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Nach Bein-Amputation: keine Haushaltshilfe

Eine Mutter aus Kemnitz kann sich und ihren Sohn nach einer Unterschenkel-OP nur dank Freunden versorgen - Anspruch auf Hilfe hat sie rechtlich kaum.

Susanne Bunk wohnt mir ihrem kleinen Sohn in Kemnitz.
Nach einer Unterschenkelamputation ist sie auf Hilfe von Freunden angewiesen.
Susanne Bunk wohnt mir ihrem kleinen Sohn in Kemnitz. Nach einer Unterschenkelamputation ist sie auf Hilfe von Freunden angewiesen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Susanne Bunk ist eine Frau, die normalerweise nicht lange stillsitzen kann. Als berufstätige, alleinerziehende Mutter eines Sechsjährigen mit eigenem Haus samt Tieren in Kemnitz hat sie dazu ohnehin nur selten Gelegenheit. Umso mehr lasten die aktuelle Situation und die vergangenen Monate auf der 38-Jährigen, in denen nach einer Unterschenkelamputation ihre Bewegungsfreiheit so weit eingeengt ist, dass sie nicht einmal mehr das Nötigste für sich und ihren Sohn ohne fremde Hilfe bewerkstelligen kann. Geschafft hat sie das nur dank vieler Freunde. Ein - auch nur vorübergehender - Pflegegrad, eine Haushaltshilfe oder anderweitige Unterstützung seitens der Behörden erhielt sie, als es am dringendsten war, nicht.

Alles begann mit einer Unterschenkelamputation im Sommer dieses Jahres: Seit der Geburt leidet Susanne Bunk unter einer Abschnürung des rechten Fußknöchels, Probleme gab es deshalb schon immer. "Aber seit ich mir 1996 an diesem Fuß eine Blase gelaufen habe, hatte ich dauerhaft eine offene Wunde", beschreibt sie die Anfänge einer Odyssee. Es folgten Amputationen von Zehen, immer wieder die Einnahme von Antibiotika und Schmerzmitteln, auch das Gefühl im Fuß war weg. Seit Mai verschlechterte sich der Zustand derartig, dass ihr im Juli der Vorfuß amputiert wurde. Doch der Eingriff brachte kein befriedigendes Ergebnis: "Die Wunde ist nicht zugeheilt und ich wollte nicht wieder ständig Schmerzmittel nehmen", beschreibt sie das Dilemma.

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Deshalb entschied sie sich schweren Herzens für eine Amputation des Unterschenkels bis unters Knie im August. "Ich hatte mich im Vorfeld erkundigt, dass es mit einer entsprechenden Prothese gute Aussichten auf ein deutlich besseres Leben für mich gibt", skizziert sie die Vorbereitungen. Dass sie sich besser noch genauer um die Frage hätte kümmern sollen, wer ihr in den ersten Wochen im Haushalt hilft, ist ihr erst später aufgegangen. "Im Krankenhaus hat man mir noch gesagt, ich bekäme sicherlich eine Art Pflegestufe und dann eine Haushaltshilfe, bis ich mich wieder allein kümmern kann", erinnert sie sich. Ein Trugschluss, wie sich ergab.

Lebenspartner bei Unfall verloren

Die Zeit vor und zwischen den Krankenhausaufenthalten war nicht das Problem: Sie und ihr Sohn kamen während dieser Zeit bei ihren Eltern nahe Leipzig unter, wo auch die Operation durchgeführt wurde. Aber dann wollte sie unbedingt nach Kemnitz zurück - es stand ja auch der Schulanfang ihres Sohnes an. Doch das war leichter gedacht als gelebt: "Bevor ich eine erste Prothese bekommen konnte, musste die Wunde richtig verheilen - in der Zeit konnte ich weder kochen, noch den Spüler ausräumen und schon gar nicht einkaufen fahren", erklärt sie. Nur dank der Hilfe vieler Freunde sei das zu schaffen gewesen, denn Verwandte, die sie unterstützen können, hat Susanne Bunk in der Oberlausitz nicht, weil sie aus der Nähe von Leipzig stammt. Aus der Region stammt ihr Lebenspartner und Vater ihres Sohnes, der aber vor fünf Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist.

Der erste Antrag auf Hilfe ging ins Leere: Da sie sich selbstständig anziehen, waschen und essen konnte, waren die Grundlagen für einen Pflegegrad nicht gegeben. Frau Bunk ging in Widerspruch, am Ergebnis änderte das nichts: "Ich hätte einen Zuschuss für eine Haushaltshilfe bekommen können von 5,25 Euro pro Stunde. Aber ein Pflegedienst kostet 30 Euro die Stunde - und ich habe nur das Krankengeld seit Monaten", schildert sie das Problem. Hinzu kommt, dass die Kemnitzerin ein neues Auto braucht - einen Automatik - den man dann für ihre Beeinträchtigung umrüstet. Auch das kostet eine Menge Geld, zum Glück ist hier eine Förderung für die Umrüstung durch das Arbeitsamt bewilligt. "Ohne Auto kann ich weder zur Arbeit nach Friedersdorf im Oberland fahren, noch einkaufen, noch meinen Sohn, der in die Schkola in Ebersbach geht, aus dem Hort abholen", erklärt sie.

Fall ist nicht schwer genug

Dass die Entscheidung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) in einem Fall wie diesem nicht leicht nachzuvollziehen sind, räumt Markus Horn vom MDK auf Nachfrage ein. Susanne Bunks Fall habe die Mitarbeiter emotional berührt, dennoch müssten sie sich an die Regularien halten und die besagen vor allem: "Der Grad der Abhängigkeit von fremder Hilfe und Unterstützung über einen Zeitraum von sechs Monaten in pflegerelevanten Bereichen spielt dabei die entscheidende Rolle", erklärt Horn. Frau Bunk ist aber - im Gegensatz zu älteren Menschen, bei denen es um einen Pflegegrad geht - weder vergesslich noch leidet sie unter Orientierungsschwierigkeiten wie bei einer Demenz, und sie wollte auch nur eine Hilfe für einige Wochen. Ob die betreffende Person ein Kind zu versorgen hat, spiele bei der Frage eines Pflegegrades keine Rolle, bestätigt Horn.

Susanne Bunk ist ernüchtert von den Erfahrungen der vergangenen Wochen. "Ich bin nicht behindert, aber ich werde behindert", resümiert sie ihre Lage. In ihr altes Leben kämpft sie sich dennoch Stück für Stück zurück, mit einer Übergangsprothese. Die "richtige" kann frühestens ein halbes Jahr nach der OP angepasst werden. Dann kann sie sich selbst wieder besser kümmern, das neue Auto ist bald bei ihr, einen Fahrtest hat sie diese Woche absolviert und somit einen gültigen Führerschein. "Ich bin meinen Freunden so dankbar, dass sie sich die Zeit nehmen, mit mir zum Einkaufen und zum Arzt zu fahren oder meinen Sohn zum Schulbus nach Löbau zu bringen - und meinen Eltern, dass sie mir so vieles abnehmen", sagt Susanne Bunk. Sie wünscht sich, dass man für Fälle wie den ihren die Gesetze nachbessert, damit nicht noch mehr Menschen wie sie durch das Raster fallen.

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