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Nach 30 Jahren ist Schluss

Ein weiteres Haus an der Äußeren Bautzner Straße wird saniert. Das bedeutet für die letzte Mieterin mit ihrem Laden: Sie muss raus.

Angelika John betreibt eine kleine Werkstatt für Änderungs- und Lederarbeiten. Doch nun hat sie die Kündigung erhalten.
Angelika John betreibt eine kleine Werkstatt für Änderungs- und Lederarbeiten. Doch nun hat sie die Kündigung erhalten. © Matthias Weber

Angelika John schiebt Beutel mit Stoff- und Lederresten zur Seite und macht einen Stuhl frei für den Besucher. Auf dem Tisch davor liegen Jacken und Hosen, fertig repariert, bereit zur Abholung. In der Zimmerecke prasseln Holz und Kohlen in einem kleinen Ofen. Der ist die einzige Wärmequelle im Laden, eine Zentralheizung gibt es nicht. Trotzdem: "Mein Laden war auch immer ein Treffpunkt. Die Leute kommen bei mir oft ins Schwatzen, selbst Fremde erzählen mir vieles", sagt die Löbauerin über ihre kleine Werkstatt für Änderungs- und Lederarbeiten.

Doch damit wird nun bald Schluss sein. Das Haus in der Äußeren Bautzner Straße, in dem sie seit 30 Jahren ihre Werkstatt betreibt, hat einen neuen Besitzer. Ein polnischer Investor hat das Gebäude und das Nachbarhaus gekauft, erzählt Frau John über ihren neuen Vermieter. Und der will das komplette Ensemble sanieren. Deswegen hat sie nun die Kündigung bekommen und muss aus ihrer Werkstatt raus.

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In Löbau haben in den letzten Jahren schon etliche Investoren aus Polen Häuser gekauft und saniert. Frau John begrüßt es durchaus, wenn die triste Häuserzeile an der Äußeren Bautzner Straße wieder schick wird. Das Areal am Rand des Stadtzentrums ist kein schöner Anblick. Erst in der letzten Zeit kommt hier Bewegung rein. Die Wohnungsverwaltung und Bau GmbH - das städtische Wohnungsunternehmen - sanierte selbst einige Häuser. Das große Jugendstil-Eckhaus am Promenadenring ist jetzt eine schmucke Wohnstätte für Senioren.

Böse ist Frau John dem neuen Eigentümer nicht wegen der Kündigung. "Hier muss dringend was gemacht werden, das ist völlig klar", sagt sie und zeigt auf bröckelnden Putz an der Wand. Die Feuchtigkeit zieht von unten in den Wänden hoch. Schon lange ist Frau John die einzige verbliebene Mieterin in dem Haus.

Allerdings: "Dass die Kündigung so kurzfristig ist, das hat mich schon überrascht." Einen Monat, so steht es in ihrem 30 Jahre alten Mietvertrag. Zum Monatsende muss sie den Laden also geräumt haben. Sie will sich nun darum bemühen, vom neuen Eigentümer noch Aufschub bis Ende Januar zu bekommen. Denn, was sich in 30 Jahren angesammelt hat, muss erst einmal gesichtet, sortiert und ausgeräumt werden. Eine Menge Arbeit wartet da noch auf die Rentnerin.

In neue Räume umziehen, das will Frau John aber nicht mehr. Sie schließt jetzt nach 30 Jahren ihre Lederwerkstatt. "Der Nachbar zwei Häuser weiter hat mir Räume angeboten. Aber ich bin fast 78", sagt Frau John. "Irgendwann ist Schluss." Auch die Gesundheit spiele nicht mehr so mit.

Nähen im Nebenberuf

Das Nähen war über die ganzen Jahre immer nur ihr Nebenberuf. Bis zum Rentenalter hat die Löbauerin in ihrem eigentlichen Beruf als Krankenschwester gearbeitet. Erst in der HNO-Klinik, dann bei der Awo in der Altenpflege. Nach Dienstschluss war sie in ihrer Werkstatt anzutreffen, flickte, nähte und reparierte. Auch als Rentnerin machte sie weiter.

