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Löbaus älteste Geschäftsfrau hört auf

Christina Lippke ist ein Leben lang selbstständig und in Löbau stadtbekannt. Sie steht mit 88 im Eckladen an der Bahnhofstraße. Nun soll Schluss sein.

Christina Lippke steht mit 88 Jahren noch im Laden, den ihr Sohn Rolf betreibt. Jetzt wollen Lippkes nach 145 Jahren das Familiengeschäft schließen.
Christina Lippke steht mit 88 Jahren noch im Laden, den ihr Sohn Rolf betreibt. Jetzt wollen Lippkes nach 145 Jahren das Familiengeschäft schließen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Mit einem hellen Bimmeln kündigt die Glocke an der Ladentüre Kundschaft an. Die Frau sucht eine schwarze Tasche. Eine viertel Stunde später möchte ein Mann ein Küchenmesser kaufen. Beides gibt es bei Christina Lippke. Und außerdem auch geschnitzte Holzkunst aus dem Erzgebirge und Regenschirme. Ein buntes Sammelsurium reiht sich in den Regalen in Christina Lippkes Eckladen an der Bahnhofstraße/Gartenstraße in Löbau aneinander.

Frau Lippke ist stolze 88 Jahre alt und damit wohl eine der ältesten Geschäftsfrauen in Löbau. Trotzdem steht sie noch mehrere Tage in der Woche im Geschäft. So wie seit 30 Jahren. Das Geschäft selbst ist schon viel älter. Ihr Mann, der Löbauer Schleifermeister Horst Lippke, betrieb zu DDR-Zeiten um die Ecke im gleichen Gebäude eine Schleiferei, verkaufte außerdem Messer und Scheren. Der Familienbetrieb - auch bekannt als "Seibts Erben" - existiert inzwischen seit 145 Jahren. Gegründet hat ihn Horst Lippkes Urgroßvater Eduard Seibt bereits im Jahr 1875, seinerzeit in Liegnitz in Polen. Seit 1888 ist der Firmensitz in Löbau. Die Schleiferei blieb seitdem immer in Familienhand. Und seit 30 Jahren ist das Geschäft nun im Löbauer Eckladen. Dorthin zog Schleifermeister Horst Lippke zur Wende um - und da stieg auch seine Frau Christina mit ins Geschäft ein. 

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Das Geschäft der Familie um 1907 - damals noch an einem anderen Standort in Löbau.
Das Geschäft der Familie um 1907 - damals noch an einem anderen Standort in Löbau. © Repro: Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Zwei aussterbende Berufe

Christina Lippke selbst war bis dahin mit ihrem eigenen Betrieb selbstständig gewesen. Sie stammt aus einer Schirmmacherfamilie, hat den Beruf von der Pike auf gelernt. Die Familie hatte in Rumburg einen Betrieb, wurde dann vertrieben und siedelte nach Ebersbach um. Dort wohnt Christina Lippke bis heute - und näht auch zu Hause noch Schirmbezüge. Das Handwerk hat sie sozusagen weitervererbt. Ihr Sohn Rolf ist ebenfalls Schirmmacher - einer der letzten in Ostdeutschland, wie er selbst sagt. "Wir haben in der Familie zwei aussterbende Berufe: Schleifer und Schirmmacher", sagt der 57-Jährige. Schirmmacher werden heute nicht mehr ausgebildet. 1998 wurde der Beruf in Deutschland von der Liste der Ausbildungsberufe gestrichen. 

Ein Schirm, wie ihn Rolf und Christina Lippke von Hand herstellen, der hält ein Leben lang, sagen sie. "Da lassen sie nach 30, 40 Jahren höchstens mal einen neuen Bezug drauf machen", so Rolf Lippke. Er ist inzwischen der Inhaber des Löbauer Ladens und betreibt selbst in Berlin eine Schirmmacherei. Doch industriell hergestellte Billigware gibt es an jeder Ecke. Das war auch einer der Gründe, weshalb Christina Lippke ihren Betrieb in Ebersbach zur Wende aufgeben musste. Keiner brauchte mehr die in Handarbeit produzierten Schirme in den großen Mengen. 

Frau Lippke entschloss sich, bei ihrem Mann im Löbauer Laden mitzuarbeiten. "Da war ich 58. Ein bisschen was machen wollte ich schon noch." Aus dem "ein bisschen" sind nun 30 Jahre geworden. Aber jetzt ist endgültig Schluss, sagt Christina Lippke entschlossen. "Es geht einfach nicht mehr, die Gesundheit macht nicht mehr mit." Und dann im Winter wieder jeden Tag mit dem Auto von Ebersbach über den Kottmarsdorfer Berg fahren, das ist der 88-Jährigen dann doch zu gefährlich. 

Hinzu kommt, dass die Kundschaft in Löbau immer weniger werde - auch, wenn es an diesem Tag anders scheint. Es scheint sich in der Stadt schon herumgesprochen zu haben, dass Lippkes den Laden schließen wollen. Da will doch mancher noch mal vorbeischauen. Aber es gebe auch Tage, da kommt gar keiner, erzählt Frau Lippke. Dass sie noch so lange durchgehalten hat, sei auch ihrer langjährigen Mitarbeiterin Christine Klose zu verdanken. "Ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Sie war immer eine große Unterstützung", sagt Christina Lippke. "Und sie kennt sich mit den Erzgebirgssachen gut aus." Die nahm Frau Lippke später ebenfalls mit ins Sortiment auf, sie sind nach wie vor ein Anziehungsmagnet bei den Kunden. 

Zum Jahresende soll Schluss sein

Schleifermeister Horst Lippke war in Löbau bekannt. Bis zu seinem Tod 2009 arbeitete er im Familienbetrieb.
Schleifermeister Horst Lippke war in Löbau bekannt. Bis zu seinem Tod 2009 arbeitete er im Familienbetrieb. © Repro: Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Bis zum Jahresende wird Christina Lippke noch im Eckladen an der Löbauer Bahnhofstraße stehen. Im Ausverkauf wollen Lippkes jetzt noch den Laden leer bekommen. Was dann aus den Räumen wird, wissen sie noch nicht. Einen Nachfolger für ihr Geschäft haben sie nicht gefunden. "Schön wäre es schon, wenn sich wieder ein Mieter findet, vielleicht mit einem anderen Angebot. Die Lage ist wirklich sehr gut", sagt Frau Lippke. 

So ganz aufhören und die Hände in den Schoß legen, das kann die rührige Seniorin aber dann doch noch nicht. Zu Hause in Ebersbach, wo sie ihre Schirmmacherei betrieb und auch noch immer wohnt, will sie weiterhin Schirmbezüge nähen für die Firma ihres Sohnes in Berlin. "Es macht mir einfach Spaß." 

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