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Lehrermangel: Viel Unterrichtsausfall und mehr

Auf dem Land fehlen Pädagogen. Wie prekär die Lage ist, zeigt das Beispiel der Fichte-Grundschule Neugersdorf. Nach Corona kommt es für die Kinder nun noch mal dick.

Elternsprecherin Julia Geyer-Gebler (links) und weitere Mütter mit ihren Kindern vor der Fichteschule. Sie kritisieren, dass der Lehrermangel hier für großes Chaos sorgt.
Elternsprecherin Julia Geyer-Gebler (links) und weitere Mütter mit ihren Kindern vor der Fichteschule. Sie kritisieren, dass der Lehrermangel hier für großes Chaos sorgt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der Sohn von Julia Geyer-Gebler beendet jetzt die zweite Klasse an der Fichte-Grundschule in Neugersdorf, kommt nach den Ferien in die dritte. Ein normales Schuljahr hat der Junge bisher noch nicht erlebt. Er wurde kurz vor der Corona-Pandemie eingeschult, schon in der ersten Klasse gab es einen Lockdown, die Kinder mussten zu Hause lernen. In der zweiten Klasse war das nicht viel anders. Und seine Mutter befürchtet, dass auch das kommende wieder kein normales Schuljahr werden wird. Das liegt aber nicht in erster Linie an der Angst vor einem erneuten Lockdown, sondern am Lehrermangel.

Der wird an der Neugersdorfer Grundschule jetzt immer deutlicher, erzählt die Mutter. Weil es nicht genügend voll ausgebildete Lehrkräfte gibt, wurde jetzt für das kommende Schuljahr vollkommen umgeplant. So verliert die Klasse ihres Sohnes nun ihre gewohnte Klassenlehrerin. "Mein Sohn hatte Tränen in den Augen, als ich ihm das gesagt habe", erzählt die Mutter.

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Quereinsteigerin gibt künftig Deutschunterricht

Die Kinder brauchen nach dieser schweren Zeit mit Homeschooling jetzt wenigstens etwas Kontinuität, sagt Frau Geyer-Gebler. "Und dann nehmen sie den Kindern die vertraute Klassenlehrerin weg!"

Erfahren haben die Eltern von der neuen Lehrerplanung jetzt ganz kurzfristig. Das ist auch so ein Punkt, den Julia Geyer-Gebler und andere Eltern kritisieren: die dürftige Informationspolitik der Schule. Sofort wendete sich Frau Geyer-Gebler, die Elternsprecherin in der Klasse ihres Sohnes ist, an die Schulleiterin. "Sie hat mir gesagt, unsere Klassenlehrerin wird an eine der neuen ersten Klassen gegeben. Da dürfte kein Quereinsteiger als Klassenleiter eingesetzt werden, hieß es." Das Landesschulamt (Lasub) in Bautzen sagt dazu: "In diesem sensiblen Bereich im Anfangsunterricht sollen möglichst erfahrenere und voll qualifizierte Lehrkräfte eingesetzt werden." Nach einem Muss klingt das aber nicht.

Stattdessen bekommen die Kinder der dritten Klasse nun eine tschechische Kollegin als Klassenlehrerin. "Sie gibt aber nur Mathe", hat Julia Geyer-Gebler erfahren. In Deutsch wird die Klasse ihres Sohnes künftig von einer Quereinsteigerin unterrichtet. "Und für Sachunterricht und Englisch weiß die Schule noch keinen Lehrer", erzählt Julia Geyer-Gebler. Im schlechtesten Fall werden die Kinder also in den Hauptfächern vier verschiedene Lehrer haben. Das ist an einer Grundschule durchaus unüblich. Oft gibt der Klassenlehrer als Bezugsperson sogar alle Hauptfächer. So war es auch mit der bisherigen Klassenleiterin.

Nebenfächer fallen aus

Dass die Neugersdorfer Kinder nun ihre vertraute Lehrerin verlieren, ist nicht das einzige Problem. Einige Fächer sind nur wenig oder gar nicht unterrichtet worden während der Pandemie. "Ethik hatten wir noch nie und die Nebenfächer wie Kunst oder Sport kann man in den zwei Jahren an einer Hand abzählen", erzählt Frau Geyer-Gebler. Aber auch das gehöre doch dazu und sei Voraussetzung dafür, dass die Kinder an den weiterführenden Schulen dann zurechtkommen.

