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Wie sich das Klinikum Ebersbach wandelte

Vor 90 Jahren hat das Krankenhaus an der Grenze seinen Betrieb aufgenommen. DDR- und Wende-Zeit brachten viele Veränderungen.

Das Eingangsportal des Ebersbacher Krankenhauses heute.
Das Eingangsportal des Ebersbacher Krankenhauses heute. © Matthias Weber

Klinikum ist an der Grenze des Leistbaren – so titelte die SZ vor wenigen Tagen und brachte damit die aktuelle Corona-Situation im Klinikum Oberlausitzer Bergland in Ebersbach auf den Punkt. Kritische Lage auf der Intensivstation, fehlende Ärzte und Pflegekräfte, Dienste an der Belastungsgrenze, Überstunden: Das Krankenhaus hat die bisher größte Herausforderung in seiner Geschichte zu bestehen.

Diese Geschichte begann fast auf den Tag genau vor 90 Jahren. Am 17. Dezember 1930 – einem Mittwoch – wurde der Schlüssel für die neu erbaute Klinik übergeben. Dabei war zwei Jahre zuvor noch völlig offen, ob diese medizinische Einrichtung überhaupt in Ebersbach gebaut werden würde. Klar war, dass es in der wachsenden Industrieregion des Oberlandes zunehmend an Krankenhausplätzen mangelte. 35 Betten gab es in Neugersdorf, 35 in Ebersbach. Das war zu wenig. Die zuständigen Kommunalpolitiker des Bezirksausschusses Löbau hatten die Wahl zwischen einem Neubau mit 80 Betten auf der sogenannten Plantage südlich von Neugersdorf oder dem Kauf der Privatklinik des Dr. Robert Wanke in Ebersbach, die sich durch einen Neubau auf 110 Betten erweitern ließ. Bei drei Gegenstimmen entschied sich das Gremium für die Erweiterung der Wanke-Klinik.

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Die Person des umtriebigen Chirurgen Wanke (1890–1951), der als Volksarzt und Unikum zugleich galt, dürfte dabei eine gewichtige Rolle gespielt haben. Hatte er sich doch bei Orts- und Betriebskrankenkassen schon längere Zeit um Mittel für eine Erweiterung seiner Privatklinik bemüht. Am 1. Februar 1931 nahm das Krankenhaus mit chirurgischer und innerer Abteilung offiziell den Betrieb auf. Dr. Wanke wurde als verantwortlicher Leiter eingesetzt. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise unterstützten Ebersbacher mit Spenden die technische Ausstattung. Aus Erzählungen von Zeitzeugen ist überliefert, dass dadurch Geschirr und Töpfe angeschafft werden konnten. Von Fabrikbesitzern seien Gelder für Radium geflossen, das zur Krebsbestrahlung notwendig war.

Als die Klinik entstand, wurde am 14. September 1929 Richtfest gefeiert. Dr. Robert Wanke (1890–1951) verdankt das Haus seine Entstehung und Entwicklung in den ersten Jahren maßgeblich
Als die Klinik entstand, wurde am 14. September 1929 Richtfest gefeiert. Dr. Robert Wanke (1890–1951) verdankt das Haus seine Entstehung und Entwicklung in den ersten Jahren maßgeblich © SZ-Archiv

Verfügte das Krankenhaus bei der Inbetriebnahme zunächst über 180 Betten, wurde die Kapazität bereits sieben Jahre später durch einen Erweiterungsbau des Westflügels auf 350 erweitert. Im Zweiten Weltkrieg musste sich das Krankenhaus in ein Reservelazarett umfunktionieren. Den Mangel an Betten für die Zivilbevölkerung versuchten die Behörden Ende 1942 durch vorübergehende Nutzung eines Cunewalder Genesungsheimes am Südhang des Schleifberges (so musste der Czorneboh in Hitlerdeutschland heißen – d. A.) auszugleichen. Das Heim wurde Außenstation des Ebersbacher Kreiskrankenhauses, die den Beinamen „Station Cunewalde“ bekam, wie der „Sächsische Postillon“ berichtete. Das Lazarett indes evakuierte man in den letzten Kriegstagen samt medizinischem Personal nach Klingenthal. Im Sommer 1945 erfolgte die Rückkehr nach Ebersbach. Zum Glück war die Klinik, unmittelbar an der Grenze zur Tschechoslowakei gelegen, von Kriegszerstörungen verschont geblieben, obwohl zwischenzeitlich sogar das Gerücht einer geplanten Sprengung die Runde gemacht hatte.

