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Der neue Bahnsteig kommt aus einem Guss

Eine Cunewalder Spezialfirma saniert das Löbauer Bahnsteigdach denkmalgerecht. Ungeahnte Probleme sorgen für Verzögerung.

Marcel Pinkau von der Firma Kurz aus Cunewalde mit einer alten und den neuen Stützen des Bahnsteigdachs.
Marcel Pinkau von der Firma Kurz aus Cunewalde mit einer alten und den neuen Stützen des Bahnsteigdachs. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der Bahnhof Löbau macht gleisseitig seit geraumer Zeit einen etwas nackigen Eindruck. Auf der ganzen Länge des Hausbahnsteigs ist die Überdachung komplett abgebaut. Bald soll es wieder denkmalgerecht aussehen, so wie es einst vor gut 150 Jahren erbaut wurde. Doch das dauert noch. Schuld daran sind ungeahnte Erkenntnisse zu Anfang der Sanierung - und ein bisschen auch die Corona-Krise. Doch das Werk ist in fachkundigen Händen heimischer Experten.

Der Bahnhof Löbau, das ist für den Cunewalder Unternehmer Jörg Schneider auch ein bisschen patriotische Pflicht. Schneider ist Inhaber der Firma "Kurz Korrosions- und Oberflächenschutz GmbH". Das Unternehmen war auch schon an der Sanierung des Bahnhofs Dresden-Neustadt beteiligt. Die Expertise seines Unternehmens ist bundesweit gefragt. "Meine Entscheidung für Löbau war die Nähe zur Heimat", sagt er. Weil er vor etlichen Jahren auch schon mal am Mittelbahnsteig mit gebaut hatte, bewarb er sich 2019 auch bei der Ausschreibung um die denkmalgerechte Sanierung des Hausbahnsteiges.

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Der Hausbahnsteig am Bahnhof Löbau derzeit ohne Dach.
Der Hausbahnsteig am Bahnhof Löbau derzeit ohne Dach. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Probleme mit der Statik

Am 23. Dezember 1846 wurde der Löbauer Bahnhof eröffnet. Im Zuge eines ersten Umbaus erhielten die Bahnsteige in den 1870er Jahren eine durchgehende Überdachung. Aus dieser Zeit stammten auch noch die gusseisernen Stützen, die die Dachkonstruktion tragen - einige waren zu DDR-Zeiten durch Stahlstützen ersetzt worden. Im Mai 2019 begann die Firma Kurz im Auftrag der Bahn, die Überdachung auf den 175 Metern Bahnsteig neben dem Bahnhofsgebäude ersatzlos abzubauen. Noch intakte historische Gusseisen-Stützen sollten stählerne auf dem verbleibenden Abschnitt ersetzen. Ein Abschluss dieser Sanierung war damals für August 2019 vorgesehen - aber diese Rechnung ging nicht auf.

"Als Problem erwies sich, dass der Statiker unter anderem die Tragkraft der alten gusseisernen Stützen nicht berechnen konnte", sagt der für die Sanierung zuständige Projektassistent Marcel Pinkau von der Firma Kurz. In den gut 150 Jahren der Nutzung hätte abfließendes Tauwasser den Köpfen der Stützen zugesetzt. "Die alten Stützen waren hohl, der Frost hatte Risse verursacht", sagt Pinkau. Eine Sanierung dieser Säulen sei nicht möglich. Man habe Schichtdickenproben genommen und Ultraschalluntersuchungen vorgenommen - keine Chance, die historischen Säulen weiterzuverwenden. "Es gibt keine Technologie, derart altes Gusseisen fachgerecht instand zu setzen", sagt Jörg Schneider. So sei das Material etwa nicht schweißbar. Also mussten komplett neue Stützen her.

Neue Stützen für die Ewigkeit

Die Bahnsteigüberdachung ist denkmalgeschützt. Daher darf man sie nicht einfach durch eine moderne Konstruktion ersetzen. "Das Ziel ist, so nahe am ursprünglichen Bestand wie möglich eine neue Konstruktion herzustellen", sagt Jörg Schneider. Dazu mussten auch 18 Säulen neu gegossen werden. "Der Guss ist dabei gar nicht das Aufwendigste, sondern der Formenbau", sagt Schneider. Mehrere Wochen dauere jeweils der Bau dieser Modelleinrichtungen. Insgesamt wurden zwei davon hergestellt, weil immer nur zwei Stützen auf einmal gegossen werden konnten.

"Die alten Säulen waren für die damalige Zeit schon eine Meisterleistung", sagt Jörg Schneider, "man wollte mit wenig Material viel erreichen." Deshalb seien die historischen Stützen auch hohl gewesen. Der Ersatz dagegen ist aus massivem Gusseisen und wiegt pro Stück an die 800 Kilogramm. Und das hat nichts mit Materialverschwendung zu tun. "Die Säulen heute noch hohl zu gießen wäre technisch aufwendig und unwirtschaftlich", sagt er. Und außerdem: Die massiven Säulen sind dann wirklich gut für die Ewigkeit.

Dabei sind auch die abgebauten Stützen nicht im Schrott gelandet. "Eine ist eingelagert im Bauteile-Archiv des Denkmalschutzes in Lausnitz", sagt Marcel Pinkau. Von dieser habe der Denkmalschutz auch Farbschichtproben genommen, um später wieder die originalgetreue Farbe für den Anstrich zu finden. Zig weitere hat Jörg Schneider in seinem Betrieb eingelagert. "So etwas schmeißt man ja nicht einfach in den Schrott", sagt er, "eventuell taugen sie  ja auch noch als Dekorations-Objekt."

Fertigstellung wahrscheinlich Frühjahr 2021

Wann das Löbauer Bahnsteigdach wieder im einstigen Glanz steht, ist noch ungewiss. Nur soviel: In diesem Jahr wird's damit nichts mehr. "Wir können in diesem Jahr eventuell noch einen Probekomplex erstellen", sagt Jörg Schneider. Die beginnende Frostperiode mache aber einen Aufbau unmöglich. Die gusseisernen Stützen können auch erst gestellt werden, wenn sofort die stählerne Dachkonstruktion drauf kommt - dieses Gewerk besorgt die Löbauer Stahlbaufirma Seel nach historischem Vorbild.

Für den Aufbau müsse das Gleis 1 auch wieder mehrere Wochen gesperrt werden - wie schon beim Abbau. Beim Abbau hatte Schneiders Team schon vorsorglich die Fundamente für die neuen Säulen im Bahnsteig gesetzt - das spart dann beim Aufbau Zeit. Jörg Schneider hofft, dass die Sanierung im Frühjahr 2021 abgeschlossen sein wird. Nach Auskunft von Mathias Domschke, Projektleiter für die Sanierung bei der Deutschen Bahn, wird die Sanierung dann rund eine Million Euro gekostet haben.

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