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Fischverkauf mit Hindernissen

Ines Rudolph ist seit fast 25 Jahren selbstständig mit dem Fischgeschäft in Neugersdorf. Eine Baustelle bringt sie jetzt in Not. Und es gibt ein zweites Problem.

Auch, wenn es wegen des Bauzauns nicht so aussieht: Der Fischladen von Ines Rudolph in Neugersdorf ist geöffnet. Täglich wird frischer Fisch angeliefert.
Auch, wenn es wegen des Bauzauns nicht so aussieht: Der Fischladen von Ines Rudolph in Neugersdorf ist geöffnet. Täglich wird frischer Fisch angeliefert. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Das Glöckchen an der Ladentür klingelt. Die Kundin ist sichtlich froh, dass sie den Eingang zum Geschäft gefunden hat. "Das ist ja eine Odyssee, hierherzukommen!" Ines Rudolph lacht hinterm Tresen. "Ja, das sagen alle, die es jetzt zu mir schaffen." Sie wickelt ein dickes Stück Räucherfisch ins Papier ein und die Kundin verschwindet damit wieder in den Baustellendschungel. Der liegt direkt vor Ines Rudolphs Ladentüre.

Seit bald 25 Jahren betreibt die Neugersdorferin den kleinen Fischladen an der Ecke Volksbadstraße/Lessingstraße in Neugersdorf. Einige Höhen und Tiefen hat sie in dieser Zeit durchgemacht, eine Herausforderung war es immer als Selbstständige. Aber nie war sie so groß wie jetzt. Denn ihr Geschäft ist von Bauzäunen umzingelt, der Besucher findet kaum den Eingang.

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Seit Anfang Juni werden hier Kanäle erneuert und anschließend die Straße. Die einzige Möglichkeit ist, mit dem Auto vom Kreisverkehr aus über die Elsa-Brandström-Straße bis vor die Baustelle zu fahren und dann die letzten Meter am Bauzaun vorbeizulaufen. Selbst als Fußgänger kommt man anders nicht zum Laden.

Bis Anfang Dezember soll der Bau dauern, so der Plan. Doch Ines Rudolph bezweifelt, dass dieser Plan zu halten ist. Immer wieder würden neue Probleme auftreten, erzählt sie.

Michael Kuba, Geschäftsführer vom Wasserversorger Sowag, bestätigt Frau Rudolphs Befürchtungen. Er ist in das Bauvorhaben involviert, weil Kanäle und Leitungen erneuert werden. "Es gibt Verzögerungen", sagt er. Es seien viele alte Leitungen zutage getreten, von denen niemand wusste. Leitungen mussten umgelegt und zusätzliche verlegt werden. "Wir werden sicher nicht bis zum Winter fertig."

Baustelle: Ist der Plan zu halten?

Kerstin Rudolph macht sich Sorgen, wie das Weihnachten und Silvester werden wird, wenn es auf der Baustelle nicht vorangeht. Denn dann herrscht im Fischladen Hochkonjunktur. Mehrere hundert Kilogramm Karpfen verkauft sie dann zum Beispiel. Der wird immer noch traditionell vor allem an Silvester gegessen. "Dann steht hier alles voller Autos. Das ist ja jetzt gar nicht machbar", sagt sie mit Blick auf den Bauzaun und das große Loch in der Straße vor ihrer Ladentür.

Ines Rudolph ist mit ihrem Fischladen die einzige Einzelhändlerin, die von der Baumaßnahme betroffen ist. Andere Geschäfte gibt es hier nicht. Für die Garagenkolonie gegenüber wurde eine Behelfszufahrt eingerichtet. Der Durchgangsverkehr fehle ihr auf jeden Fall, sagt die Händlerin. "Da hielt öfter mal einer an, um sich ein Fischbrötchen zu holen und hat dann auch noch was anderes mitgenommen." Diese Spontaneinkäufe fallen nun ganz weg. Und selbst mancher Stammkunde traut sich nicht durch die Baustelle. "Vor allem die Älteren sind verunsichert."

