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Oberlausitz wieder unter Volldampf!

Die Dampflok der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde Löbau auf Willkommenstour - und überall bereiten ihr die Menschen großen Bahnhof. Mit Video.

Die Dampflok 52 8141 der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde quert auf den ersten Metern ihrer Willkommenstour durch die Oberlausitz das Löbauer Viadukt.
Die Dampflok 52 8141 der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde quert auf den ersten Metern ihrer Willkommenstour durch die Oberlausitz das Löbauer Viadukt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Am frühen Sonnabendmorgen erhält Löbau einen Weckruf auf Eisenbahner-Art. Wenige Minuten nach acht Uhr gellt ein langanhaltender Pfiff vom Maschinenhaus der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde (Osef). Die Dampflok 52 verkündet damit laut und vernehmlich: Ich bin wieder da! Und nur wenige Minuten später begibt sie sich vom Bahnhof Löbau aus auf eine zweitägige Willkommenstour durch die Oberlausitz. Und etliche Menschen an den Bahnhöfen und entlang der Strecke lassen die alte Lady wissen: Wir haben Dich vermisst!

Die begehrten Tickets für eine Mitfahrt im Sonderzug sind nicht so leicht zu ergattern. Die Zahl der Fahrgäste ist auf 90 limitiert - wegen Corona. Jeder Passagier musste vorher reservieren, bekommt vor der Abfahrt in Löbau einen festen Platz zugewiesen, den er während der Fahrt nicht verlassen darf. Zwei der Fahrgäste an diesem Morgen sind Christian Gräser und sein 18-jähriger Sohn Florian aus Bautzen. "Wir hatten schon für die ursprünglich geplante Willkommenstour im März gebucht. Jetzt ist es endlich soweit", sagt der Vater. Ein Eisenbahn-Fan durch und durch. "Ich wäre gerne Lokführer geworden, aber wegen meiner Sehbehinderung ging das nicht", sagt er. Er hört hauptsächlich. Das Dampfen und Pfeifen. Und er spürt das Stampfen der 80 Jahre alten Dampflok. Dampfschwaden fliegen am Fenster vorbei. Erinnerungsfetzen von fachsimpelnden Eisenbahnfans füllen den historischen Mitropa-Speisewagen.

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Auch Gräsers Sohn Florian hat es alles angetan, was raucht und Feuer speit. Vulkane will er mal erforschen. Aber jetzt tut's auch erst mal eine Dampflok. "Wir haben an diesem Wochenende alle Fahrten gebucht", sagt Florian. Und auch die Nacht verbringen sie mit einem dampfenden Morgenwecker - in der Teufelsmühle am Schienenstrang der Zittauer Schmalspurbahn nach Oybin. "Das einzige Hotel Deutschlands mit eigenem Bahnhalt", sagt Florian - so geht Liebe zur Dampfbahn.

Nach dem ersten Teil der Tour dampft die 52 am Sonnabendnachmittag von Löbau ab nach Bautzen und Bischofswerda.
Nach dem ersten Teil der Tour dampft die 52 am Sonnabendnachmittag von Löbau ab nach Bautzen und Bischofswerda. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Fünf Tage Maloche für ein paar Stunden Fahrt

Was für Vater und Sohn ein eisenbahnromantisches Vergnügen ist, bedeutet für Uwe Jachmann fünf Tage Maloche und immer wieder mitten in der Nacht aufstehen. Uwe Jachmann ist Chef des Lokführer-Teams an diesem Wochenende. Vor 22 Jahren war er dabei, als die Lok letztmals dampfte. Die Willkommenstour - ein Glücksmoment für ihn. Am Mittwoch und Donnerstag hatte er die Maschine aus dem Dampflokwerk in Meiningen überführt. Er übernachtet in diesen Tagen in einem Waggon am Maschinenhaus. "Alle paar Stunden muss ich nachts aufstehen und den Kesseldruck kontrollieren", erzählt er - ein Kessel unter Dampf darf nicht unbeaufsichtigt bleiben. Schon am Freitagmorgen vor der Fahrt fährt er die Lok über die Schlackegrube für die Verbrennungsrückstände der Kohle - eine Art keramischer Kies fällt aus der Feuerbüchse. Dann ist Handarbeit angesagt. Er schaufelt die Schlacke in einen Container, gut 400 Kilogramm. "Das ist die andere Seite des Dampflokvergnügens", sagt er, "früher haben Bauern mit der Schlacke ihre Feldwege befestigt - heute gilt sie als Sondermüll."

Doch den Lohn der Arbeit bekommen Uwe Jachmann und sein Team von den vielen Schaulustigen entlang der Gleise. Schon kurz nach der Abfahrt in Löbau in Richtung Görlitz überholt rechts ein moderner Trilex - und grüßt  mit einem freundlichen Pfiff. In Görlitz gibt's für die Dampflok großen Bahnhof. An die hundert Menschen heißen sie willkommen. Einer von ihnen ist Wolfram Vogel, der extra aus Dresden angereist ist. "Das weckt Jugenderinnerungen", sagt er mit Blick auf die Dampflokomotive. Seine Großeltern wohnten einst in Löbau. „Ich war regelmäßig zu Besuch“, erzählt er. „Irgendwann habe ich die Weißenberger Brücke entdeckt“, unter der damals das Bahnbetriebswagenwerk und ein reger Knotenpunkt lag. „Ich konnte stundenlang dort stehen und schauen“, erzählt Wolfram Vogel. „Es gab immer was zu sehen, es passierte immer was.“ In einer kleinen Stadt wie Löbau habe sich schnell rumgesprochen: Wenn der Junge nicht zu finden ist, dann ist er an der Weißenberger Brücke. „Dort habe ich mir den Eisenbahn-Bazillus eingefangen.“ Der begleitet ihn bis heute.

