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Löbauer Stadtfest-Randalierer muss doch nicht ins Gefängnis

Der Angeklagte erhält in zweiter Instanz am Landgericht eine Bewährungsstrafe. Eine schlimmere Tat auf dem Schissn kann ihm nicht nachgewiesen werden.

Beim Stadtfest in Löbau gab's eine Schlägerei. Darum ging es jetzt vor Gericht.
Beim Stadtfest in Löbau gab's eine Schlägerei. Darum ging es jetzt vor Gericht. © Rafael Sampedro/Archiv

Nach drei Stunden Verhandlung vor dem Görlitzer Landgericht ist die Erleichterung beim 22-jährigen Angeklagten aus Löbau am Freitag groß gewesen. Er muss anders als das Amtsgericht entschieden hatte, doch nicht ins Gefängnis. Es blieb zwar bei einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe für zwei Straftaten, aber das Gericht unter Vorsitz von Richter Theo Dahm sprach eine dreijährige Bewährung aus und zusätzlich eine Geldstrafe (2.400 Euro) zugunsten des Straffälligenhilfe-Vereins.

Beide Straftaten hatte der Angeklagte eingeräumt und war gegen die Feststellungen dazu auch nicht in Berufung gegangen, sondern lediglich gegen das Strafmaß. Im Dezember 2018 hatte er einen Geldautomaten der Raiffeisenbank mit Schlägen und Tritten erheblich beschädigt. Aus Wut, weil ihm die Karte ohne für ihn ersichtlichen Grund beim Geldabhebeversuch eingezogen wurde, wie er vor Gericht sagt. Das Konto sei gedeckt gewesen, er hatte keinen Euro mehr einstecken und wollte ein Taxi bezahlen. Unter Alkoholeinfluss war er dann "ausgetickt". Den Schaden (960 Euro) hatte er dann jedoch vollständig beglichen.

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Knapp am Gefängnis vorbei

Die zweite Straftat war eine Körperverletzung auf dem Löbauer Stadtfest, wieder unter Alkoholeinfluss. Diesmal war ein Jugendlicher das Opfer. Es ging um Glasscherben, die die Gruppe um das Opfer auflesen sollte, was sie auch tat. Es kam zu gegenseitigen Beschimpfungen und schließlich zu einem Kopfstoß des Angeklagten, der zu einer Platzwunde beim Opfer führte. Der Sicherheitsdienst wurde informiert, die Polizei gerufen. Weil der Schaden beim Opfer glücklicherweise gering blieb (kein Arztbesuch, keine Krankschreibung) sortierte Richter Dahm diese Körperverletzung "ans untere Ende der Skala". Das Problem, was auch das Amtsgericht dazu veranlasste, keine Bewährungsstrafe zu verhängen, war eine einschlägige Vorstrafe. Der Angeklagte war 2017 für eine Schlägerei, bei der gemeinsam mit einem anderen einen schon am Boden liegenden Kontrahenten bis in die Bewusstlosigkeit geschlagen/getreten hatte, zu einer Jugendstrafe von neun Monaten mit Bewährung verurteilt worden.

Das Gericht tat sich deshalb auch schwer mit einer erneuten Bewährung. Aber: Der junge Mann hat sich einer psychologischen Beratung unterzogen, meidet nach eigener Aussage seitdem übermäßigen Alkoholgenuss, steht in geregelter Arbeit und hat ein ihn unterstützendes soziales Umfeld mit Eltern und fester Freundin. All das gab für das Gericht letztlich den Ausschlag zu seinen Gunsten, auch wenn die Staatsanwältin auf einer Strafe ohne Bewährung bestand. Schließlich hatte der Angeklagte auch im Gericht aufbrausend auf einige ihrer Fragen reagiert.