Fischbrötchen sind beliebt

Das zweite Problem für Ines Rudolph: Im vorigen Jahr gab der Fischverarbeitungsbetrieb "Edelfisch" in Neugersdorf den Betrieb aus Altersgründen auf. Edelfisch war auf dem Gelände des alten Neugersdorfer Schlachthofs ansässig. Von dem Unternehmen, auf dessen Areal sich auch Ines Rudolphs Laden befindet, bezog sie seit jeher ihre Waren. "Seit es Edelfisch nicht mehr gibt, denken viele, dass ich auch zu habe", sagt Ines Rudolph. Aber sie hat auch nach der Schließung des Fischbetriebs ohne Unterbrechung weitergemacht. "Ich habe mir einen neuen Lieferanten gesucht", erzählt sie. Ihre Waren bezieht sie jetzt von einem Fischhandel aus der Oberlausitz. "Ich bin sehr zufrieden. Er liefert super Qualität." Das Angebot reicht von einer großen Auswahl an Räucherfisch über Salate bis hin zu Frischfisch.

Beliebt sind Ines Rudolphs Fischbrötchen. Die stellt sie selber her: mit Bismarck- oder Brathering, Seelachs, Matjes oder Räucherfisch. Für's Auge gibt's ein Blatt Salat mit drauf. Den baut Ines Rudolph draußen auf dem Gelände selber an. "Platz genug ist ja hier." Auch investiert hat sie in der vergangenen Zeit wieder in ihren Laden: In eine Eismaschine, denn der frische Fisch wird in der Kühltheke auf Eis gelegt. In Kühlgeräte und in eine neue Theke hat sie Geld gesteckt. Auch aus diesem Grund bereitet ihr die aktuelle Baustellenflaute Sorgen. Sie hat sogar schon daran gedacht, die Öffnungszeiten zu verkürzen und sich einen Nebenjob zu suchen. "Aber dann gibt es wieder Tage, da läuft es gut und das motiviert einen dann", sagt sie. Also verwarf sie die Kürzungspläne und steht weiterhin von Dienstag bis Sonnabend in ihrem Laden. "Da steckt ja auch viel Herzblut drin."

Von Lautex zum Fischhandel

Dabei hat sie ursprünglich einen ganz anderen Beruf gelernt. Wie viele Neugersdorfer arbeitete sie bei Lautex, ist gelernte Instandhaltungsmechanikerin. Zum Fisch kam sie nach der Wende durch Zufall. Mitte der 1990er Jahre verkaufte sie zunächst für Edelfisch auf einem mobilen Wagen. Dann bot man ihr an, den Fischladen zu übernehmen, den es hier auf dem Gelände schon seit Jahrzehnten gibt. Ines Rudolph führte ihn von Anfang selbstständig. Sie mietete den Laden von "Edelfisch".

Das Wissen um den Fisch hat sie sich über die Jahre angeeignet. Wie man geräucherten Hering und Bückling auseinander halten kann, zum Beispiel. Denn die Fische sehen im Prinzip gleich aus, wenn sie in der Verkaufstheke liegen. "Der Hering ist fester", erklärt die Fachfrau, "weil er kalt geräuchert wird."

Laden soll so lange wie möglich bleiben

Ihr Vermieter ist jetzt nach dem Ende von "Edelfisch" die Unruh-Deerberg Immobilien GbR. Das Familienunternehmen, das gegenüber das Spreequellcenter betreibt, kaufte das Gelände - mit dem Plan, das Einkaufscenter um fast das Doppelte zu erweitern. Damit geht es aber noch nicht so recht voran. Allerdings werde hinter den Kulissen weiter an den Plänen gearbeitet, bestätigte zuletzt Charlotte Deerberg von der Immobilien GbR gegenüber SZ.

Ines Rudolph jedenfalls will in ihrem Eckladen bleiben, solange es geht. Auch der Umzug an einen anderen Standort in Neugersdorf ist keine Option. "Richten Sie mal heutzutage einen neuen Laden ein. In diesen unsicheren Zeiten kann ich so eine Investition nicht mehr wagen."

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