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Wertvoller Dachbodenfund

Ein junger Mann gibt ein paar alte Bretter bei Löbaus Museumschefin ab. Wie sich herausstellt, ein bedeutender Fund. Nun will ihn das Museum aufarbeiten.

Cornelia Fünfstück (rechts) und Corinna Wandt vom Löbauer Stadtmuseum mit historischen Schützenscheiben. Eine besonders alte hat jetzt ein Bürger abgegeben. Sie ist zurzeit in Quarantäne und muss noch aufgearbeitet werden.
Cornelia Fünfstück (rechts) und Corinna Wandt vom Löbauer Stadtmuseum mit historischen Schützenscheiben. Eine besonders alte hat jetzt ein Bürger abgegeben. Sie ist zurzeit in Quarantäne und muss noch aufgearbeitet werden. © Matthias Weber

Es ist ein Freitag kurz vor Feierabend, als ein junger Mann beim Löbauer Stadtarchiv anklopft. "Mit ein paar Brettern unterm Arm stand er vor der Tür", erinnert sich Museums- und Archivleiterin Corinna Wandt. Die habe er bei der Haussanierung gefunden und sei sich nicht sicher, ob das historisch von Bedeutung ist. Dass Leute alte Sachen abgeben, ist für Corinna Wandt nicht ungewöhnlich und kommt hin und wieder vor. Manchmal muss sie die Bürger dann auch wegschicken. "Wir können nicht alles annehmen, müssen genau abwägen, ob es brauchbar ist." Schließlich brauche das alles auch Platz. "Unsere Kapazitäten sind begrenzt." Und das Museum habe kein Budget, solche Sachen anzukaufen. "Wir sind darauf angewiesen, dass die Leute uns Sachen schenken." Auf jeden Fall müssten Abgabestücke einen Löbau-Bezug haben, damit sie dem Archiv oder dem Museum nützen.

Den jungen Mann mit den Brettern schickte Corinna Wandt nicht weg. Sein Fund entpuppte sich als wertvolle Schützenscheibe. "2. August 1885" steht als Zeitangabe auf der Scheibe, die aus mehreren Brettern besteht und - wie damals üblich - mit einem Motiv bemalt ist. Auf die bemalten Scheiben wurde früher von den Mitgliedern der Schützengesellschaften geschossen und so der Schützenkönig ermittelt.

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Löbauer Schütze ist Olympiasieger

Volker Bräuer saniert ein Haus in der Äußeren Bautzner Straße, unweit vom Kreisverkehr. Bei den Arbeiten dort fand er in einem Zwischenboden die Bretter. Wegen des Motivs und der Jahreszahl, die gut zu lesen ist, brachte er die Holzteile vorsichtshalber zum Archiv. Eine gute Entscheidung. "Das ist ein wertvolles Puzzlestück der Löbauer Stadtgeschichte", sagt Museumschefin Corinna Wandt. Sie findet es durchaus beachtlich, dass so ein junger Mensch - Bräuer ist 26 Jahre alt - den historischen Wert zumindest erahnt hat. Viele andere hätten das Holz wahrscheinlich in den Kamin geworfen, vermutet sie.

Die Schützenscheiben haben aber in Löbau, genau wie die Schützengesellschaften, eine lange Tradition. Daran könne man gut die Entwicklung vom Schießen zur Verteidigung bis heute als Sportart verfolgen, erklärt die Museumsleiterin. Etliche Scheiben hat das Museum bereits in seinem Bestand, einige hängen im Treppenaufgang. Das erste nachweisbare Schützenfest in Löbau hat es im Jahr 1449 gegeben. Ab 1830 hatten die Löbauer Schützen einen Schießstand auf dem Löbauer Berg. Hier gab es große Bergschützenfeste. Bis heute hat Löbau eine Privilegierte Schützengesellschaft, die auch Sport-Prominenz hervorgebracht hat. Olympiasieger Christian Reitz startete hier in der Heimatstadt seine sportliche Karriere. Die alten Scheiben verraten oft auch etwas über die Entwicklung der Stadt, denn häufig waren Gebäude abgebildet.