Schwere Körperverletzung bleibt ungesühnt

Es stand ein noch viel schwererer Vorwurf im Raum, bei dem das Opfer am Rande des Gierschdorfer Schiss'n 2019 so erhebliche Verletzungen davontrug, dass er bis heute schwer beeinträchtigt ist. In diesem Verfahren war der Angeklagte bereits zweimal (vom Amts- und vom Zivilgericht) freigesprochen worden, weil ihm die Tat nicht nachzuweisen war.

Was war geschehen? In der Nacht, nach Ausschankschluss, machte sich das Opfer mit zwei Begleitern auf den Heimweg. Es gab einen Streit des späteren Opfers im Rücken der beiden Begleiter mit einer jungen Frau. Das Opfer, das als Nebenkläger im Zeugenstand aussagte, erzählte, dass er erst völlig überraschend einen Kinnhaken von der Frau erhalten habe und ihn dann eine Faust aus dem Hintergrund über die Schulter der Frau voll am Auge erwischt habe. Er habe nicht gesehen, von wem der Schlag kam, sei zu Boden gegangen und wurde versorgt.

Er musste zwei Tage stationär behandelt werden, war insgesamt sieben Wochen krank. Aber erst danach stellte sich die Verletzung als noch schwerwiegender heraus. Der Augenboden der Augenhöhle war kaputt, das Auge deshalb zu tief in den Schädel gedrückt. Es gab eine schnelle Operation, bei der eine Titanplatte eingesetzt wurde. Das Augenlicht konnte erhalten werden, aber die Spätfolgen beim heute 26-Jährigen sind immens: Lange Belastungen, schwer heben, Sport und so weiter sind kaum möglich. Der Mann befürchtet eine Abstoßungsreaktion und führt auch eine Herzattacke darauf zurück.

Kein Tatnachweis geführt

Der Angeklagte aber bestreitet, für all das verantwortlich zu sein. Und tatsächlich gibt es bislang keinen Zeugen, der ihm die Tat anlastet: Das Opfer selbst hat den Schläger nicht gesehen, seine Begleiter das unmittelbare Geschehen nicht. Einer von beiden hielt den Angeklagten dann fest, als vermeintlich aggressivsten der Gruppe, die sich am Ort drängte. In der Vorinstanz gab es auch Entlastungszeugen. Jene junge Frau gab an, dass ihr Begleiter homophob beleidigt worden sein soll, weshalb sie das spätere Opfer zur Rede stellte und ihm eine Backpfeife versetzte. Ihr Begleiter bestätigte das. Beide gaben an, dass der jetzt Angeklagte erst hinzugekommen sei und sich erkundigt habe, den Nebenkläger auch zur Rede stellen wollte, aber da lag der schon am Boden. Ein Freund des Angeklagten sagte aus, mit dem Angeklagten erst am Tatort angekommen zu sein, als das Opfer schon am Boden lag. All diese Aussagen wurden vor dem Landgericht nur verlesen.

Der Nebenklägervertreter, ein Löbauer Rechtsanwalt, hatte nicht beantragt, diese Zeugen noch einmal oder andere Zeugen vorzuladen. Wie er dann Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Zeugen deutlich machen wollte, bleibt sein Geheimnis. Er forderte trotz allem eine Verurteilung des Angeklagten nach dem Ausschlussverfahren: Der Mann sei der einzige Aggressive vor Ort gewesen. Dem folgte nicht einmal die Staatsanwältin, erst recht nicht das Gericht. Richter Theo Dahm sagte: "So konnten wir hier natürlich keine sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte auch der Täter ist" – eine sehr deutliche Ansage Richtung Nebenklägervertreter. Das Opfer, das mit den schweren Gesundheitsfolgen leben muss, erlitt so eine weitere Niederlage, hat zudem Zeit und Geld umsonst ausgegeben. Der Täter dieser Straftat ist nach wie vor nicht ermittelt, die Tat bleibt mit großer Wahrscheinlichkeit ungesühnt, eine wenigstens finanzielle Wiedergutmachung ist demnach nicht in Sicht.

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