Schulleiterin Anke Schneidewind möchte sich auf Nachfrage der SZ zu den Problemen nicht äußern. Sie verweist auf das Landesschulamt.

Das Lasub in Bautzen bestätigt auf Nachfrage, dass es solche Ausfälle gegeben hat. Man habe während des eingeschränkten Regelbetriebs an Grundschulen ausschließlich die Kernfächer Deutsch, Sachunterricht, Mathematik und in der Klassenstufe 4 Englisch in festen Gruppen unterrichtet, erklärt Lasub-Sprecher Vincent Richter auf Nachfrage der SZ. Fallen Lehrer, zum Beispiel wegen Langzeiterkrankungen aus, wird außerhalb der Kernfächer gekürzt oder die Fächer fallen ganz aus.

Personalmangel herrscht an allen Schularten

Die Personaldecke an allen Schularten - auch an den Grundschulen - ist dünn, räumt Vincent Richter vom Schulamt ein. Das betreffe vor allem eben ländliche Gebiete. Seiteneinsteiger, die seit einigen Jahren verstärkt als Lehrkräfte im Einsatz sind, seien daher eine wichtige Stütze, damit der Unterricht abgedeckt werden kann. Bevor sie zum Einsatz kommen, erhalten sie eine dreimonatige Grundausbildung, die wird dann berufsbegleitend fortgesetzt, erklärt Richter.

Im Sommer 2020 seien im Bereich des Lasub Bautzen 34 Lehrerstellen an Grundschulen mit Neueinstellungen besetzt worden, zusätzlich fünf Quereinsteiger.

Das reicht aber offenbar nicht. Der Mangel an ausgebildeten Pädagogen wird auch bei den Schulleitern deutlich: Anke Schneidewind, die Leiterin der Fichte-Grundschule, ist gleichzeitig Direktorin an der Leutersdorfer Grundschule. Die Leiterin dort war in den Ruhestand gegangen. Trotz mehrmaliger Ausschreibung fand sich bisher kein neuer Schulleiter, bestätigt Vincent Richter vom Schulamt. Deshalb beauftragte man Frau Schneidewind, die Leutersdorfer Schule mitzuübernehmen.

Zusätzlich werden auch Lehrer an andere Schulen abgeordnet, wenn es dort in bestimmten Fächern Engpässe gibt.

Sachsen will neue Lehrer aufs Land locken

Deshalb setze man nun auf verschiedene Maßnahmen, um mehr Lehrernachwuchs aufs Land zu locken. Vincent Richter nennt einige Beispiele: In Löbau wurde für Grundschulen eine Lehrerausbildungsstätte eröffnet. Hier absolvieren Referendare den Theorie-Teil ihrer Ausbildung. Außerdem werden neue Lehrer jetzt auch in Sachsen verbeamtet und es gibt Zulagen für Absolventen, die ihr Referendariat freiwillig in ländlichen Gebieten absolvieren. "Dies sind Maßnahmen, die die Personalsituation auf lange Sicht verbessern sollen", so der Sprecher vom Landesschulamt.

Ob das langfristig den gewünschten Erfolg bringt, wird sich zeigen. Den Neugersdorfer Eltern der Fichte-Grundschüler hilft es bei ihren Sorgen um die Bildung ihrer Kinder nicht.

Ministerium startet Förderprogramm

Zudem bleibt die Frage, wie die Defizite aufgeholt werden sollen, die durch die pandemiebedingten Probleme in den letzten zwei Schuljahren entstanden sind. Julia Geyer-Gebler ist froh über das Engagement der bisherigen Klassenlehrerin ihres Sohnes. Nur durch ihren großartigen Einsatz seien die Kinder jetzt auf einem guten Wissensstand, sagt sie. Sie vermutet aber, dass das nicht bei allen Schülern der Fall ist.

Deshalb läuft nun seit Anfang Juli das Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona", das vom sächsischen Kultusministerium aufgelegt wurde. 30 Millionen Euro stehen bereit, um Schülern Nachhilfe zu ermöglichen - in der Schule selbst oder zum Beispiel bei Volkshochschulen oder Nachhilfelehrern. Im Landesschulamt ist dafür extra eine Servicestelle eingerichtet worden. Hier können die Schulen Unterstützung bei der Organisation und finanziellen Abwicklung erhalten.

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