Motiv: Soldat zieht in den Krieg

Die Schützenscheibe zeigt einen Soldaten, der sich von seiner Familie verabschiedet.
Die Schützenscheibe zeigt einen Soldaten, der sich von seiner Familie verabschiedet. © Stadtmuseum Löbau
An der Rückseite wird deutlich: hier hat der Holzwurm über die Jahrhunderte kräftig genagt.
An der Rückseite wird deutlich: hier hat der Holzwurm über die Jahrhunderte kräftig genagt. © Stadtmuseum Löbau

Zunächst einmal ist die Schützenscheibe aus der Äußeren Bautzner Straße mit ihren Einzelteilen jetzt in Quarantäne. Ja, so etwas gibt es auch für Museumsstücke und Kunstwerke. Vor allem dann, wenn noch nicht bekannt ist, ob und wie stark die Teile von Holzwurm, Schimmel oder anderem Ungeziefer befallen sind. Damit sie andere Ausstellungsstücke nicht "anstecken", werden sie in einem separaten Raum gelagert. Ein Restaurator muss die Teile demnächst noch unter die Lupe nehmen, um festzustellen, welche Schäden und Schädlinge es gibt. Fest steht bereits: der Holzwurm hat ordentlich geknabbert. Für solche Fälle bietet das Landesamt für Denkmalpflege Museen und Kunstsammlungen einen besonderen Service kostenfrei an: Die Fundstücke werden mit Stickstoff begast. Sechs Wochen müssen sie in der Gas-Quarantäne in Dresden ausharren, dann ist der Holzwurm eliminiert.

Auch die Löbauer Schützenscheibe wird demnächst nach Dresden gebracht, um sie dort auf diese Weise gänzlich vom Holzwurm zu befreien. Die Schäden macht das natürlich nicht rückgängig. "Eines der Bretter zerbröselt schon fast", sagt Cornelia Fünfstück nach der ersten Begutachtung des Fundstücks. "Das muss auf jeden Fall stabilisiert werden." Die studierte Museologin gehört seit Juni dieses Jahres zum Team vom Stadtmuseum. Zuvor hat die Dresdnerin in den Kunstsammlungen in Chemnitz gearbeitet und im Hygienemuseum in Dresden. "Die Arbeit im Stadtmuseum ist deutlich vielfältiger", resümiert sie nach einem knappen halben Jahr in Löbau. Denn hier beschäftigt sich die Museologin mit vielen verschiedenen Bereichen: zum Beispiel Kunst oder Handwerk.

Jetzt geht's dem Holzwurm an den Kragen

Etwa drei Monate wird es im besten Fall dauern, bis die alte Schützenscheibe so aufgearbeitet wäre, dass sie ausgestellt werden könnte, sagt die Expertin. Auch Kosten sind damit natürlich verbunden. Wenn auch die spezielle Stickstoffbehandlung gegen den Holzwurm für das Museum kostenfrei ist, so muss aber beispielsweise der Restaurator bezahlt werden. Auf mehrere hundert Euro schätzen Frau Wandt und Frau Fünfstück die Kosten. Hinzu kommt der Rechercheaufwand. "Wir wollen auch inhaltlich so viel wie möglich über das Fundstück herausfinden", so Corinna Wandt.

Was sie bisher wissen: das Haus, in dem die Scheibe gefunden wurde, gehörte einem Schuster. Möglicherweise war er in dem Jahr der Schützenkönig. Auch das Motiv gibt noch ein paar Rätselaufgaben auf. Offenbar verabschiedet sich ein Soldat von Frau und Kind.

Ob und wann die Schützenscheibe aus der Äußeren Bautzner Straße mal öffentlich gezeigt wird, ist noch offen. "Unsere Aufgabe ist es vor allem, solche Stücke zu verwahren und so lange es geht in möglichst gutem Zustand zu erhalten", sagt die Museumschefin. Auch wenn, wie jetzt wegen Corona, das Museum geschlossen ist, haben die Mitarbeiter also gut zu tun.

Sie arbeiten jetzt zum Beispiel weiter an der neuen Sonderausstellung, die am 13. Dezember eröffnet werden sollte. Gezeigt werden sollen die Entwürfe von Architekturstudenten zum neuen Besucherzentrum an der Nudelfabrik. Zwar wird die Ausstellung wohl wegen der Corona-Beschränkungen jetzt nicht eröffnet werden können. "Aber sobald es wieder möglich ist, werden wir sie zeigen", sagt Corinna Wandt. Parallel arbeiten sie und ihre Kollegen weiter an der neuen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte, die komplett überarbeitet wird.

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