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"Wo ist meine Jugendliebe Carola?"

Jens Gläser sucht seit 40 Jahren nach der Löbauerin. Mit ihr teilt er eine schlimme Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten wollten sie flüchten - und landeten im Knast.

Jens Gläser aus Thüringen (kleines Foto) sucht seine Jugendliebe Carola Rolling. Sie war Löbauerin.
Jens Gläser aus Thüringen (kleines Foto) sucht seine Jugendliebe Carola Rolling. Sie war Löbauerin. © dpa

Löbau. Eigentlich würde Jens Gläser die schlimme Zeit am liebsten vergessen. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Kinderheimen, im Jugendwerkhof, stand unter Arrest, sogar Fußfesseln musste er als Jugendlicher in der DDR zeitweise tragen. Und trotz der schlechten Erinnerungen denkt der heute 60-Jährige immer wieder an seine Jugendzeit zurück. Denn sie erinnert ihn auch an seine Jugendliebe Carola. Sie stammte aus Löbau. Das ist eine der wenigen Informationen, die Jens Gläser über sie hat.

Auch nach über 40 Jahren lässt sie ihn nicht los. "Ich will einfach wissen, was aus ihr geworden ist." Weil alle anderen Versuche, seine Jugendfreundin wiederzufinden, gescheitert sind, will Jens Gläser jetzt einen Versuch über die SZ starten. Er hofft, dass Löbauer sich an die Familie Rolling - so hieß das Mädchen mit Nachnamen - oder an Carola selbst erinnern und Hinweise geben können, was aus ihr geworden ist. Ihr Spitzname war damals Rolly. "Mit Y", sagt Jens Gläser. "Darauf hat sie großen Wert gelegt."

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Beim Fluchtversuch von der Polizei geschnappt

Gesehen hat er seine Jugendliebe "Rolly" zuletzt 1978. Da wurden die beiden Jugendlichen bei dem Versuch, aus der DDR zu flüchten, geschnappt und inhaftiert. Kennengelernt hatten sie sich damals im Jugendwerkhof in Hummelshain bei Jena, erzählt Jens Gläser. Gelandet waren sie dort, weil sie beide wohl keine einfache Kindheit hatten. In den Jugendwerkhöfen wurden Mädchen und Jungen eingewiesen, die im Sinne der DDR-Pädagogik als schwer erziehbar galten oder nicht ins Gesellschaftsbild des Staates passten. Einen Jugendwerkhof gab es zum Beispiel auch in Kottmarsdorf, im ehemaligen Rittergut.

Die Familie von Jens Gläser wurde politisch verfolgt, er wuchs bei der Uroma auf. Der nahm man das Kind dann weg. Jens Gläser lebte in Kinderheimen und wurde schließlich in die Einrichtung nach Hummelshain geschickt. "1976 kam ich dorthin. Ungefähr ein Jahr später kam Carola", erinnert er sich. Die Löbauerin hatte wohl ebenfalls Probleme daheim, war auch von zu Hause ausgerissen. Sie war etwa ein Jahr jünger als er, also damals 16 Jahre alt. Die Jugendlichen freundeten sich an. "Wir waren sehr verliebt", erzählt Jens Gläser.

So sah Jens Gläser in den 1970er Jahren aus. Das war die Zeit, als er Carola Rolling kennenlernte.
So sah Jens Gläser in den 1970er Jahren aus. Das war die Zeit, als er Carola Rolling kennenlernte. © privat

Oma riet: "Versuch' doch rüberzukommen"

Er selbst hatte eine Oma "im Westen", zu der er auch während der Zeit im Jugendwerkhof Kontakt hatte. Bei ihr beklagte er sich über die Zustände dort. Da riet sie dem Enkel eines Tages, er solle doch versuchen, "rüberzukommen". Das brachte den heute 60-Jährigen auf die Idee, gemeinsam mit seiner Carola aus der DDR zu fliehen. Aus heutiger Sicht eine wirklich blauäugige Schnapsidee. Denn von den Selbstschussanlagen an der Grenze und anderen Hindernissen wussten die Jugendlichen nichts. Nur mit einer Zange ausgestattet, machten sie sich auf den Weg. In Thüringen war die Grenze ja nicht weit. Sie wollten im Gebirge durch, bei Lehesten an der thüringisch-bayrischen Grenze. "Wir sind einfach losgelaufen. Die Grenze haben wir aber gar nicht gesehen", erzählt Jens Gläser rückblickend. Denn geschnappt wurden die beiden Teenager, als sie in einem Freibad in einen Kiosk einbrachen, auf der Suche nach Essbarem. Sie nahmen Kekse, Bockwürste und ein bisschen Kleingeld mit. Ein Nachbar hatte das wohl beobachtet und die Polizei gerufen. Bei der Befragung fanden die Beamten schließlich heraus, was das eigentliche Ziel der Jugendlichen gewesen war: Republikflucht. Und wegen dieses Delikts kamen beide zunächst in Untersuchungshaft, ihnen wurde der Prozess gemacht und sie landeten im Gefängnis.

Dort trennten sich ihre Wege - bis heute. "In der Untersuchungshaft waren wir noch in derselben Haftanstalt in Gera", so Jens Gläser. Nach dem Prozess aber kam Carola in ein anderes Gefängnis. Wohin, das weiß er nicht. Er selbst saß seine Haft in der JVA Gräfentonna in Thüringen ab. Er war damals zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, Carola zu ein paar Monaten weniger, soweit er sich erinnern kann.

"Sie war eine ganz süße Maus"

In den Westen, wo er schon mit Carola hin wollte, verschlug es ihn später tatsächlich - dort lebte er aber nur kurz. Inzwischen ist er wieder in Thüringen zu Hause. Und von dort aus sucht er noch immer seine Carola.

Gelebt haben Rollings wohl in Löbau in der Bahnhofstraße. Mehr weiß er über die Familie von Carola nicht. Vor vielen Jahren ist er schon einmal in Löbau gewesen und auf Spurensuche nach seiner Jugendliebe gegangen. Bei den Hausnummern 8 und 18 hat er geschaut, das waren die Nummern, an die er sich aus Erzählungen seiner Liebsten erinnern konnte. Die Suche blieb erfolglos. Nachfragen bei der Stadt und im Archiv ergaben ebenfalls nichts.

Auch ein Foto, das bei der Suche helfen könnte, hat er von seiner Jugendliebe nicht. "Sie hatte schwarze Locken und war eine ganz süße Maus", ist seine Beschreibung.

Jens Gläser hat nach der Wende seine Rehabilitation beantragt und auch erhalten. Für seine Haft bekommt er vom Staat eine Entschädigung. Dennoch kann er mit der Vergangenheit nicht abschließen, solange sein großes Ziel nicht erreicht ist: Carola wiederzufinden.

Wer Carola Rolling kennt, Kontakt herstellen oder Hinweise geben kann, wo sie heute lebt, wendet sich bitte an die SZ unter: [email protected]ächsische.de

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