problem nicht mehr gibt.

Schwierig stelle ich mir auch vor, Fachthemen so zu beschreiben, dass sie Nicht-Fachleute verstehen. Ich bin ab und zu nach Ratssitzungen gespannt, was der SZ-Reporter aus solchen Themen macht.

Wir üben täglich den Spagat. Oft sagen Fachleute: Was habt ihr denn da wieder fabriziert, weil wir extrem vereinfachen und ja, auch zuspitzen. Aber wenn wir Fachchinesisch schreiben würden, wären unsere Leser sehr schnell unzufrieden und würden sich mit dem Thema nicht mehr befassen. Erst dann hätten wir in unseren Augen schlechte Arbeit gemacht.

Wie stehen Sie zu Anglizismen?

Online, für das jüngere Publikum, sind sie nicht wegzudenken. Unsere Zeitungsleser halten in der Mehrzahl nichts davon. Deshalb versuchen wir, sie aus den Zeitungsartikeln zu redigieren. Zugegeben: Das gelingt uns nicht immer. Genau wie es uns zum Ärger vieler Leser nie gelingen wird, alle Rechtschreibfehler zu vermeiden oder zu entdecken und vor der Veröffentlichung zu entfernen. Egal, was wir schon versucht haben.

Wie gehen Sie mit dem Gendern - der geschlechterneutralen Sprache - um? Ich persönlich finde das fürchterlich.

So ähnlich sehen wir das auch. Wir haben das Thema in der Lokalredaktion, die zu einem großen Teil aus Frauen besteht, besprochen und es sind keine Forderungen aufgemacht worden, zu gendern. Im Haupthaus diskutiert man darüber.

Wie viele Mitstreiter haben Sie und wie ist das Verhältnis Frauen/Männer?

In Löbau und Zittau arbeiten für Verlag und Redaktion hauptberuflich reichlich 20 Menschen, zum Teil festangestellt, zum Teil als freie Mitarbeiter, jeweils zur Hälfte Frauen und zur Hälfte Männer. Davon sind sieben Frauen und acht Männer für die Redaktion tätig.

Fetzen Sie sich in der Redaktion auch mal richtig über Themen und Artikel?

Ja, natürlich. Wir sind da nicht anders als der Querschnitt der Bevölkerung. Wir sind jüngere und ältere, Frauen und Männer, haben unterschiedliche Interessen und politische Ansichten... Vieles eint uns aber auch. Zum Beispiel die Liebe zu unserer Oberlausitzer Heimat. Die meisten sind in Ostsachsen geboren und/oder aufgewachsen. Und alle leben hier.

Wie wird man Journalist und was muss man können?

In der Regel gehören zum Werdegang ein Hochschulstudium und ein zweijähriges Volontariat, die Berufsausbildung der Journalisten. Da lernt man das Handwerkzeug. Ich bin aber der Überzeugung, dass man mindestens zwei Dinge schon mitbringen muss: Das Gespür für Themen und Nerven wie Drahtseile, denn mit vielen Artikeln treten sie jemandem auf die Füße. Die Reaktionen müssen Sie aushalten. Tag für Tag. Und Sie können auch nicht sagen: Mir geht's nicht gut, ich mach das morgen fertig. Der Redaktionsschluss für die Zeitung kommt jeden Abend und weiße Flecken darf es nicht geben.

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