Im Görlitzer Bahnhof schenkt die 52 den Menschen ein besonders Spektakel. Für die Weiterfahrt nach Niesky muss sie an das andere Ende des Zuges umgesetzt werden. Laut zischend und läutend passiert sie auf einem Nachbargleis den Bahnsteig, nebelt die Bahnhofshalle mit einer Extra-Portion Dampf ein. Zum Vergnügen von Marcella Kuhnert. Mit ihrer Familie ist die Görlitzerin an den Bahnhof gekommen. „Damit bin ich groß geworden“, sagt sie. „Früher hat es hier immer gequalmt. Da war es eher ein Highlight, wenn eine Diesellok kam.“ Und dieses Dampfspektakel wollte sie mal wieder sehen – und ihren Enkeln zeigen. Ein bisschen Eisenbahner-Gene hat auch sie: "Mein Vater kannte früher sogar das Kursbuch auswendig. Er hat beim Waggonbau in Görlitz gearbeitet." 

Schornstein voraus startet die Dampflok in Görlitz in Richtung Niesky. 
Schornstein voraus startet die Dampflok in Görlitz in Richtung Niesky.  © Markus van Appeldorn (3), Rafael Sampedro (1)
Bei den Willkommensfahrten wurde auch Lokführer-Nachwuchs geschult. 
Bei den Willkommensfahrten wurde auch Lokführer-Nachwuchs geschult.  © Markus van Appeldorn
Per Hand schaufelt Uwe Jachmann 400 Kilogramm Schlacke aus der Grube.
Per Hand schaufelt Uwe Jachmann 400 Kilogramm Schlacke aus der Grube. © undefined
Uwe Jachmann macht die Lok am Maschinenhaus bereit für die Willkommenstour.
Uwe Jachmann macht die Lok am Maschinenhaus bereit für die Willkommenstour. ©  Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Besonderes Kulturprogramm in Niesky

Weiter geht die Fahrt nach Niesky. Im Zug sitzt auch Annegret Diebold. Aus reinem Zufall, wie sie erzählt. Ein Freund hatte eine Ankündigung der Willkommenstour gesehen. Und die beiden beschlossen, eine Zugfahrt mit einem Ausflug nach Niesky zu verbinden. Passend zum Thema: Dort wollen sie sich die historischen Holzhaus-Siedlungen anschauen. Eine Führung dahin gehört an diesem Wochenende zum Kultur-Rahmenprogramm der Willkommentour. Annegret Diebold ist Lehrerin. Früher hat sie in Südafrika unterrichtet – sie kommt aus Kapstadt. Von dort aber verschlug es sie nach Hochkirch. "Die Region hat mehr Verbindungen nach Südafrika, als man denken mag", sagt sie - zum Beispiel durch die Herrnhuter Brüdergemeine. "Die Herrnhuter Losungen sind auch in Kapstadt bekannt", erzählt Frau Diebold.

Erstmals seit 2012 bringen die Eisenbahnfreunde an diesem Sonnabend auch wieder Dampf nach Niesky. Bis 2012 hatten sie mit ihrer anderen Dampflok der Baureihe 52 hier auf ihrer Nikolausfahrt nach Rothenburg Station gemacht. Wegen der abgelaufenen Kesselfrist hatten sie die Maschine aber 2013 abstellen müssen. Viele Familien empfangen die Lok und auch ein Kamerateam vom MDR-Sachsenspiegel steigt dort zu - landesweit kommt die Willkommenstour noch am Abend ins Fernsehen. Ihren Abschluss bekommt die Tour am Sonntag mit Fahrten von Löbau über Ebersbach-Neugersdorf nach Zittau mit einem Abstecher nach Großschönau. "Die Neue möchte ihren Kolleginnen auf schmaler Spur mal Guten Tag sagen", sagt Ralph Gruner von den Eisenbahnfreunden. Am Sonntagnachmittag dürfen die alte Lady und Uwe Jachmann dann erst mal ausruhen. Aber lange bleibt der Kessel nicht kalt. Anlässlich der Landwirtschaftsaustellung in Löbau geht die 52 am 31. Oktober und 1. November wieder auf Tour. Die Oberlausitz steht wieder unter Volldampf!

Der kleine Josh gibt dem Zug in Niesky freie Fahrt.
Der kleine Josh gibt dem Zug in Niesky freie Fahrt. © Rafael Sampedro (2), Markus van Appeldorn (1)
Die Dampflok 52 8141 am Sonnabend-Nachmittag bei Reichenbach.
Die Dampflok 52 8141 am Sonnabend-Nachmittag bei Reichenbach. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Am Sonnabendmorgen abfahrbereit am Bahnhof Löbau.
Am Sonnabendmorgen abfahrbereit am Bahnhof Löbau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

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