Der Neubeginn stand unter denkbar schlechten Vorzeichen. Es gab nichts zu essen, es fehlte an Heizmaterial. „Um den zu Operierenden etwas Wärme zukommen zu lassen, legten wir auf den OP-Tisch heiße Wasserkissen“, zitiert Eduard Nitsche, der vor 20 Jahren in einer 130-seitigen Publikation das Leben Dr. Wankes nachzeichnete, eine Krankenschwester. Die Energiesituation verbesserte sich bis in die 1950er Jahre nur unwesentlich. Immer wieder kam es zu Stromabschaltungen. Bei wichtigen Operationen stand die Klinikleitung sogar im direkten Kontakt mit der Energieversorgung. Doch das klappte nicht immer. Als im Dezember 1951 mitten in einer OP das Licht ausging, erlitt der Chirurg Dr. Robert Wanke laut Eduard Nitsche durch die Aufregung über diese nicht abgestimmte Stromsperre einen Schlaganfall. An den Folgen verstarb er kurze Zeit später.

Doch die Genesung des Gesundheitswesens in der Nachkriegszeit machte Fortschritte, die auch in Ebersbach zu spüren waren. 1958 wurden eine Kinderstation, 1974 eine Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin eröffnet. 1964 bekam die Röntgenabteilung einen Anbau – es war das größte Neubauvorhaben in der DDR.

Kleine Foto-Chronik des Erweiterungsbaus vor rund 20 Jahren: Der bisherige Krankenhausgarten ist verschwunden, Baufreiheit geschaffen. – Die Fundamente sind gesetzt, die ersten Konturen werden sichtbar. –
Kleine Foto-Chronik des Erweiterungsbaus vor rund 20 Jahren: Der bisherige Krankenhausgarten ist verschwunden, Baufreiheit geschaffen. – Die Fundamente sind gesetzt, die ersten Konturen werden sichtbar. – © privat
Die Fundamente sind gesetzt, die ersten Konturen werden sichtbar.
Die Fundamente sind gesetzt, die ersten Konturen werden sichtbar. © privat
Der Rohbau ist fast vollendet. Die Aufnahmen machte Schwester Simone, die von der Ausbildung bis zum Ruhestand in der Klinik ihren Dienst tat, vom sogenannten Sanatorium aus (inzwischen abgerissen).
Der Rohbau ist fast vollendet. Die Aufnahmen machte Schwester Simone, die von der Ausbildung bis zum Ruhestand in der Klinik ihren Dienst tat, vom sogenannten Sanatorium aus (inzwischen abgerissen). © privat

Die Wende 1990 brachte erneut gravierende Veränderungen für die Ebersbacher Klinik. Im Kreis Löbau wurde ein Kreiskrankenhaus gegründet, das die drei damals bestehenden Krankenhäuser Ebersbach, Herrnhut und Löbau vereinte. Damit waren in Ebersbach die Weichen für ein Krankenhaus gestellt, das den medizinischen Anforderungen der Zukunft genügte. Ein Bauboom begann. Als Übergangslösung machte 1991 ein Containeranbau den Anfang. Die Notfallambulanz wurde rekonstruiert, ein Hubschrauberlandeplatz gebaut. 1996 stand endgültig fest: Der Krankenhausstandort Ebersbach wird erweitert und rekonstruiert. War die Frauenklinik bereits zu Beginn der 1990er Jahre von Löbau nach Ebersbach umgezogen, sollten nun auch die Leistungen des Herrnhuter Krankenhauses in Ebersbach integriert werden. Die sogenannte Zielplanung, die 1997 Sachsens Gesundheits- und Sozialministerium auf den Tisch bekam, hatte es in sich. Anbauten für Operationen und Intensivstation sowie für ein Bettenhaus und die Rekonstruktion aller Stationen und Funktionsbereiche waren die Schwerpunkte.

Das anspruchsvolle Vorhaben wurde in drei Bauabschnitte unterteilt. Vereinfacht gesagt, entstand hinter dem Krankenhausbau von 1930 parallel ein zweiter. Verbunden waren die beiden Komplexe durch Übergänge. Dafür mussten aber die Balkons zur Parkseite und der Krankenhauspark selbst geopfert werden. Bis Mitte März 2000 wurden die Bäume gefällt, unmittelbar danach die Baugrube ausgehoben. Wegen des felsigen Untergrundes waren dabei sogar Sprengungen erforderlich. Am 11. Oktober 2000 legte der damalige Löbauer Landrat Volker Stange den Grundstein. Die lärmbelastete Bauphase verlangte Ärzten, Schwestern und Patienten viel ab. Am 19. Februar 2003 wurde der „Teilersatzbau Klinik Ebersbach“ in Betrieb genommen. Es war, als hätte sich zum Krankenhausgeburtstag von 1930 noch ein zweiter hinzugesellt. „Es ist ein Gefühl, als ob man in eine neue Wohnung zieht“, schwärmte ein Chefarzt.

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