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Wie einen Obercunnersdorfer ein Ehrenamt ausfüllte

Joachim Golbs war über 22 Jahre Vorsitzender des Lusatia-Verbandes – fast bis zu seinem 90. Geburtstag am vorigen Sonntag.

Von Bernd Dreßler
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2011 wurde Joachim Golbs in Dresden mit dem „Joker im Ehrenamt“ geehrt.
2011 wurde Joachim Golbs in Dresden mit dem „Joker im Ehrenamt“ geehrt. © SZ-Archiv/ Steffen Unger

Als Joachim Golbs 1999 zum Vorsitzenden der Lusatia gewählt wurde, war er bereits 68. Wenn ihm da jemand gesagt hätte, dass er dieses Ehrenamt fast bis zu seinem 90. Geburtstag innehaben werde, dem hätte er wahrscheinlich heftig widersprochen. Und doch kam es so.

Dazu sollte man wissen, dass der Lusatia-Verband ein Dachverband ist, der sich nach eigener Darstellung als „Netzwerk der Oberlausitzer Heimat-, Natur-, Geschichts- und Gebirgsvereine zur Förderung der Oberlausitzer Kultur und Identität“ versteht. Und das mit einer langen Tradition, von der Gründung 1880 in Zittau über das Verbot 1945 bis zur Wiedergründung 1995 in Zittau. Da ist die Funktion des Vorsitzenden nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Und doch hat sie Joachim Golbs, unterstützt von einem aktiven Vorstand, so gut wie möglich auszufüllen versucht, als er das Amt von seinem Vorgänger Horst Gersdorf übernahm.

Die Oberlausitzer Heimat- und Folkloretage, Heimattreffen und die Tagungen der Oberlausitzer Ortschronisten und Heimatgeschichtler wurden zum Markenzeichen des Verbandes, der traditionsgemäß ein Farnblatt in seinem Logo trägt. Dabei blieben Rückschläge nicht aus. Wegfallende Förderungen ließen keine größeren Veranstaltungen mehr zu. Die Lusatia-Hefte“, eine profunde Schriftenreihe des Verbandes, musste 2012 eingestellt werden. Vor allem aber fehlten den meisten Mitgliedsvereinen die jüngeren Leute. Dieses Nachwuchsproblem wirkte sich auch auf den Lusatia-Vorstand aus. Als 2016 im Obercunnersdorfer Schützenhaus der 20. Jahrestag der Lusatia-Wiedergründung gefeiert wurde, trat nach wie vor Joachim Golbs ans Rednerpult, bereits 85-jährig.

Dieses Alter war ihm während seiner inhaltsreichen ausgewogenen Festrede nicht anzumerken. Seine Rüstigkeit ermöglichte es ihm, das Amt weiter auszufüllen, bis mit der Großpostwitzerin Dr. Gabriele Lang endlich eine Nachfolgerin gefunden war. Am 28. Februar 2021 legte Joachim Golbs den Vorsitz nieder. In einem Rundbrief an die Mitglieder hatte er zuvor geschrieben: „Die Trennung fällt mir schwer, ist aber notwendig.“ Er verwies auf sein Alter und die komplizierte Zeit der Corona-Pandemie.

Am Sonntag vor zwei Wochen konnte Joachim Golbs seinen 90. Geburtstag begehen. Er dürfte zurückgeblickt haben. Nicht nur auf das Ehrenamt des Lusatia-Vorsitzenden, dass ihm Stress, aber noch mehr Freude brachte, sondern auch auf seine Arbeitsjahre in interessanten Berufen und Tätigkeiten. Als 20-Jähriger begann er als Filmvorführer beim Landfilm Sachsen, brachte mit einem „Framo“ und darin verstauten Gerätschaften das Kino in die Dörfer des Kreises Löbau. Er war Filialbereichsleiter bei der Löbauer Konsumgenossenschaft und nicht zuletzt etliche Jahre Bürgermeister von Obercunnersdorf. Das war in den 1980er Jahren, als UNO-Experten für Denkmalschutz Obercunnersdorf besuchten und die Werterhaltung der Umgebindehäuser einen bisher nicht gekannten Aufschwung bekam.

Die Geschichte seines Heimatdorfes kennt Golbs folglich wie kaum ein anderer. Urlauber und Gäste konnten das bei so mancher seiner Ortsführungen erfahren. Und er hat Geschichtliches gesammelt und niedergeschrieben: Er war Mitautor einer 1996 erschienenen Ortschronik. Bereits mit Blick auf das 800-jährige Jubiläum von Cunnersdorf gab er vor wenigen Jahren dank seines umfassenden Archivs und vieler Recherchen außerdem zwei Bände unter dem Titel „Obercunnersdorf – Geschichten aus meinem Heimatort“ heraus.

Joachim Golbs ist nun mit 90 zwar ohne Amt, aber mit Sicherheit nicht ohne Anteilnahme am weiteren Wirken der Lusatia und am Leben in Obercunnersdorf.