Angefangen, aus Leder zu nähen, hat sie schon zu DDR-Zeiten, damals noch daheim. "Leder hat mich schon immer fasziniert. Allein dieser Geruch", schwärmt Angelika John. Zuerst nähte sie Halsbänder und Leinen für Hunde und Katzen. "Weil es ja damals nichts gab. Viele Hundebesitzer freuten sich über meine Sachen." Nach der Wende dann brach dieser Geschäftszweig quasi weg, weil es dann Tiermärkte gab, die Leinen und Halsbänder in allen Varianten führten. Frau John disponierte um und erweiterte ihr Angebot. Sie nähte und reparierte: Taschen, Jacken und vieles andere, was mit normalen Nähmaschinen nicht funktioniert. Von einer geschlossenen Taschenfabrik in Bautzen erwarb sie zum Beispiel eine alte Ledernähmaschine. Die steht noch immer in ihrer Werkstatt an der Äußeren Bautzner und leistet gute Dienste. Auch große Rollen Leder aus dieser Zeit hat sie noch.

Zu Hause wurde es bald zu eng. Gewerberäume aber waren damals in der Wendezeit schwer zu bekommen. Frau John bekam die Räume in der Äußeren Bautzner Straße 8 zugeteilt, eine ehemalige Wohnung. Sie waren damals in einem erbärmlichen Zustand. "Wir mussten selbst renovieren, haben von der Gebäudewirtschaft nur das Material gestellt bekommen", erinnert sich die Rentnerin.

Lederreste als Mitbringsel aus dem Türkei-Urlaub

Immer und überall war Frau John über die Jahre auf der Suche nach Brauchbarem für ihre Werkstatt. Im Türkei-Urlaub zum Beispiel nahm sie an Verkaufsfahrten für Lederwaren teil. Wenn die anderen Touristen Lederjacken kauften, stöberte sie in den zugehörigen Lederfabriken und nahm Lederreste mit. Angelika John nimmt einen Beutel vom Haken am Regal und zieht zwischen vielen anderen Lederresten ein Stück knallrotes, weiches Leder heraus. Es stammt von einer dieser Türkei-Reisen. "Damit kann man wunderbar kleine Löcher reparieren. So etwas kann man doch nicht wegschmeißen."

Viele solcher Beutel und Kästchen mit allerlei Zubehör hat Frau John in ihrer Werkstatt. "Schatzkistchen" nennt sie sie liebevoll. In einem sind zum Beispiel hunderte Schieber für Reißverschlüsse. "Wenn ein Reißverschluss nicht mehr geht, muss man nicht unbedingt einen neuen einnähen", sagt Frau John. "Oft reicht es schon, wenn man den Schieber austauscht."

Diese ganzen Schatzkistchen muss die Rentnerin nun aussortieren. Einiges will sie mit nach Hause nehmen - und dort noch ein bisschen weiter arbeiten. Das meiste aber will sie abgeben. Zum Beispiel die Spezialmaschinen. Auch Leder auf großen Rollen, Garne, Ösen, Reißverschlüsse, Futterstoffe und unzähliges weiteres Zubehör steht in den nächsten Wochen zum Ausverkauf.

Ein bisschen leid tut ihr die Schließung jetzt für ihre Kunden. Sie kommen nicht nur aus Löbau, sondern bis aus Zittau, Görlitz, Bautzen. "Es gibt ja kaum noch Werkstätten, wo Leder repariert oder bearbeitet wird." Schließlich brauche es dafür spezielle Maschinen. Und auch die nötige Leidenschaft. Sogar aus dem "Westen" bringen ihr Leute säckeweise Sachen zum Reparieren mit, wenn sie zu Besuch in der Oberlausitz sind, erzählt Frau John. Die nehmen sie dann beim nächsten Besuch wieder mit oder Frau John schickt sie ihnen nach Hause.

Die Lederwerkstatt in der Äußeren Bautzner Straße 8 ist im Dezember noch täglich von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet und telefonisch erreichbar unter: 03585 861464.

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